22.01.2020 15:00 |

Anti-Nazi-Satire

„Jojo Rabbit“: Adolf Hitler als imaginärer Kumpel

In Taika Waititis „Jojo Rabbit“ möchte ein zehnjähriger Hitlerjunge nichts sehnlicher, als der beste Nazi werden, um seinen imaginären, besten Freund Adolf Hitler (Waititi) stolz zu machen. Als er sich in eine Jüdin verliebt, muss er sein Weltbild allerdings überdenken. Der in jeder Hinsicht unkonventionelle Film kommt nun in die heimischen Kinos.

Als „Jojo Rabbit“, basierend auf einem viel düsteren Roman („Caging Skies“) der belgisch-neuseeländischen Autorin Christine Leunens, 2019 auf dem Toronto Film Festival seine Premiere feierte, wurde es mit dem prestigeträchtigen People‘s Choice Award ausgezeichnet. Aber die kindliche und bisweilen vielleicht sogar naive Herangehensweise der Komödie an ihr schwieriges Thema wird das Publikum gerade in den deutschsprachigen Ländern verlässlich spalten. Waititis Film existiert in einem so bonbonfarbenen Kosmos, dass der wahre Schrecken des Krieges immer weit entfernt zu sein scheint.

Roman Griffin Davis spielt Johannes „Jojo“ Betzler, einen zehnjährigen deutschen Buben, der Hitler so sehr verehrt, dass er sich während der letzten Tage des Zweiten Weltkrieges den Diktator (mit Chuzpe und Slapstick gespielt von Waititi) als allgegenwärtigen Mentor und Kumpel vorstellt. Jojo engagiert sich entschieden für die Sache der Nationalsozialisten. „Mann“, sagt Hitler, „du bist wirklich der treueste Nazi, den ich je getroffen habe!“

Sein Vater ist im Krieg. Seine Schwester ist gestorben. Alles was Jojo bleibt, ist eine Jugendgruppe für Antisemitismus (Sam Rockwell und Rebel Wilson sind die Führer der Hitlerjugend), in dem er Fertigkeiten wie den Gebrauch von Granaten und das Verbrennen von Büchern lernt. Als er entdeckt, dass seine Mutter (Scarlett Johansson) ein jüdisches Mädchen namens Elsa (Thomasin McKenzie) bei ihnen zu Hause versteckt, ist Jojo gezwungen, sich mit seinen Vorurteilen und Ängsten auseinanderzusetzen. An einer Stelle fragt er Elsa, „wo die Judenkönigin ihre Eier legt“.

Natürlich sind die Dinge nicht so, wie sie scheinen, aber wir wissen aus der Geschichte, dass Jojo mit seinen Wahnvorstellungen nicht alleine ist. Der Vorspann des Films verdeutlicht dies und setzt eine optimistische deutsche Version des Beatles Songs „I Want to Hold Your Hand“ mit Filmmaterial von Hitlers rasenden jungen Fans in Szene. Von da an geht „Jojo Rabbit“ abwechselnd auf surreale, sentimentale und melodramatische Weise vor, und trifft nicht immer den richtigen Ton, während der Krieg eskaliert und Jojo langsam beginnt zu verstehen, was gerade in seiner Heimat vor sich geht.

Das sagt „Krone“-Kinoexpertin Christina Krisch zum Film: Waititi karikiert den von ihm selbst gespielten Führer als Hanswurst und wagt eine mutige Synthese aus absurdem Witz und verstörendem Ernst. Dass die Satire bisweilen in wilde Kalauer ausufert - eines Mel Brooks würdig, und sich das als peinlich empfundene Lachen in die Hysterie flüchtet, ist zum Teil schwer verdaulich und mag den Zeitzeugen dieserKriegsjahre schwer im Magen liegen. Auch die Groteske verlangt nach Feingefühl und an dem mangelt es hier. Recht blass auch Scarlett Johansson als widerständige Mutter. Und für eine Satire traut sich der Streifen letztlich zu wenig. Nur selten gedeihen Humor und Tragik mit dem gleichen Humus.

Kinostart von „Jojo Rabbit“: 23. Jänner.

APA/Kronen Zeitung

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