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08.12.2016 - 10:21
Foto: thinkstockphotos.de

Transsibirische Eisenbahn: Kreuzfahrt auf Schienen

05.09.2015, 17:00
7865 Kilometer trennen Peking von Moskau, 9258 Kilometer sind es von der russischen Hauptstadt bis ins sibirische Wladiwostok. Damit ist die Transsib die längste Bahnlinie weltweit und fasziniert eingefleischte Eisenbahnfans ebenso wie Touristen.

Einmal mit der Transsibirischen Eisenbahn unterwegs zu sein, ein Traum nicht nur für Bahnfans. Die beiden aufgeweckten älteren Damen fallen mir schon in Moskau auf, während wir das Flugzeug nach Irkutsk besteigen. Ihre Kofferschilder verraten, dass auch sie eine Reise mit dem "Zarengold" gebucht haben. Wie sie mir später erzählen, kennen sich Brigitte und Marie- Luise seit Jugendtagen. Schon damals sind sie immer wieder zusammen verreist. Auch nach Russland. Dabei entstand der Wunsch, einmal mit der Transsibirischen Eisenbahn zu fahren. Doch wie es im Leben so ist, kam immer wieder etwas dazwischen, und das Vorhaben wurde auf die lange Bank geschoben. "Aber jetzt! Wenn wir es jetzt nicht machen, dann machen wir es nie mehr", so Marie- Luise. "Das ist einfach ein Traum, der uns ein Leben lang begleitet hat."

Und so sitzen wir nach über fünf Stunden Flug gemeinsam in dem Bus, der uns zum Ausgangspunkt unserer Reise bringt. Nach Listwjanka, ein kleines Dorf am Ufer des Baikalsees, rund 70 Kilometer von Irkutsk entfernt. Unsere "Kreuzfahrt auf Schienen" führt uns vom Osten Sibiriens gegen Westen. In den nächsten Tagen werden wir drei Zeitzonen durchqueren und über 3000 Bahnkilometer zurücklegen. Sechzehn Tage benötigt der Zug von Peking über die Mongolei nach Moskau, und wir steigen hier am Baikalsee quasi zu. Rechnet man die Anreise mit, sind wir bereits den zweiten Tag unterwegs. Dass der "Zarengold" noch unterwegs ist, gibt uns etwas Zeit, die Umgebung von Listwjanka zu erkunden.

Die Ausmaße des Baikalsees sind gewaltig! Die Länge des größten Süßwasserbeckens der Erde beträgt 636 km, die Breite bis zu 80 km, an der schmalsten Stelle ist der 1996 zum UNESCO- Welterbe erklärte Gigant immer noch 20 km breit. Und mit einer maximalen Tiefe von 1637 Metern auch der tiefste See unseres Planeten. Die Wassertemperatur erreicht im Sommer immerhin stolze 18 Grad, im Winter bedeckt eine bis zu zwei Meter dicke Eisschicht den See. Ausflugsboote bieten Rundfahrten an, und im Seekundlichen Institut erklären zahlreiche Exponate die Entstehungsgeschichte sowie die Flora und Fauna. Hier leben über 80 Prozent endemische Arten, darunter Tiere wie die Baikalrobbe oder der Omol, ein hervorragender Speisefisch. Der Abstecher in eine Datscha und zum Museumsdorf Talzy, wo typische Gebäude aus der Region zusammengetragen und neu aufgebaut wurden, gibt Einblicke in das Leben der Menschen Sibiriens.

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Am nächsten Morgen ist endlich der Zug da, die erste "richtige Etappe" beginnt. Ein Schiff bringt uns nach Port Baikal, und wir beziehen das Abteil. Fünf verschiedene Kategorien stehen zur Auswahl. Vom  einfachen Vierbett- Abteil der Kategorie I über Classic/Superior (II) und Nostalgie- Komfort (diese sind den seinerzeit für Chruschtschow, Breschnew und Genossen angefertigten Zugwaggons nachempfunden und im nostalgischen Stil gehalten, wurden aber um moderne Annehmlichkeiten ergänzt) bis zu den exklusiven Abteilen der Kategorie VI Bolschoi und V und Bolschoi Platinum mit eigenem Bad und Toilette. Was in keinem Wagen fehlt, ist das rund um die Uhr besetzte Schaffnerabteil. Als alles auf den 5,5 Quadratmetern verstaut ist, setzt sich der "Zarengold" langsam in Bewegung. Aufbruchstimmung bei den neu Zugestiegenen. Gedränge in den Gängen, während die Landschaft an uns vorbei zieht.

Rund zwei Stunden fährt der Zug mit maximal 25 km/h auf der alten Trasse der Transsib am Baikalsee entlang. Über Brücken, durch kurze Tunnel und über Viadukte. Gegen eine Gebühr von zehn Euro können wir ein Stück auf der Lok mitfahren, bevor die Reise auch schon wieder für ein Picknick vor der prächtigen Kulisse des Sees unterbrochen wird. Für beste Stimmung ist gesorgt. Ein Harmonika- Spieler gibt melancholisch Weisen zum Besten, das Zugpersonal unterhält mit russischen Volksliedern, und ein grandioser Sonnenuntergang tut ein Übriges! Einige Hartgesottene wie Brigitte lassen sich ein Bad in den kühlen Fluten des Sees nicht entgehen – es soll das Leben um Jahrzehnte verlängern. Als Belohnung winkt eine Urkunde, und den unvermeidlichen Wodka gibt es gratis hinterher. Erste Bekanntschaften werden geknüpft, und auch Alleinreisende finden rasch Anschluss. Immerhin sind Menschen aus siebzehn verschiedenen Nationen gemeinsam unterwegs, die Älteste ist eine 86- jährige Schweizerin. Da kommt man schnell ins Gespräch.

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Am darauffolgenden Vormittag erreichen wir Irkutsk, die Hauptstadt Ostsibiriens. Mit dem Bus geht es Richtung Zentrum. Rund 600.000 Menschen leben hier an der Angara, dem einzigen Abfluss des Baikalsees. Die Stadt, die nicht zuletzt wegen der gut erhaltenen alten Holzhäuser als die schönste Sibiriens gilt, wird auch "Paris des Ostens" genannt. Nach einer Stadtführung, bei der wir unter anderem an der Erlöserkirche, dem "weißen Haus" (seit dem Jahr 2006 allerdings gelb), dem Dramentheater und einigen der wunderschönen, gut erhaltenen Dekabristenhäusern vorbeikommen, holt uns das sozialistische Russland ein. Beim "Ewigen Feuer" in der Nähe der Erlöserkirche findet gerade eine Wachablöse statt. Wir aber wollen zur Markthalle, denn diese ist absolut sehenswert. Es reiht sich Marktstand an Marktstand. Bunt, schrill, laut. Adrette Marktfrauen, stark geschminkt und meist blond gefärbt, bieten ihre Waren feil. Hier gibt es alles, was das Herz begehrt. Und im Winter kann man Milch im Stück kaufen - tiefgefroren.

Weiter geht es durch die Landschaft Ostsibiriens. Taiga, ein undurchdringlicher Urwald aus Birken, soweit das Auge reicht. Am Nachmittag bittet Irina, die Reiseleiterin, zur Wodka- Verkostung. Die Russen sind ein trinkfreudiges Volk, und das "Wässerchen" konsumieren sie vor, während und nach dem Essen - und zwischendurch natürlich auch. Wodka geht immer. Allerdings nicht ohne einen entsprechenden Trinkspruch. "Das Schlimmste ist, wenn die Suppe kalt und der Wodka warm wird." "Auf die anwesenden Damen." "Eine Flasche Wodka verkürzt den Arbeitstag von acht auf null Stunden." "Der beste Pelzmantel ist Wodka." Ausatmen, Wodka, einatmen. Nach der dritten Kostprobe beginnt der Alkohol zu wirken. Gut, das wir den heutigen Tag ausschließlich im Zug verbringen!

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Mit etwas Verspätung erreichen wir am frühen Nachmittag des nächsten Tages Nowosibirsk. Die Geschichte dieser sowjetischsten aller Städte auf unserer Route ist eng mit dem Bau der Transsibirischen Eisenbahn verbunden. Am Oberlauf von Russlands längstem Fluss Ob gelegen, hat sich die Stadt innerhalb von nur siebzig Jahren nicht nur zur größten Stadt Sibiriens, sondern auch zur drittgrößten Russlands gemausert. Neben dem schönsten Bahnhof verfügt Nowosibirsk auch als einzige Stadt Sibiriens über eine eigene U- Bahn. Die Stadt präsentiert sich als Universitätsstadt jung und modern. Großzügige Boulevards, gepflegte Parkanlagen und zahlreiche Geschäfte machen Lust, ein wenig zu flanieren. Doch die Zeit drängt, der "Zarengold" wartet um uns nach Jekaterinburg zu bringen. Um die Zeit bis zur Ankunft zu überbrücken, findet am Vormittag des nächsten Tages ein Russischkurs statt. Als Irina Blätter mit dem kyrillischen Alphabet und einfachen Wörtern verteilt, komme ich mir ein bisschen zurückversetzt vor in meine Schulzeit. Alle sind eifrigst bei der Sache, und die Stunden bis zur Ankunft in Jekaterinburg vergehen wie im Flug.

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An der geographischen Grenze zwischen Europa und Asien gelegen, bietet die Heimatstadt Boris Jelzins dem Besucher viele Facetten. Zu Fuß lässt sich das historische Stadtzentrum gut erkunden, alle wichtigen Sehenswürdigkeiten sind durch eine rote Linie im Boden miteinander verbunden, der man einfach folgt. Sie führt auch zur Erlöser- Kathedrale auf dem Blut, die an die Ermordung der letzten Zarenfamilie durch die Bolschewiki im Jahr 1918 erinnert. In der Folge trug die Stadt in den Jahren 1924 bis 1991 den Namen Swerdlowsk, der heute noch in großen Lettern auf dem Bahnhofsgebäude prangt. Rund 15 Kilometer westlich von Jekaterinburg, direkt an der Autobahn, befindet sich der Grenzstein zwischen Europa und Asien. Bei dem beliebten Fotomotiv herrscht reger Andrang. Auch Brigitte und Marie- Luise bitten mich um ein Bild, die eine noch in Asien, die andere schon in Europa. Während für uns die Reise hier an der Grenze zu Europa endet, freuen sich die beiden auf die letzte Etappe ihres Abenteuers, die sie über das Ural- Gebirge bis nach Moskau bringen wird. Für sie ist mit dieser Traumreise ein lange gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen.

05.09.2015, 17:00
Eva Bukovec, Kronen Zeitung
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