12.08.2019 12:05 |

„Köpfe abschneiden“

Wegen Shorts: Junge Helferinnen mit Mord bedroht

Den Frauen sollten man „die Köpfe abschneiden“: Für viel Aufregung hat die Aktion einer belgischen Hilfsorganisation in Marokko gesorgt. Eine Gruppe junger Frauen und Männer hatte im Rahmen eines Sommercamps in dem nordafrikanischen Land beim Bau einer Straße geholfen. Dass die mehrheitlich weiblichen Jugendlichen aus Belgien dabei in Shorts und T-Shirt arbeiteten, erregte die Gemüter - ein Lehrer wurde festgenommen, weil er auf Facebook zum Mord an den Mädchen im Namen des Islam aufgerufen hatte. Mehrere junge Belgierinnen verließen angesichts der Drohungen vorzeitig das Land, der Verein verzichtet indessen vorerst auf die Entsendung weiterer Jugendlicher nach Marokko.

Es hätte eigentlich eine ganz normale Hilfsaktion in der Region rund um die Oasenstadt Taroudant im Süden von Marokko sein sollen, die jetzt über die Grenzen des nordafrikanischen Landes hinweg für Diskussionsstoff und teils extreme Reaktionen sorgt.

Der flämische Verein Bouworde entsendet seit Langem erfolgreich Jugendliche in Sommercamps nach Afrika, Asien und andere Teile der Welt, um die Bevölkerung vor Ort etwa bei Straßenbauprojekten, neuen Schulen oder der Errichtung von Bewässerungssystemen zu unterstützen. In der Region in Südmarokko beteiligten sich die jungen Belgierinnen und Belgier auch diesen Sommer wieder an solch einer Aktionen.

Insgesamt 37 Jugendliche halfen Anfang August beim Bau neuer Straßen in Assaka. In den sozialen Netzwerken kursierende Videos der Jugendlichen, überwiegend Mädchen, die in der Sommerhitze die anstrengende Arbeit verrichten, brachten den Belgiern Lob und Bewunderung bei Einheimischen und Menschen in ganz Marokko ein, wie lokale Medien berichteten.

„Die Bevölkerung der Stadt ist sehr nett, sie sind immer freundlich und sie sagen immer Hallo“, ist eines der Mädchen in einem Video zu hören. „Mir gefällt es hier sehr gut und die Erfahrung war unglaublich.“ Eine andere Freiwillige in demselben Video, ein 15-jähriges Mädchen, sagt, sie sei dort, um „den Menschen in Marokko“ zu helfen.

Shorts lösten heftige Diskussion in marokkanischen Medien aus
Doch nicht alle Marokkaner zeigten sich über die Arbeit der jungen Belgier erfreut. Ihren Unmut erregte nämlich die in den Videos und Fotos gezeigte Tatsache, dass die Mädchen in kurzen Shorts und T-Shirt ihre Arbeit - bei glühender Hitze - verrichteten. Die offenbar nach Ansicht so manchen konservativ-islamischen Bürgers für marokkanische Verhältnisse zu kurze Bekleidung löste eine teils heftige Diskussion in den Medien und sozialen Netzwerken aus, an der sich auch Politiker beteiligten.

Ein junger marokkanischer Lehrer ging sogar soweit, via Facebook zur Ermordung der Mädchen aufzurufen. In Anlehnung an die brutale Enthauptung zweier Skandinavierinnen in Marokko - die Rucksack-Touristinnen aus Norwegen und Dänemark waren im Dezember des Vorjahres im Nationalpark Toubkal unweit von Marrakesch von IS-Anhängern ermordet worden- forderte der 26-Jährige, man solle den Frauen „die Köpfe abschneiden, damit niemand anderer es mehr wagen werde, die Lehren unserer Religion infrage zu stellen“.

Drei Mädchen nach Morddrohung vorzeitig abgereist
Der Lehrer wurde wenig später festgenommen und die marokkanischen Behörden sicherten dem Verein Bouworde eine verstärkte Polizeipräsenz rund um das Sommercamp zu. Dennoch wollten zumindest drei der 37 Jugendlichen das Land so schnell wie möglich Richtung Heimat in Europa verlassen, wie marokkanische und belgische Medien übereinstimmend berichteten.

Nachdem sich auch die belgische Botschaft in Rabat und das Außenministerium des EU-Landes eingeschaltet hat, beschloss die flämische Hilfsorganisation mittlerweile, vorerst keine Jugendlichen mehr nach Marokko zu entsenden. Bouworde betonte aber zugleich in einer Stellungnahme, dass sich die Bewohner der südmarokkanischen Region für die Sicherheit der Belgier eingesetzt hätten. Es habe demnach überwiegend positive Reaktionen gegeben, insbesondere von jenen Menschen, denen man helfen konnte. Die Bewohner hätten die jungen Belgierinnen und Belgier herzlich in ihrer Mitte aufgenommen.

Dennoch könnte das langjährige Engagement des Vereins rund um Taroudant, wo die Jugendlichen in der Vergangenheit auch beim Bau von Schulen und Frauenzentren geholfen haben, infolge der beängstigenden Eskalation rund um Shorts und T-Shirt zu einem abrupten Ende kommen.

Ein Lichtblick: Am vergangenen Wochenende gingen in Casablanca zahlreiche Frauen in kurzen Hosen auf die Straße, um sich mit dem Hashtag #YesWeShort mit den jungen Belgierinnen zu solidarisieren. Das Ziel des Marsches war es, „eine Botschaft an die Obskuranten (veraltetes Wort für Dunkelmänner; Anm.) zu senden, die uns ihre extremen Gedanken aufzwingen und das Image unseres Landes zerstören wollen“, wie die Organisatoren der Veranstaltung erklärten.

Harald Dragan
Harald Dragan
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