Di, 25. Juni 2019
13.06.2019 09:34

Versuche in Wien

Roboter vertritt kranke Schüler in der Klasse

In Österreich gibt es mehrere tausend Kinder, die wegen schwerer Erkrankungen nicht regelmäßig zur Schule gehen können. Dadurch verpassen sie nicht nur viel Unterricht. „Soziale Isolation erzeugt Stress, das ist schlecht für die Heilung“, sagt Monika Fuchs-Brantl von der Heilstättenschule Wien. Ein kleiner Roboter soll den Kindern deshalb helfen, nicht den Anschluss an die Klasse zu verlieren.

AV1 heißt der rund 30 Zentimeter große Avatar der norwegischen Firma No Isolation. 850 sind derzeit im Umlauf, der Großteil davon in Skandinavien, Großbritannien und den Niederlanden. Bei einem EU-Austauschprojekt mit einer niederländischen Schule für Kinder mit Körperbehinderungen und chronischen Erkrankungen hat Fuchs-Brantl hat von dem Avatar erfahren und ihn für einen dreimonatigen Testbetrieb nach Wien geholt. Seit April ist der AV1 an einer Volksschule in Favoriten im Einsatz, finanziert aus Mitteln eines Erasmus-Plus-Projekts der EU.

Testkind Dominik, der die dritte Klasse besucht und wegen seiner Krebserkrankung bereits ein Schuljahr verloren hat, soll durch den Avatar nicht nur von daheim dem Unterricht folgen können. Der AV1 soll dem Burschen vor allem helfen, schon von zuhause eine Verbindung zu seinen neuen Klassenkollegen aufzubauen und ihm so die Rückkehr an die Schule erleichtern.

Roboter als Stellvertreter
Der kleine Avatar, den Dominik über ein Tablet steuern kann, sitzt dabei als sein Stellvertreter im Klassenzimmer: Per Emoticon kann Dominik anzeigen, ob er glücklich, verwirrt oder traurig ist. Er kann den Kopf des Roboters drehen und über die eingebaute Kamera in der Klasse herumschauen oder im Flüstermodus mit dem Sitznachbar tratschen. Ein blinkendes Lämpchen bedeutet, dass Dominik aufzeigt und der Klasse etwas sagen möchte; ein blaues Licht zeigt an, wenn er gerade erschöpft ist und deshalb nicht aktiv am Unterricht teilnehmen will.

Der handliche AV1 kann auch gut mitgenommen werden auf Lehrausgänge oder Partys. Um die Hemmschwelle für solche Einsätze des 3000 Euro teuren Geräts zu senken, ist in der monatlichen Betriebspauschale von 80 Euro eine Versicherung enthalten. „Man bekommt auch tatsächlich sehr rasch ein Ersatzgerät“, kann Fuchs-Brantl nach einem „Unfall“ des Avatars berichten.

Kinder akzeptierten Roboter schnell
Von den Mitschülern wurde der Avatar tatsächlich gut als Dominiks Stellvertreter angenommen, erzählt Dominiks Klassenlehrerin Sylvia Wulz. Nur ganz zu Beginn seien die Kinder ein wenig gehemmt gewesen, über den AV1 mit Dominik zu kommunizieren. Schnell sei es allerdings ganz normal geworden, dass die Kinder Dominik beim Einstieg in den Unterricht begrüßen, dass dem Avatar bei Experimenten im Sachunterricht ein Platz mit guter Sicht organisiert wird und die Mitschüler der Lehrerin Bescheid geben, wenn Dominik per blinkendem Licht aufzeigt.

Bis auf Werken und Turnen könne man Kinder über den Roboter in allen Fächern gut in den Unterricht einbinden, sagt Wulz. Sie hebt auch den Faktor Alltagsroutine für Kinder, die lange nicht die Schule besuchen können, positiv hervor. „Ich glaube, die fixen Termine zum Zuschalten in den Unterricht sind ein Anreiz fürs Lernen.“ Während sich Dominik anfangs nur dann in den Unterricht eingeklinkt hat, wenn seine Hauslehrerin der Heilstättenschule dabei war, hat er ihn nach ein paar Wochen auch schon alleine aufgedreht.

Roboter ist sogar bei Ausflügen dabei
Auch bei Ausflügen war Dominik dank Avatar dabei, etwa auf dem Wasserturm in Wien-Favoriten. „Auf der Aussichtsplattform sind die Kinder dann gleich zum Roboter gelaufen und haben hineingerufen: ‘Dominik! Schau, da ist unsere Schule!‘“, schildert Wulz. „Und Dominik hat sich gefreut, dass er auch die Aussicht mit den anderen Kindern genießen konnte.“ Diese sozialen Kontakte über den Avatar seien sicher eine gute Vorbereitung auf Dominiks Rückkehr ins Klassenzimmer gewesen. Mittlerweile kann er schon wieder stundenweise in der Klasse sitzen.

Heilstätten-Lehrerin Monika Fuchs-Brantl sieht Einsatzmöglichkeiten für den AV1 übrigens nicht nur bei jenen Schülern, die wegen Krebs oder nach Operationen oder wegen langwieriger Behandlungen längere Zeit nicht in die Schule gehen können. Sie denkt auch an Kinder mit chronischen Krankheiten oder Schulangst, die derzeit gar nicht beschult würden. „Hier gibt es viel Potenzial.“

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