110 Jahre alt ist der Grazer Zentralfriedhof jetzt schon alt. Dass er dort entstanden ist, wo er jetzt ist, hat aber keinen wirklich tieferen, keltischen oder mystischen Hintergrund. "Man wollte ihn sonst einfach nirgends haben", erklärt Karin Derler. "Die Leute hatten solche Angst, dass das Leichengift ihre Brunnen verseucht."
Die Grazerin kennt (und liebt) den Friedhof wohl wie keine zweite. Warum? "Er ist meine Angstbewältigung", sagt sie. "Ich hatte so eine Panik vor dem Tod, vor den Toten, dass ich eine Diplomarbeit über die Stätte gemacht - und dabei ihre Faszination bemerkt hab." So weiß sie eine Menge Geschichten zu erzählen! Zum Beispiel gibt es hier ein eigenes "Kinderfeld", wo die winzigen Leichen, fernab von ihren Familien, vergraben wurden. Derler: "Früher sind ja viele Kinder ganz klein gestorben. Da hatte man den Bezug zu ihnen wohl noch nicht so aufgebaut - manchmal hat man sie einfach beim nächsten Begräbnis dazugelegt..."
Friedhof als begehrtes Plätzchen
Derler weiter: "Auch das Grazer 'Who-is-Who' liegt hier. Die bekanntesten Namen von Weikhard über Hornig bis zu Scheiner und Sewera sind zu finden: Politiker, Sportlegenden, Preisträger - manchmal auch nur einfach 'Wohltäter'. Wer was auf sich gehalten hat, hat früher hier seine letzte Ruhe gefunden." Manche hätten ein Stück davon wohl gerne zu Hause. "Der Friedhof steht zwar unter Denkmalschutz - aber einzelne Denkmäler nicht. Jemand wollte einmal daheim eines als Lustschlösschen im Garten aufstellen lassen - das wurde zum Glück verhindert."
Wer diese Grüne Lunge nicht nur zum Spazierengehen, Radeln oder Joggen nutzt sondern dazu mit wachem Blick erforscht, der wird immens fündig. Da gibt es so viele kleine Symbole wie die geschlossene Mohnkapsel als Zeichen für den ewigen Schlaf. Wunderschöne Reliefs, in die man versinkt - wenn man es zulässt. Da findet man Gräber diverser Konfessionen, auch das der letzten Nachkommen von Nannerl Mozart. Moderne Urnen-Nischen reihen sich hier an Grabsteinen auf viel Grün, wo man sich an der schönen amerikanischen Bestattung "versucht" hat. Wunderschönste Gruftarkaden finden sich nahe ganz normaler, seriell gefertigter Grabsteine.
Vergeblich sucht man heute aber nach der Infektionsleichenhalle - hier sollten an Seuchen Verstorbene aufgebahrt werden - die Halle wurde in den 60ern, unbenutzt, abgerissen.
"Mit einem Lächeln gehen..."
Die Gegensätze, die Vielfalt sind jedenfalls krass - und ein immenser Teil der Faszination. Karin Derler und ihre Kollegin Ingrid Urbanek haben ein Buch dazu geschrieben und laden zur Führung. Nächster Termin: 2. November, 15.00 Uhr (Anmeldung: 0316/367256-17). Was für sie so schön ist? "Wenn die Teilnehmer auch die Faszination spüren, die wir spüren und mit einem Lächeln auf den Lippen nach Hause gehen."











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