16.07.2019 06:00 |

Tägliche Gewalt

Libyen: Hunger, Folter, Chaos in Flüchtlingslagern

Libyen ist ein gefährliches Pflaster für Flüchtlinge, die in den dortigen Lagern festsitzen. Hilfsorganisationen berichten von Gewalt und Folter, von Vergewaltigungen, Hunger und Zwangsarbeit. Nach der Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete forderte nun auch die UNO den Stopp von Flüchtlingsrückführungen in das Bürgerkriegsland. Rackete sprach gar von einer halben Million Menschen, „die in den Händen von Schleppern sind oder in libyschen Flüchtlingslagern, die wir rausholen müssen“.

„Manchmal sind die Geflüchteten buchstäblich übereinandergestapelt, unter entsetzlichen hygienischen Bedingungen und mit großen Schwierigkeiten, an Wasser zu gelangen. Ab und zu gibt es überhaupt kein Trinkwasser“, berichtet ein Helfer. Die Situation wird als katastrophal beschrieben. „Die dort inhaftierten Menschen, hauptsächlich Geflüchtete, sterben weiterhin an Krankheiten, Hunger und sind Opfer von Gewalt, Vergewaltigung und der willkürlichen Behandlung durch Milizen“, sagt Julien Raickmann, Leiter von Ärzte ohne Grenzen in Libyen. Dazu gibt es Berichte über die libysche Küstenwache, die Menschen ertrinken lässt, statt sie aus dem Meer zu retten.

Migranten zwischen den Fronten der libyschen Warlords
Laut dem UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR halten sich rund 850.000 Migranten in dem nordafrikanischen Land auf. Bei einem Luftangriff auf ein Lager nahe der Hauptstadt Tripolis kamen Anfang Juli mehr als 50 Flüchtlinge ums Leben. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) werden derzeit mindestens 5200 Menschen in offiziellen Internierungslagern in Libyen festgehalten, die meisten von ihnen kommen aus dem Sudan, Somalia und Eritrea. Wie viele in illegalen Lagern in dem von Gewalt und Chaos geprägten Land gefangen gehalten werden, ist nicht bekannt.

Für Entsetzen hatten im Februar Bilder des britischen Senders Channel 4 aus von Schleppern betriebenen Lagern gesorgt: Zu sehen ist etwa, wie ein Mann am Boden liegt und vor Schmerz schreit. An seine Fußsohlen wird ein Bunsenbrenner gehalten. Ein anderer hängt kopfüber von der Decke, auf seinen Kopf ist eine Pistole gerichtet. Die Milizen wollen mit der Brutalität Geld von den Familien der Flüchtlinge erpressen.

Flüchtlinge auf Sklavenmarkt verkauft
Im Jahr 2017 deckte ein Reporter des Senders CNN auf, wie Flüchtlinge auf einem Sklavenmarkt in Libyen wie Vieh verkauft werden. Für rund 600 Euro „pro Stück“ werden die Männer versteigert. „Dieser hier ist stark, er kann graben und für Erdarbeiten eingesetzt werden“, preist der Auktionator, dessen Gesicht nicht erkennbar ist, seine „Ware“ an. Die Aufnahmen zeigen Männer aus Afrika, die meisten sind wohl Anfang bis Mitte 20. Das Handyvideo stammt vom August 2017 und wurde CNN von einem Informaten zugeschickt.

Mann versuchte, Küstenwache schwimmend zu entkommen
Die Verzweiflung unter den Geflüchteten ist so groß, dass im Mai ein Mann von einem klapprigen Boot ins Meer sprang, als er die nahende Küstenwache entdeckte, wie eine Aufnahme der deutschen Seenotrettungsorganisation Sea-Watch zeigt.

„Europäische Länder sind blind“
Nun wird auch die Kritik an Europa lauter: „Die europäischen Länder sind in gewisser Weise blind hinsichtlich der Lage der Migranten in Libyen“, sagt UNHCR-Sonderbeauftragter Vincent Cochetel. Die jüngsten Kämpfe hätten die Situation noch verschlimmert, die EU könne mit den mit Libyen vereinbarten Rückführungen nicht einfach weitermachen. Die EU verteidigt ihren Kurs: Die Zahl der in Italien ankommenden Flüchtlinge habe sich deutlich verringert.

Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete ging dagegen noch einen Schritt weiter. Sie forderte die EU auf, alle Flüchtlinge aus Libyen aufzunehmen. „Die, die in Libyen sind, müssen dort sofort raus in ein sicheres Land“, sagte Rackete der „Bild“-Zeitung. Deutschland und andere europäische Staaten hätten „eine historische Verantwortung an den Umständen in Afrika noch aus der Kolonialzeit. Die heutigen Machtverhältnisse sind durch Europa bestimmt worden.“ Deshalb gebe es eine historische Verantwortung, Flüchtlinge aufzunehmen, „die wegen der Machtverhältnisse oder auch der Klimasituation nicht mehr in ihren Ländern leben können“.

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