Do, 23. November 2017

Erziehungsserie

22.10.2015 17:00

Folge 6: Dauerstreit im Kinderzimmer

Bei Streitereien ihrer Kinder lassen sich Eltern schnell dazu hinreißen, sich einzumischen. In vielen Fällen ein Fehler. Warum, lesen Sie hier!

Alltagsstress, kopfschüttelnde Passanten als Publikum und der eigene Wunsch nach Harmonie in der Familie machen es Eltern schwer, sich neutral zu verhalten. Gestresst und überwältigt von der eigenen Emotionalität, versuchen Mutter und Vater Schiedsrichter zu spielen und vergessen, dass sie nur verlieren können. Kinder sollten aber die Chance bekommen, Konflikte gemeinsam zu lösen. "Es gibt ihnen Selbstvertrauen, fördert die Sozialkompetenz und sogar die Kreativität. Denn oft kommen Kinder allein zu kreativeren Lösungen, auf die Erwachsene nie im Traum gekommen wären", erklärt Eltern-Kids-Coach Nina Petz. In den meisten Fällen ist es für die Eltern auch nicht mehr möglich, den Streit zu schlichten oder gar den Schuldigen zu finden. Außerdem: "Objektivität ist hier eine Illusion, und eines der Kinder wird sich immer ungerecht behandelt fühlen."

Je jünger die Kinder, desto eher sollten Eltern eingreifen
Lautstarker Lernprozess: Eine US-Studie zeigt, dass Kids, die zu Hause die besten Konfliktlösungsstrategien trainiert hatten, auch in der Schulklasse die friedlichsten waren. Drei- bis Siebenjährige streiten 3,5-mal pro Stunde, zwei- bis vierjährige Geschwister geraten sogar alle zehn Minuten aneinander.

"Mit Sätzen wie 'Ich habe großes Vertrauen, dass ihr das selbst lösen könnt', bringt man den Nachwuchs oft zum Staunen, aber genauso oft auch überraschende Lösungen zutage", so Nina Petz. Den Streithähnen einen Raum und ein gewisses Zeitfenster zur Lösungsfindung zur Verfügung zu stellen, kann hilfreich sein. Als Eltern ruhige Nerven zu bewahren, ist wahrlich nicht einfach. Meist hilft es, sich selbst kurze Auszeiten zu nehmen. Ganz nach dem Motto: Raus aus der Kampfzone und dreimal tief durchatmen.

Ein Beispiel: Max (7 Monate) zieht seine ältere Schwester (6 Jahre) an den Haaren. Diese wehrt sich, indem sie ihn laut anschreit und stößt ihn reflexartig heftig von sich. Max beginnt zu weinen. Schlechte Lösung: Die Mutter mischt sich ein, nimmt Max auf den Arm und tröstet ihn. Sie ermahnt ihre Tochter, dass sie ihren Bruder nicht anschreien und ihn schon gar nicht stoßen darf. Der Erstgeborenen wird dadurch aber vermittelt, dass sie kein Recht hat, sich gegen Übergriffe des Jüngeren zu wehren. Kein Wunder, wenn sie künftig heulend zur Mutter läuft, wenn das wieder vorkommt. Besser: Nicht einmischen,  da die Tochter nur für einen kurzen Moment handgreiflich geworden ist und die "Aggression" eindeutig vom Jüngeren ausgegangen ist. Dieser versteht zwar noch nicht, dass man das nicht machen darf, wird sich aber die Reaktion seiner Schwester merken und es so schnell nicht wiederholen.

Ein anderes Beispiel: Der jüngere Sohn Paul erzählt unter Schluchzen, dass der ältere Bruder ihm versprochen hat, Memory mit ihm zu spielen, sein Versprechen aber doch nicht einlösen will, weil er in dessen Malbuch gekritzelt hat. Es folgen anklagende Sätze des Vaters wie "Warum könnt ihr nicht einmal in Frieden spielen? Was man verspricht, muss man halten. Also spiel jetzt mit ihm Memory!" Sebastian bricht in Tränen aus und schleudert seine Malsachen durch das Zimmer. Der Vater ist wütend, die Situation eskaliert. Optimal wäre es, wenn er sich den Grund des Streits von beiden schildern lässt und dann zusammenfasst: "Du, Paul, bist sauer, weil Sebastian nicht mit dir Memory spielen will, obwohl er es versprochen hat. Und du, Sebastian, bist der Meinung, dass du trotz deines Versprechens nicht mit Paul zu spielen brauchst, weil er ohne Erlaubnis in deinem Malbuch gezeichnet hat." Die Kinder spüren bei dieser Herangehensweise, dass der Vater vor beiden Achtung hat. Dann fügt er hinzu: "Ich bin gespannt, welche Lösung ihr findet!" und verlässt das Zimmer. Und der Nachwuchs ist damit aufgefordert, nach einem Kompromiss zu suchen.

Bei Raufereien müssen Eltern sofort dazwischengehen
Ärger darf natürlich ausgedrückt werden, aber ohne einander zu verletzen. "Schäumen die Gefühle vor Wut einmal über und ist Verletzungsgefahr in Verzug, dann sollten Eltern reagieren und die Streithähne sofort trennen", betont Nina Petz.

Vermeiden Sie es, Geschwister untereinander zu vergleichen!
Nur individuelles Lob und Hervorheben der Eigenheiten jedes einzelnen Kindes helfen ihnen dabei, ihre Persönlichkeit zu entdecken und ihren Platz in der Familie zu finden. Lassen Sie sich auch nicht auf einen Wettbewerb ein, wer besser oder schlechter in Mathe ist, wer besser schwimmen kann oder gar, wen sie lieber haben.

Durch den Familienrat lernen Sprösslinge Demokratie kennen
In einem ruhigen Moment, bei positiver Stimmung sollten klare Familienregeln besprochen und gegebenenfalls schriftlich festgehalten werden. Dies verleiht dem Problem Wichtigkeit und hilft allen, die Schwierigkeiten ernst zu nehmen. Sollte es sich um ein "beliebtes" Streitthema handeln, das immer wieder auftritt, kann man diesen Lösungsprozess auch mit dem speziellen Thema folgendermaßen durcharbeiten: Wie wollen wir miteinander umgehen? Was ist uns in unserer Familie wichtig? Jedes Kind darf sagen, was es sich wünscht.

Jeder sollte aber tunlichst darauf achten, mit seinen Formulierungen "bei sich" zu bleiben. Beschuldigungen anderer und Verallgemeinerungen ("Du machst immer dieses und jenes") sind verboten! Weiters dürfen alle ihre Ideen und Lösungsvorschläge zu Papier bringen. Erst am Ende darf jeder durchstreichen, was für einen selbst nicht in Ordnung geht bzw. wobei er oder sie kein gutes Gefühl hat. Ein Plakat in der Wohnung kann helfen, sich zu erinnern und an der Umsetzung festzuhalten.

Mit gutem Beispiel voran
Die Art und Weise der Auseinandersetzung zwischen den eigenen Eltern ist für Kinder prägend. Sie dienen als gutes oder schlechtes Vorbild für die spätere, eigene Konfliktbewältigung. Deshalb sollten Sie mit gutem Beispiel vorangehen - für eine gute Streitkultur:

  • Sprechen Sie von sich und möglichst viel von Ihren Gefühlen. Beschreiben Sie, wie ein bestimmtes Verhalten der Partnerin/des Partners auf Sie wirkt.
  • Machen Sie keine Vorwürfe, sondern äußern Sie konkret Ihre Wünsche. Vermeiden Sie Verallgemeinerungen und Übertreibungen. Sagen Sie nicht "Nie hast du Zeit für mich!", sondern "Ich würde gerne mehr Zeit mit dir verbringen!".
  • Stellen Sie sich dem Konflikt, anstatt ihn zu vermeiden oder vorschnell abzubrechen.
  • Lassen Sie den anderen ausreden, und hören Sie gut zu.
  • Wichtig ist auch der richtige Zeitpunkt für eine Aussprache. Nicht jeder Moment ist geeignet.

"Krone"-Eltern-Kids-Coach Nina Petz steht Ihnen mit Rat zur Seite - per Videoklick auf krone.at/erziehung sowie gemeinsam mit ihrem Team per E-Mail und Post. Ihre Anfragen werden vertraulich behandelt.

Meine Tochter (5) wird immer handgreiflich bei Streitereien mit ihrem Bruder (3). Nichts hilft. Ihre Tochter braucht Ideen zur Konfliktlösung und für den Umgang mit ihrer Wut. Generell gilt: Alle Gefühle, auch Wut, sind erlaubt, aber eben nicht jedes Verhalten. Oft hilft ein selbstgebastelter "Wut-Ball" (einfach Knete in einen Luftballon füllen), ein wildes Wut-Bild oder eine gemeinsame Polsterschlacht, um die aufgeladene Situation zu entspannen. Danach können sie bei guter Stimmung mit beiden reflektieren. Ihre Tochter sollte aber nicht als die Schuldige dastehen!

Meine Söhne (12 und 14) können sich nicht ausstehen. Gerade in diesem Alter ist Abgrenzung ein großes Thema. Grund: der eigene Selbstfindungsprozess. Versuchen Sie daher immer die individuellen Stärken jedes Ihrer Kinder hervorzuheben und vermeiden Sie Vergleiche. Unterbinden Sie auch entwertende Konflikte Ihrer Söhne untereinander. Oft bringt die gemeinsame Rebellion gegen die Eltern sie wieder zusammen. Gesn!

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