Mi, 15. August 2018

Das große Interview

10.05.2018 06:58

Sind Sie ein grüner Messias, Herr Willi?

Mitten in der schwersten Krise der Ökopartei gewinnt ein Grüner die Bürgermeisterwahl in Innsbruck. Mit Conny Bischofberger spricht Georg Willi über Pilz und den Papst, Wohnungsnot und Binnen-I und warum er lieber zuhört als doziert.

Die Markthalle mit den Biobauern, die bunte Häuserkette mit der schneebedeckten Nordkette im Hintergrund, und immer wieder düsen Räder vorbei. Dieser Ort am Ufer des Inn ist genau nach Georg Willis Geschmack. „Ich liebe dieses Nebeneinander einer sehr rauen Bergwelt, wo der Föhn weht, und dem urbanen Gefühl, das einem diese Stadt vermittelt.“

Wir sitzen unter freiem Himmel, und immer wieder bleiben Leute stehen und begrüßen ihren neuen, grünen Bürgermeister. „Griass enk“, sagt Georg Willi dann und gesteht, dass er erst in seine neue Rolle hineinwachsen muss. Seinen Sieg bei der Stichwahl am vergangenen Sonntag verdankt er nicht unwesentlich einem einzigen Satz. „Ein Dach über dem Kopf ist den Menschen wichtiger als das Binnen-I oder die Ehe für alle.“ Ihm wurde daraufhin „Rechtspopulismus“ vorgeworfen.

Zum „Krone“-Interview ist „der Willi“, wie ihn in Innsbruck alle nennen, natürlich mit dem Rad gekommen. „Kein besonderes Modell“, erklärt er beiläufig, „weil es mir eh alle zwei Jahre einmal gestohlen wird.“

„Krone“: Verstehen Sie als eingefleischter Grüner, dass ich mit dem Flugzeug aus Wien gekommen bin?
Georg Willi: Sicher. Die Frage ist immer: Was ist für eine bestimmte Strecke das sinnvollste Verkehrsmittel? Ich bin ein bisschen stolz darauf, dass ich als Parlamentarier die Strecke Innsbruck-Wien-Innsbruck ausschließlich mit dem Zug geschafft habe. Drei Mal musste ich in diesen vier Jahren auch fliegen, weil es sich anders nicht ausgegangen wäre. Bei Menschen mit engem Zeitkorsett ist das halt so.

Kennen Sie Ihren ökologischen Fußabdruck?
Ich habe ihn einmal ausgerechnet und festgestellt: Er ist auf jeden Fall zu groß.

Im Winter mal schnell auf die Malediven zu fliegen, käme sowas für Sie infrage?
Nein, weil ich keine Sehnsucht nach der Ferne habe. Ich schaue mir die schönen Bilder von solchen Orten gerne im Fernsehen an, aber als Urlauber genügt mir der italienische Raum.

Sie wurden am 6. Mai, das war Ihr 59. Geburtstag, zum Innsbrucker Bürgermeister gewählt. Warum hat es fast 30 Jahre gedauert, bis Sie es an die Spitze geschafft haben?
Jetzt könnte ich sagen: Weine müssen reifen, so wie Käse. Ich hatte sicher das große Glück, gerade jetzt Spitzenkandidat in Innsbruck zu sein, wo ein großer Wunsch nach Veränderung da war. Und ich bin offensichtlich dafür ein brauchbares Gesicht.

Haben Sie sich schon bei der grünen Vizebürgermeisterin bedankt?
Das habe ich nicht. Sie hat entschieden, bestimmte Aussagen von mir zu kritisieren, das ist ihr gutes Recht, und jetzt ist sie nicht mehr Mitglied der Grünen.

Aber hätten Sie ohne den Satz, der von ihr so kritisiert wurde, die Stichwahl gewonnen?
Ich kann es nicht beurteilen… Er hat mir jedenfalls einige sehr, sehr kritische Mails und auch einen offenen Brief von Frauen gebracht, die sehr sprachsensibel sind. Das verstehe ich.

Würden Sie es noch mal sagen?
Ich würde es anders sagen. Ich glaube, die Grünen müssen lernen, dass die Grundfrage hinter allem, was sie vertreten, der Respekt ist. Beim Wohnen geht es um Respekt vor dem Menschen, der ein Dach über dem Kopf braucht, beim Binnen-I geht es um den Respekt vor der Frau. Ich habe mit meinem Satz ja nur ein Stimmungsbild wiedergegeben, das ich wahrnehme. Die Leute glauben nämlich, wir würden uns mehr um das eine und weniger um das andere kümmern. Aber tatsächlich müssen wir uns um beides kümmern.

Erster grüner Stadtchef Österreichs, und das mitten in der schwersten Krise der Ökopartei. Wie erklären Sie sich das selber in einem Satz?
Ich war der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

So eine Art „grüner Messias“?
Lacht und schüttelt den Kopf.
 Der Messias ist in der Religion wichtig, nicht in der Politik. Aber was das Wahlergebnis sicher bringt: Rückenwind für die Grünen. Die Botschaft lautet: Grüne können Wahlen gewinnen. Und zwar, wenn die Leute das Gefühl haben: Hey, die kümmern sich genau um das, was uns wichtig ist.

Sie sind im Wahlkampf immer auf Bildern zu sehen gewesen, wo Sie Menschen zugehört haben. War das ein Erfolgsrezept?
Ich bin ein umgänglicher Typ und versuche immer, den Menschen mit seinen Bedürfnissen zu sehen. Es gibt so viele, die existenzielle Ängste haben, da kann man nicht einfach drüberfahren, da muss man zuhören. Ich höre lieber zu, als dass ich Reden schwinge.

Geben Sie einem Bettler in der Maria-Theresien-Straße Geld?
Ich versetze mich in seine Lage. Wie schwer ist es für einen Menschen, sich auf den Boden zu setzen und um eine Gabe zu bitten? Das ist in Wahrheit eine sehr demütige Haltung. Ich kann deshalb aber nicht jedem was geben. Manche freuen sich schon, wenn man sie wahrnimmt und grüßt, ein paar Worte wechselt. Und wenn von den 130.000 Innsbruckerinnen und Innsbruckern jeden Tag wenige Hundert was geben wollen, dann ist einer Handvoll Menschen geholfen, hinter denen eine Familie steht in Rumänien oder wo auch immer. Das organisierte Betteln ist im Übrigen verboten. Wenn Menschen aus der Armut ein Geschäft machen, dann lehne ich das ab. Das Geld, das man gibt, soll bei denen bleiben, die es bekommen.

Als neuer Bürgermeister müssen Sie nicht nur durch die Stadt radeln und Leuten zuhören, sondern auch 1500 Magistratsbeamte führen. Können Sie das?
Ehrlich gesagt, ich muss da hineinwachsen. Und letztlich ist jeder und jede einzelne ein Aushängeschild dieser Stadt. Deshalb wünsche ich mir, dass alle sehr motiviert ihre Arbeit machen. Es gibt sehr vieles, wo ich mir denke: Das kann ich nicht. Deshalb freue ich mich aufs Delegieren.

Sie haben angekündigt, dass Sie sich eine Zusammenarbeit mit der FPÖ nicht vorstellen können. Warum?
Ich komme gerade von einem Gespräch mit Rudi Federspiel (FPÖ-Spitzenkandidat und Stadtparteichef, Anm.). Es war durchaus konstruktiv. Nur unterscheiden sich seine Konzepte, wie man diese Stadt weiter gestaltet, ziemlich stark von meinen. Ich sage, wir brauchen viel mehr leistbare Wohnungen, er sagt: Stopp dem Wohnbau, weil da ziehen eh nur die Ausländer ein. Er ist für einen Stopp des Straßenbahnausbaus, und ich sage: Wir sind eine wachsende Stadt, wir brauchen leistbare Öffis. Wir brauchen den weiteren Ausbau, die Frage ist nur, in welchem Tempo, denn das hängt von den Stadtfinanzen ab. Und Radwege sind auch nicht seine oberste Priorität. Das ist so, wie wenn zwei an einem Seil ziehen, aber in verschiedene Richtungen. Ich will, dass die Kräfte der Koalition in meine Richtung ziehen. Dem Rudi Federspiel war Kontrolle immer wichtig, diese Kontrollfunktion soll er einnehmen.

Peter Pilz hat auf Twitter geschrieben: „Schön, wenn ein Grüner einmal wieder zeigt, wie man erfolgreich für die Menschen arbeitet und dafür auch gewählt wird.“ Hoffen Sie, dass er bald in den Nationalrat zurückkehrt?
Peter Pilz ist natürlich für das Parlament eine Bereicherung. Ich selber habe mit ihm immer ein sehr gutes Verhältnis gehabt, wissend, dass er einige Eigenschaften hat, die für andere manchmal schwer auszuhalten sind. Aber die Kunst ist, die Menschen mit ihren Stärken zu sehen und sie nach ihren Stärken einzusetzen. Und wir Grünen haben es nicht geschafft, dem Peter Pilz zu sagen: „Wir wissen, dass du diese Stärken hast, dafür wählen wir dich wieder, aber pass auf mit deinen Schwächen.“ Die Gespräche, die ich mit ihm geführt habe, haben ihn leider nicht umstimmen können. Er wollte unbedingt seinen vierten Platz.

Wollte er nicht hauptsächlich Anerkennung?
Genau. Wir geben uns in der heutigen Zeit viel zu wenig Anerkennung. Dabei kostet es gar nichts, jemandem zu sagen: „Danke! Super hast du das gemacht. Das freut mich. Bin ich froh, dass ich dich habe“. Man kriegt das eh hundertfach zurück, weil die Leute dann wieder super motiviert sind. Kritik ist wichtig, aber genauso wichtig ist Anerkennung. Ich möchte das in der Politik zu einem breiten Motto machen.

Haben Sie eigentlich während des ganzen Selbstzerstörungsprozesses der Grünen irgendwann das Gefühl gehabt, dass Sie bei der falschen Partei sind?
Nein, das nicht, weil die grünen Inhalte und Werte super sind. Ich habe mir nur gedacht: Wie kann es passieren, dass etwas, was wir über Jahre aufgebaut haben, was in der extrem erfolgreichen Wahl von Alexander van der Bellen geendet hat, in so kurzer Zeit zusammenbricht? Dass wir sogar aus dem Nationalrat herausfliegen?

Was ist Ihre Antwort?
Mich erinnert das an den Syrien-Krieg. Da wurde etwas, was über Jahrtausende entstanden ist, ein kulturell hochentwickeltes Land, ein Dialog unterschiedlichster Religionen, durch einen Krieg in kürzester Zeit zerstört. Die Erkenntnis daraus ist: Wenn man etwas aufgebaut hat, bedarf es großer Anstrengung, das auch zu bewahren. Wir sollten viel mehr Energie aufwenden für die Erhaltung und Weiterentwicklung als für die destruktiven Dinge.

Glauben Sie, dass sich die Grünen unter Werner Kogler neu aufstellen können?
Er ist jedenfalls der richtige Mann für diesen Prozess. Die Frage ist, ob er das dann weitermachen will. Kogler ist mir vom Typus her sehr ähnlich, ein hemdsärmeliger, angreifbarer Politiker, nur hat er einen viel besseren Schmäh als ich. Also die Fähigkeiten und das Potential dazu hat er.

Wäre Ihr zugespitzter Spruch vom Dach über dem Kopf auch ein Leitmotiv für die Bundespartei gewesen?
Also da hätten wir, vor allem mit den Frauen, ein Riesenproblem gekriegt. Daher nein. Kein Motto für die Bundespartei.

Hatten Sie eigentlich jemals von anderen Parteien Angebote?
Nicht direkt, sondern es wurde immer wieder mal gesagt: „Mah, wenn du bei der ÖVP wärst, wärst du schon viel weiter.“ Ja, das also gab es. Hat mich aber nie gereizt.

Stimmt die Charakterisierung „bürgerlicher Grüner“? Manche sagen auch: „Der Willi ist ein vernünftiger Grüner.“
Ich bin vor allem ein liberaler Grüner.

Also kein Bürgerlicher?
Woll, woll! (Anmerkung für Nicht-Tiroler: Das heißt „Doch, doch!“) Bürgerlich, liberal, sozial.

Hat es Sie berührt, dass Matthias Strolz zurückgetreten ist?
Ja. Ich schwanke zwischen dem Respekt vor so einer mutigen Entscheidung. An einem Punkt, wo du die unumstrittene Nummer Eins bist, mit der Option, die Partei sukzessive in Landesregierungen zu führen, beginnend mit Salzburg, zu sagen: „Und jetzt mache ich etwas anderes.“ Aber auf der anderen Seite gibt es auch eine Verantwortung für das, was man aufgebaut hat. In Wahrheit hatte er nicht einmal seine Nachfolge geregelt.

Herr Willi, Sie leiten seit vielen Jahren einen Kirchenchor. Wird sich das als Bürgermeister noch ausgehen?
Unbedingt. Jeder Mensch braucht einen Ausgleich, etwas, woraus der Kraft schöpft. Die einen gehen sporteln, die anderen sind bei der Blasmusik. Für mich ist dieser Ausgleich das Singen und das Chorleiten.

Sie sind auch Papst-Fan. Haben Sie schon um eine Audienz angesucht?
Ich mag Papst Franziskus sehr, weil seine Enzyklika „Laudato si“ in Wahrheit ein eindrucksvolles ökosoziales Programm ist. Wenn seine Kritik an der Globalisierung, an der Ausbeutung der Umwelt, der Ausbeutung der Arbeitskräfte, seine Kritik am Kapitalismus und seinen Auswüchsen als „linkslink“ gesehen wird, dann bin ich sogar, mit dem Papst zusammen, gerne ein linkslinker Kommunist. Aber so verwegen, um eine Audienz zu bitten, bin ich nicht, dafür bin ich viel zu unwichtig.

Ihr Vater war Bildungsleiter bei der Tiroler Landwirtschaftskammer. Inwiefern hat seine politische Tätigkeit Sie geprägt?
Bei meinem Vater habe ich gelernt, wie es sich anfühlt, wenn einer seiner Zeit voraus ist und als „Spinner“ bezeichnet wird. Er hat in einer Zeit, wo die „moderne Landwirtschaft“ aufkam, - der Bauer sitzt am Traktor, streut Stickstoff, Phosphor und Kali auf den Acker, dann wächst es und dann kann er ernten -, vom Biolandbau gesprochen. Ausgangspunkt war, dass Bauern kamen und erzählt haben, ihre Kühe werden nicht mehr trächtig. Mein Vater hat mich gelehrt, dass für große Ideen auch die richtige Zeit kommen muss. Dann gehen sie plötzlich auf.

Welchen Schluss ziehen Sie für Ihre Arbeit daraus?
Meine politische Erkenntnis, und auch die Kunst für uns Grüne ist: Wir müssen im Denken der Zeit voraus sein. Wir müssen es schaffen, die politischen Konzepte der Zukunft jetzt schon zu haben. Aber nur so weit voraus, dass wir nicht ins spinnerte Eck gestellt werden, sondern dass die Leute uns auch verstehen.

Sie haben mit Kanzler Kurz etwas gemeinsam …
Ach ja?

Das unabgeschlossene Studium. Empfinden Sie es als Makel?
Es ist ein Makel. Ich habe lange an dem geknabbert. Man hat das Gefühl: Ich habe etwas nicht zusammengebracht. Irgendwann habe ich gesehen, dass ich andere Optionen habe. Aber es hat mich jahrelang beschäftigt und war ein zusätzlicher Rucksack, den ich getragen habe.

Und noch etwas Zweites: den kurzen Nachnamen.
Das kann ich ganz offen sagen, mir hilft „der Willi“. Weil es eigentlich ein Vorname ist, aber doch mein Nachname. Was ich Sebastian Kurz vielleicht voraus habe: Willi klingt weicher als Kurz mit dem „k“ und „z“ am Schluss.

Er fährt Rad und leitet einen Chor
Geboren am 6. Mai 1959 in Innsbruck. Biologie- und Jus-Studium, nicht abgeschlossen. 1989 beginnt seine drei Jahrzehnte dauernde Politiker-Karriere: vom Innsbrucker Gemeinderat über den Tiroler Landtag in den Nationalrat und wieder zurück ins Innsbrucker Rathaus. Am letzten Sonntag gewinnt der Radfahrer und Chorleiter die Bürgermeister-Stichwahl und wird an seinem Geburtstag zum neuen Stadtchef gewählt. Verheiratet mit Katharina (Hotelrezeptionistin und grüne AK-Kammerrätin), ein Sohn (Johannes).

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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