Di, 20. November 2018

Flüchtlingslehrerin:

09.06.2018 18:17

„In Deutschkursen herrscht völliges Werte-Chaos“

Eine Deutschlehrerin, die anonym bleiben möchte, packt gegenüber krone.at aus: Lisa B. (Name von der Redaktion geändert) hat zwei Jahre lang Asylwerber in Grundkursen an einer burgenländischen Volkshochschule unterrichtet. Ihre Bilanz ist mehr als bitter. „Es fängt schon bei den Jahreszahlen an - afghanische Schüler schreiben für heuer vermehrt das islamische Jahr 1439 in ihre Notizbücher.“ Und: „Viele können nicht einmal sagen, wie alt sie sind.“ Diesen Menschen hätte sie auch Werte vermitteln sollen. „Aber welche Schüler mit A1-Niveau verstehen Begriffe wie Humanismus, Säkularismus, Akkulturation oder Bedürfnispyramide?“ Für die Pädagogin steht fest: Es herrsche ein „völliges Werte-Chaos“.

Die Vorgeschichte: Das Land Burgenland hatte der Lehrerin 26 Seiten Integrationsmaterial bereitgestellt, in Summe 24 Stunden Extrastoff an Integrationsmaßnahmen. Diese sollten in den Unterricht auf der Niveaustufe A1 (Grundkurs, Anm.) miteingebunden werden. „Basisinformation zu Demokratiebildung und Zusammenleben in Österreich“ steht auf der Titelseite des Kursbegleithefts.

Einige Original-Leitsätze aus dem Wertekatalog:

  • „Männer und Frauen zur Begrüßung die Hand geben und in die Augen schauen“
  • „Schweinefleisch ist beliebt, Alkohol ist erlaubt.“
  • „Religion ist privat. Ich bete zu Hause. Ich bete nicht während des Unterrichts, der Arbeit. Ich verlasse den Unterricht, die Arbeit nicht deswegen.“
  • „Ich bin eine Frau. Ich darf: kurze Röcke, Hosen, Bikinis tragen, tanzen … und bin trotzdem eine gute Frau, ein gutes Mädchen und werde mit Respekt behandelt.“
  • „Ich kann mir nicht aussuchen, ob mein Arzt ein Mann oder eine Frau ist.“

Das alles sollte in Gruppenübungen vertieft werden. Lisa B. zu krone.at: „Alles schön und gut, aber wie soll das funktionieren, wenn ich noch damit beschäftigt bin, ihnen die Artikel ,der‘, ,die‘, ,das‘ beizubringen?“

Viele kommen nur der Anwesenheit halber“
Trotzdem müssten offenbar alle Asylwerber durchkommen, „ansonsten würde es zu viel kosten“. In den Kursen von Lisa B. sitzen Asylwerber, aber auch Gastarbeiter. Die 34-Jährige unterrichtete bereits Schüler aus Ungarn, Rumänen, Nigeria, Somalia, Afghanistan und China. Ziel des Kurses: einfachstes Deutsch lesen und verstehen können. „Wie soll ich mit Schülern ohne jegliche Sprachkenntnisse die Frauenrechtskonvention durchlesen und in Gruppen dazu einige Sprichwörter auflisten? Dafür müsste ich ihnen zuerst erklären, was ein Sprichwort ist!“ Zudem mangle es manchen Schülern an der notwendigen Ernsthaftigkeit: „Viele kommen nur der Anwesenheit halber. Sie glauben, ein Kurs schützt sie vor der drohenden Abschiebung.“

Zusatzmaterial ist „ein Skandal“
Trotzdem zollt die Deutschlehrerin den Flüchtlingen Respekt. Das Problem seien nicht die Schüler an sich, sondern der Mythos, man könne Asylwerbern demokratische Werte innerhalb eines A1-Kurses einfach nebenbei beibringen: „Das Zusatzmaterial ist ein Skandal! Welche Schüler mit A1-Niveau verstehen Begriffe wie Humanismus, Säkularismus, Akkulturation oder Bedürfnispyramide?“

Öfters hätte sie sich etwas Unterstützung gewünscht, erzählt Lisa B. Etwa zusätzliche Kollegen, um den Unterrichtsstoff zu bewältigen. Vor allem bei problematischen Kursteilnehmern sei sie aber stets auf sich selbst angewiesen gewesen. Eine Dame aus dem Iran sorgte in ihrem Klassenzimmer zum Beispiele immer wieder für Unruhe. „Ich wollte sie zur Rede stellen, aber die Leitung hat das einfach ignoriert.“

„Ich bin stolz auf jeden Einzelnen“
Trotzdem hat die Lehrerin großen Respekt vor ihren Schülern: „Die meisten hören zu und geben ihr Bestes, mich zu verstehen, und sind dabei sehr geduldig. Manchmal tun sie mir leid, aber ich bin stolz auf jeden Einzelnen, der weiterhin Kurse belegt und erfolgreich meistert.“ Skurriles Detail am Rande: Nach absolviertem A1-Kurs gibt es für jeden Schüler eine Beurteilung in deutscher Sprache: „Diese erfolgt aber schriftlich - und die meisten Schüler verstehen davon kein Wort. Am besten wäre es, wenn der Text mit Symbolen ersetzt wird“, schmunzelt die Lehrerin.

Alexander Bischofberger-Mahr
Alexander Bischofberger-Mahr

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