So, 19. August 2018

In der Ostschweiz

16.06.2018 08:00

Kulturerbe und Naturpracht in St. Gallen

Die Region St. Gallen ist an Vielfalt kaum zu überbieten: Vom leuchtenden Bodensee streckt sich das Schweizer Ufer in schneebedeckte Alpen. Mittendrin: ein barockes Weltkulturerbe und der größte Wasserfall Europas.

Immer mehr Touristen fliegen auf die Ostschweiz. Jene, die schon alles gesehen haben, werden hier genauso wenig enttäuscht wie jene, die einfach keine Lust auf überlaufene Urlaubsdestinationen haben. Kaum eine Region bietet so eine vielfältige Ferienlandschaft wie die Ostschweiz. Die Stadt St. Gallen beherbergt mit dem Stiftbezirk ein prächtiges Weltkulturerbe. Von hier aus erreicht man schnell die imposante Alpenkette, die zum Wandern einlädt. Am 2502 Meter hohen Säntisgipfel schweift der Blick über sechs Länder. Nur einen Katzensprung entfernt ist aber auch der sonnenwarme Bodensee, wo idyllische kleine Orte und blumenübersäte Wiesen entlang des Ufers eine malerische Badelandschaft bilden.

Wir starten am Rheinfall
600.000 Liter Wasser donnern in der Sekunde die 150 Meter breite Klippe hinunter. Sattgrüne Baumkronen umrahmen die Kulisse. Das mittelalterliche Schloss Laufen ragt zwischen dem Blätterdach heraus. Der Rheinfall, er ist der größte Wasserfall Europas. Per Bootsfahrt erreichen Besucher den mächtigen Felsen mittendrin und spüren die Kraft der Natur hautnah. Ein Gänsehaut-Erlebnis, das jährlich rund 1,5 Million Menschen anlockt. „Viele Touristen von anderen Kontinenten beginnen oder beenden am Rheinfall ihre Europa-Reise“, erklärt der Reiseführer. Im Moment erlebt das Naturspektakel einen Boom unter indischen Gästen. Ein Tag ist hier auch im abenteuerlichen Kletterpark, auf den Wanderrouten oder bei Wein- und Kulinariktagen gut verbracht. Doch während der Rheinfall weltberühmt ist, ist das dazugehörige Städtchen Schaffhausen den wenigsten bekannt.

Am ehesten horchen Amerikaner bei dem Namen auf: 1944 bombardierten US-Flugzeuge den Ort. Aus Versehen. Ja, aus Versehen. Sie hatten sich verflogen und trafen anstelle des deutschen Ludwigshafen das Schweizer Schaffhausen. Für die Tragödie entschuldigte sich Präsident Roosevelt später. Der Stadt heute einen Besuch abzustatten ist aber alles andere als ein Versehen. So viel Mittelalter ist kaum woanders erhalten. Von der kreisrunden Festung Munot blickt man auf die Altstadt und die Weinhänge entlang des Rheins. Ganz oben im Turm lebt seit Jahrhunderten ein Munotwächter. Noch heute läutet er täglich um 21 Uhr die Turmglocke, wie früher, als jeden Abend die Stadtmauern geschlossen wurden. Vor einem Jahr hat erstmals eine Frau den Job von der Stadt bekommen. So weit, so modern, ansonsten scheint die Zeit in den malerischen Gassen oder in dem im 11. Jahrhundert erbauten Kloster Allerheiligen wie stehen geblieben. Und am Ende versteht man, warum Touristen massenweise ihre Reise am Rheinfall starten, um sich mit einem Spektakel zu Beginn auf den Urlaub einzustimmen.

Mit der Bahn geht es weiter
So wie wir von Zürich bequem mit dem Zug zum Rheinfall gereist sind, so unkompliziert steht die nächste Verbindung nach St. Gallen. Das Netz ist vorbildlich: Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht man in der Region ein Dorf am Bodensee genauso schnell wie den Berggipfel. Wanderer und Radler kommen hier auf ihre Kosten. Wobei die zahlreichen Biker entlang der grünen Hügellandschaft auch sichtlich das Naturschauspiel bewundern. Und schon sind wir im Zentrum St. Gallens, des UNESCO-Weltkulturerbes.

Barocke Reichtümer, von der Kathedrale bis zur Stiftsbibliothek, sind nur ein Teil der Schätze St. Gallens. „Seelen-Apotheke“ steht in griechischer Inschrift am Eingang zur Bibliothek. Eine ein Jahrtausend alte Büchersammlung von 170.0000 Bänden beherbergt der Barocksaal. Betreten darf man ihn nur in übergroßen Filzschlapfen, um das empfindliche Tannenparkett zu schützen. In bedächtiger Ruhe streifen so Besucher beeindruckt durch den Saal und bleiben dann doch alle vor dem transparenten Sarg hängen, in dem die ägyptische Mumie der Schepenese liegt. Ein Schweizer Landsmann bekam sie vor 200 Jahren geschenkt. Doch Überraschung: Seiner Gattin soll es gar nicht gefallen haben, dass die Überreste einer Frau, die um 650 vor Christus gelebt hat, bei ihr einzogen. Und so fand der heimliche Star der Bibliothek dort seinen Platz. Eine bühnenreife Geschichte, wie man sie bei den St. Galler Festspielen finden könnte. Was man sonst in St. Gallen findet: Eine Altstadt voller Erker, moderne Spitzenlokale wie traditionelle Erststockbeizli. Die Textilgeschichte lohnt ebenfalls einen Blick.

Stoffe für Chanel & co. Welchen Designer die Stars tragen, erfährt man schnell. Dass die Stoffe für Kreationen, die von Queen Elisabeth oder Nicole Kidman getragen wurden, aus St. Gallen kommen, erfährt man erst in St. Gallen. Hier wurde Spitze erfunden, die erste Stickmaschine der Welt steht hier. Heute kaufen Luxusmarken Stoffe bei Jakob Schlaepfer. Im Textilmuseum gehen Besucher auf Tuchfühlung. St. Gallen ist hier wörtlich Weltspitze.

Die Naturpracht ruft wieder: Eine kurze Bahnfahrt vom Kulturerbe entfernt, lädt Rohrschach zum Sonnenbad und Wassersport am funkelnden Bodensee. Die unerschöpfliche Zahl an Wanderrouten reicht hier vom Jakobsweg zur Weinwanderroute. Im Winter verwandeln sie sich zum Wunderland für Schneeliebhaber. Während Besucher im Sommer zur Abkühlung in den Bodensee springen, streckt sich das Ufer zur massiven Alpenkette, die zum Erkunden einlädt. Der höchste Berg Säntis ist 2502 Meter hoch. Die beliebte Seilbahn fährt in zehn Minuten hinauf. Vom Gipfel reicht der traumhafte Blick nicht nur ein letztes Mal über die Ostschweiz, sondern über sechs Länder.

Maida Dedagic, Kronen Zeitung

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