Mo, 23. Oktober 2017

Juwelierüberfälle

30.07.2017 08:01

Das clevere System des Pink-Panther-Netzwerks

Der Blitzüberfall am 20. Juli auf den Nobeljuwelier S. M. Wild in Linz trägt die Handschrift der berüchtigten Pink-Panther-Räuber: Bestens vorbereitete Täter überrumpeln und bedrohen Anwesende, zerschlagen Vitrinen, raffen in Windeseile teuerste Uhren zusammen und flüchten - wobei sie auch ihre Fahrzeuge wechseln. Die Aufklärung ist schwierig, denn die Täter verlassen meist rasch das Land.

Es waren Scotland-Yard-Beamte, die nach einem Überfall 1993 auf einen Londoner Juwelier erstmals den Namen Pink Panther für diese Art Verbrechen vergaben. Die Räuber hatten damals erbeutete Diamanten - ganz wie im gleichnamigen Film mit Peter Sellers (1963) - in einem Tiegel Gesichtscreme versteckt.

45 Überfälle in Österreich
Es sind Kriminalbanden vom Balkan, die inzwischen weltweit nach der Pink-Panther-Methode agieren. "Schwer zu sagen, wie viele Gruppierungen es genau gibt. Anhand der Festnahme-Zahlen sind aber Hunderte von Gangstern nach der gleichen Vorgehensweise aktiv", sagt Andreas Holzer vom Bundeskriminalamt - siehe auch Interview.
Es ist ein Phänomen, das seit dem Jahr 2000 auch die heimischen Ermittler intensiv beschäftigt. Insgesamt 45 Überfälle nach ähnlichem Muster hat es in der Zeit auf Juweliere in Österreich gegeben - siehe Grafik. Negative Höhepunkte waren die Jahre 2011 (12 Juwelierüberfälle) und 2012 (18 Juwelierüberfälle). Immer wieder ist es aber auch gelungen, Fahndungserfolge zu erzielen. Allerdings: In den meisten Fällen wäre das ohne internationale Kooperationen kaum chancenreich gewesen. "Die serbische Polizei ist einer unserer besten Partner", bestätigt Holzer.
43 Pink-Panther-Mitglieder konnten in Österreich bisher verhaftet werden. 24 davon sitzen noch im Gefängnis, 21 weitere sind entweder schon in die Freiheit entlassen oder in ihre Heimatländer - Serbien, Montenegro, Kroatien, Mazedonien - überstellt worden.

"Soldaten" werden ins Zielland geschickt
Es ist ein ausgeklügeltes System, nach dem die Pink-Panther-Gangs funktionieren. Organisation und Planung der jeweiligen Zelle wird von einflussreichen Hintermännern am Balkan ausgeführt. Für ihre Coups rekrutieren sie willfährige Handlanger, die sie in unterschiedlicher Zusammensetzung für ihre verbrecherischen Ziele einspannen.
"Es gibt so genannte Soldaten und ,Residenten‘", erklärt Holzer. Die "Soldaten" werden ins Zielland geschickt, in dem der Überfall stattfinden soll. Dort treffen sie auf die "Residenten", die den Tatort intensiv ausgespäht sowie Waffen, Werkzeug und Fluchtfahrzeuge besorgt haben. Den Überfall selbst führen die Soldaten aus, die im Anschluss so rasch wie möglich zurück ins Heimatland reisen. Andere Soldaten bringen die Beute außer Landes, die von südeuropäischen Hehlern zu Geld gemacht wird. Holzer: "Nur in den seltensten Fällen taucht von den Beutestücken jemals wieder etwas auf."

"Kooperieren eng mit den Serben!"
Als stellvertretender Abteilungsleiter im Bundeskriminalamt ist Andreas Holzer (43) unter anderem für die Bekämpfung und die Aufklärung von Pink-Panther-Verbrechen verantwortlich.

"Krone": Die Zahl der Pink-Panther-Straftaten ist seit dem negativen Rekordjahr 2012 deutlich zurückgegangen.
Andreas Holzer: 2012 hat es 18 Juwelierüberfälle gegeben. Ein Jahr später waren es nur noch fünf. 2014/15 waren es je zwei, im Vorjahr gab es nur noch einen und heuer bisher zwei Vorfälle.

"Krone": Worauf führen Sie diese Rückgänge zurück?
Holzer: Ab 2013 hat die internationale Kooperation gut zu greifen begonnen. Bei Interpol wurde ein Pink-Panther-Projekt eingerichtet und bei Europol eines mit dem Namen Diamond.

"Krone": Aber auch der Austausch mit den Polizeikollegen in Serbien ist mittlerweile stark intensiviert worden.
Holzer: Auf diese Weise war es uns endlich möglich, auch Hintermänner zu schnappen. Natürlich bringt es etwas, wenn man die Soldaten zu fassen kriegt, aber richtig nachhaltig wird es erst, wenn die Köpfe ausgeschaltet werden.

"Krone": Auch innerhalb Österreichs sind die Ermittlungen in den Bundesländern gezielter auf diese Problematik eingestellt worden.
Holzer: Auf regionaler Ebene läuft das mittlerweile perfekt ab, die Landeskriminalämter leisten professionelle Arbeit.

"Krone": Wo liegen die Absatzmärkte für die Beutestücke?
Holzer: Diese werden von den eingesetzten Hehlern vielfach über den russischen, aber auch über den arabischen Raum vertrieben.

"Krone": Kooperieren die einzelnen Pink-Panther-Banden auch miteinander?
Holzer: Nein, unseres Wissens nach gibt es keine direkten Verbindungen untereinander. Nur der ,modus operandi‘ ist meist der gleiche.

"Krone": In welchen Schichten werden die Täter rekrutiert?
Holzer: Bei den Soldaten handelt es sich fast immer um Arbeitslose oder Kleinkriminelle vom Balkan.

"Krone": Warum gehen diese Leute bei ihren Raubüberfällen bezüglich DNA-Spuren oder Gesichtserkennung doch relativ sorglos vor?
Holzer: Das ist tatsächlich auffallend, hat aber vor allem damit zu tun, dass sie das Land sofort verlassen und später meist auch nicht mehr wiederkommen.

Jürgen Pachner, Kronen Zeitung

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