23.04.2019 12:43 |

Zu Besuch bei Huawei

So soll die Digitalisierung unser Leben verändern

Begriffe wie Digitalisierung, künstliche Intelligenz und 5G sind in aller Munde, doch so recht darunter vorstellen kann man sich hierzulande unter ihnen bislang nur wenig. Anders im chinesischen Shenzhen. Die Millionenmetropole ist Stammsitz des chinesischen Handyherstellers und Netzwerkausrüsters Huawei und steht beispielhaft für den rasanten Aufstieg Chinas. Verantwortlich für diesen zeichnet auch der Einsatz moderner Technologien. Doch es gibt Schattenseiten. 

Shenzhen - noch vor 30 Jahren zählte das einstige Fischerdorf an der Grenze zu Hongkong gerade einmal 30.000 Einwohner. Mit der Ernennung zur ersten Sonderwirtschaftszone Chinas im Jahr 1980 und entsprechenden Steuervorteilen für Unternehmensgründer setzte ein regelrechter Bauboom ein. Inzwischen tummeln sich auf einer Fläche fast fünf Mal so groß wie Wien mehr 12,5 Millionen Menschen. „Mehr Menschen bedeutet mehr Verwaltung“, erläutert Joe Kelly, Unternehmenssprecher von Huawei. Der in Shenzhen beheimatete Handyhersteller und Netzwerkausrüster will mit seinen Technologien dazu beitragen, dass das Leben in der Metropole in geregelten Bahnen verläuft. 5G, künstliche Intelligenz und Big Data sollen es ermöglichen und zahlreiche Prozesse durch Automatisierung effizienter gestalten.

Bezahlen per Gesichtserkennung und vernetzte Kühe
Ein Beispiel: Verkehr. Durch eine intelligente Ampelsteuerung, d
ie sich dynamisch an das Verkehrsaufkommen anpasst, konnte die Zeit, die Autofahrer in Shenzhen im Stau verbringen, laut Huawei um 17 Prozent reduziert werden. Auch unterirdisch soll der Verkehrsfluss beschleunigt werden - dank Gesichtserkennung. Im Rahmen eines Projekts wird aktuell in der Shenzhener U-Bahn das Bezahlen per Gesichtserkennung getestet. Schlangen am Ticket-Schalter bzw. Fahrkartenautomaten sollen damit der Vergangenheit angehören. Bei der Bewältigung der enormen Datenmengen im Hintergrund ist Huawei mit seinen Netzwerken und Servern behilflich.

Doch die Digitalisierung soll auch andere Lebensbereiche optimieren, die man mit dieser zunächst wohl nicht in Verbindung bringt. Beispielsweise die Milchwirtschaft. So stattete Huawei im Rahmen seines „Connected Cow“-Projekts 2017 Milchkühe mit Sensoren aus, die biometrische Informationen über Körpertemperatur, Puls, Tagesbewegungen und vor allem den Östrogenzyklus der Tiere sammelten, um die Paarungszeiten bestmöglich zu bestimmen. Ergebnis: Die teilnehmenden Milchbauern konnten dank der vernetzten Kühe laut Huawei ihre Jahresumsätze um 50 Prozent steigern.

Im Februar des Vorjahres demonstrierte das Unternehmen mit der weltweit ersten 5G-Operation dagegen, wie mithilfe des neuen Mobilfunkstandards die Medizin revolutioniert werden könnte. Die Kombination aus hoher Bandbreite und geringer Latenzzeit ermöglichte es einem Chirurgen, einem Versuchstier aus der Ferne in Echtzeit operativ einen Lungenlappen zu entfernen.

„Öffentliche Sicherheit“ versus Big Brother
Aller positiven Effekte der Digitalisierung zum Trotz, bleiben - zumindest aus europäischer Sicht - doch Bedenken. Zum einen hinsichtlich des Datenschutzes und der Privatsphäre, zum anderen bezüglich der Arbeitsplätze. Huawei-Sprecher Joe Kelly wischt beide beiseite. Die in Shenzhen omnipräsente Überwachung habe nichts mit „Big Brother“ zu tun, sondern diene lediglich der „öffentlichen Sicherheit“. Und was die Jobs anbelange, so fehlten aktuell rund eine Million Fachkräfte im Bereich der künstlichen Intelligenz. Auf die Frage, was aus dem einfachen Arbeiter werde, der sich nicht entsprechend umschulen lässt, weiß Kelly jedoch keine Antwort.

Die findet sich vielleicht im rund eine Autostunde von Shenzhen entfernten Songshan Lake, wo Huawei seine Smartphones fertigt. Beim Besuch einer rund 120 Meter langen, nahezu vollautomatischen Produktionsstraße für das Smartphone P20 erläutert eine Werksführerin, das hier, wo bis vor Kurzem noch über 80 Mitarbeiter im Einsatz waren, mittlerweile nur noch 17 Arbeitskräfte ihren Dienst verrichteten. Was denn aus den rund 60 Mitarbeitern geworden sei, die nicht mehr benötigt würden, möchte ein Journalist wissen. Sie seien an andere Fertigungsstraßen versetzt worden, lautet die Antwort. Irgendwann dürfte allerdings selbst Huawei keine zusätzlichen Fertigungsstraßen mehr benötigen - und dann?

Sebastian Räuchle
Sebastian Räuchle
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