Do, 23. November 2017

Verstorbene Kinder

11.05.2017 16:26

„Gefühle unbedingt zulassen“

Stirbt das eigene Kind, ist das der schlimmste Verlust, der Menschen widerfahren kann. Der Schmerz gräbt so tief, dass Betroffene nicht selten seelisch komplett aus der Bahn geworfen werden. Darüber hinwegzukommen, benötigt viel Zeit und Geduld. Im Kepler Uniklinikum Linz versucht ein Team aus Psychologen und Seelsorgern, die Eltern in dieser Akuttrauerphase behutsam aufzufangen.

Auf dem Tisch im Dienstzimmer der Psychologen in der Linzer Uniklinik fällt eine weißbekleidete Kinderfigur auf, die in der Hand eine Drahtschlaufe hält, mit der das Wort Hope (Hoffnung) geformt wurde. "Das haben uns Eltern von Zwillingen geschenkt, denen ein Kind gestorben ist", sagt Martina Fink, die seit 15 Jahren als klinische Psychologin im Spital arbeitet und schon Hunderte Eltern mit ähnlichem Schicksal betreut hat. "Es ist eine sehr schöne Aufgabe, Menschen in so extremen Lebensphasen begleiten zu dürfen", so Fink. Auf den Erstkontakt mit Betroffenen bereitet sie sich intensiv vor. "Bei der Anteilnahme muss man feinfühlig vorgehen und sehr ruhig sein, um die Trauer der anderen gut auszuhalten." Ziel sei, schmerzgebeugte Mütter und Väter professionell zu stärken. "Es ist schön, wenn sie uns später sagen, wir haben uns bei euch so gut aufgehoben gefühlt", sagt Kollegin Ulrike Böttcher. Die Arbeit sei sehr befriedigend.

Nicht verdrängen
Totgeburten, Säuglinge, die bei oder kurz nach der Geburt sterben - oder welche, die im Kleinkindalter an den Folgen einer tödlichen Krankheit hinscheiden. Die Reaktionen der Eltern sind extrem unterschiedlich, reichen von Weinkrämpfen über Wut und Aggression bis zu bitterlichen Selbstvorwürfen oder emotionaler Betäubtheit. "Wichtig ist, seine Gefühle nach dem ersten Schock zuzulassen und nicht zu versuchen, diese zu verdrängen. Je früher das passiert, desto besser", rät Psychologin Magdalena Wielend. Eltern, von im Mutterleib gestorbenen Kindern, empfiehlt sie, ihnen Namen zu geben und sich persönlich von ihnen zu verabschieden.

"Manches geht einem sehr nahe"
Maria Merzinger, katholische Seelsorgerin, lädt heute um 15 Uhr zu einer Gedenkandacht für verstorbene Kinder in den MedCampus V.

Worum geht es bei dieser katholisch-evangelischen Gedenkandacht?
Wir laden Angehörige von verstorbenen Kindern ein, im gemeinsamen Erinnern, Danken und Beten zu spüren, dass sie mit ihrem Verlust, mit der Trauer und dem Schmerz nicht allein sind. Das Miteinander im Hören, Schweigen und  Weinen unter Menschen gleichen Schicksals tut allen sehr gut.

Der Termin dafür wurde nicht zufällig gewählt.
Nein, ganz bewusst vor dem Muttertag, weil dieser Tag für Betroffene immer besonders schmerzhaft ist. Das Glück der anderen ist dann schwer zu ertragen.

Gelingt es Ihnen, sich vom Leid abzugrenzen?
Mein Zugang ist, dass ich bei der Trauerbegleitung bewusst keine Mauer aufbaue. Manches geht einem sehr nah. Ich versuche dann, authentisch zu bleiben, weine mit und  nehme Betroffene in den Arm.

Verabschiedungsrituale scheinen bei der Trauerbewältigung offenbar wichtig.
Ja, beispielsweise für die verstorbenen Kinder Kerzen anzünden - es können, müssen aber nicht zwingend religiöse Rituale sein.

Kommt es vor, dass Eltern nach Schicksalsschlägen vom Glauben abfallen?
Ja, manche fragen sich, wie Gott so etwas zulassen konnte. Auf der anderen Seite bitten ihn Eltern, dass er ihr verstorbenes Kind  gut bei sich aufnimmt.

Jürgen Pachner, Kronen Zeitung

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