Di, 21. November 2017

Erneut vertagt

07.09.2011 17:57

Farce in Dubai: Keiner der Zeugen erschien vor Gericht

Der am Mittwochvormittag fortgesetzte Mordprozess in Dubai, bei dem der oberösterreichische Mediziner Dr. Eugen A. (Bild) auf der Anklagebank sitzt, entwickelt sich neben einem Nervenkrimi auch immer mehr zu einer Farce: Denn bereits nach kurzer Verhandlung wurde erneut vertagt. Laut "Krone"-Reporterin Brigitte Blabsreiter, die vor Ort vom Prozess berichtet, waren alle geladenen Zeugen der Anklage einfach nicht aufgetaucht. Zudem wurde nun bekannt, dass die Frau des Angeklagten offenbar schwer krank ist, weshalb der Mediziner so schnell wie möglich nach Hause möchte.

Um neun Uhr begann die erste Anhörung. Geladen waren nur die fünf Zeugen der Anklage - zwei Ärzte und drei Schwestern. Doch dann der Schock für den Angeklagten: Keiner der geladenen Zeugen - alle fünf sind bei dem ehemaligen Dienstgeber des Angeklagten beschäftigt - war gekommen. Zudem war der Richter vor Kurzem durch einen jungen Kollegen ersetzt worden - der kaum Zeit hatte, sich mit dem Fall zu befassen.

Ehefrau des Angeklagten schwer krank
"Es ist zermürbend", sagte Eugen A. kurz nach der Verhandlung. "Ich habe keine Zeit mehr zu taktieren." Besonders tragisches Detail: Die Frau des Mediziners leidet an einer schweren, bösartigen Erkrankung: "Meiner Frau geht es schlecht, jeder Tag zählt. Meine Priorität ist, dass ich jetzt zu meiner Familie komme", so Eugen A.

Laufend wurde von seiner Anwältin und auch vonseiten Österreichs beantragt, dass der Mediziner zu seiner Familie nach Österreich reisen darf. "Jede Bemühung ist abgewiesen worden", sagte A. "Für jeden ist offensichtlich, dass die Maske ab ist. Es gibt hier kein Interesse, dass das fair und gerecht abgewickelt wird." Der Mediziner: "Man muss sich hier von unserem humanitären Hintergrund verabschieden. Das zählt hier nicht, das ist eine andere Welt."

Hat Dienstgeber Zeugen untersagt auszusagen?
"Nicht ein einziger Zeuge der Anklage ist erschienen. Alle fünf haben den Erhalt der Vorladung unterschrieben, doch alle fünf blieben der Verhandlung unentschuldigt fern. Das sagt doch schon alles", so A. weiter. Laut dem dortigen Recht dürfen sie dreimal unentschuldigt fernbleiben, dann erst werden sie vorgeführt. Das könnte allerdings erst in zwölf Wochen so weit sein.

"Ich frage mich nur, was sie dadurch gewinnen. Mir können sie nicht mehr schaden. Ich habe keinen Job, kein Geld und keinen Reisepass. Das Einzige, was sie damit erreichen, ist, dass das Waschen von Schmutzwäsche in der Öffentlichkeit vermieden wird." A. vermutet, dass sein ehemaliger Arbeitgeber den Zeugen untersagt hat auszusagen. "Dass die Zeugen lügen, wäre vor Gericht ja leicht beweisbar."

Anwalt liefert sich Wortgefecht mit Richter
Nach nur zehnminütiger Verhandlung am Mittwoch soll der Prozess nun am 26. September fortgesetzt werden. Der Vater von A.s Anwältin, Dr. Ibrahim Al Mulla – Dubais Staranwalt –, habe sich laut Blabsreiter angesichts dieser erneuten Verzögerung ein heftiges Wortgefecht mit dem Richter geliefert.

Wild gestikulierend und mit lauter Stimme erklärte er auf Arabisch: "Schluss mit dem Eiertanz! Mein Mandant ist unschuldig – lassen Sie keine Zeit mehr verstreichen! Seine Ehefrau liegt schwer krank in Österreich. Er muss zu ihr." Der forsche Ton missfiel dem Richter zwar, dennoch setzte er noch einmal seine Brille auf und las in der Anklageschrift. Trotzdem winkte er schließlich ab: "Dieser Fall ist zu kompliziert." Er nahm sich "Bedenkzeit" – und vertagte den Prozess.

Expertenteam des Außenministeriums soll intervenieren
Ein Expertenteam des Außenministeriums werde demnächst nach Dubai reisen, um dem Arzt zur Seite zu stehen, erklärte der Sprecher des österreichischen Außenministeriums, Peter Launsky-Tieffenthal, am Mittwoch. Das zweiköpfige Team wird mit den Behörden an Ort und Stelle verhandeln, um offene Fragen bezüglich einer vorübergehenden Ausreise des Mediziners zu klären.

Zudem wird in Absprache mit Eugen A. und seiner Anwältin Kontakt zu allen EU-Partnern in den Vereinigten Arabischen Emiraten aufgenommen, die in der Vergangenheit ähnlich gelagerte Fälle hatten, um mit ihnen ein gemeinsames Vorsprechen bei den Behörden zu bereden. Man habe auch Verbindung zu Ärzten aus Österreich, Europa und den Emiraten, die sich bereit erklärt haben, vorstellig zu werden und sich für A. einzusetzen, sagte Launsky-Tieffenthal. Die Botschaft in Abu Dhabi stehe mit dem Oberösterreicher täglich in Kontakt. Botschafter Dr. Julius Lauritsch: "Es gibt mündliche Zusagen, Herrn A. aus humanitären Gründen kurzfristig ausreisen zu lassen."

Sogar Bundespräsident Heinz Fischer wandte sich schriftlich an einen führenden Herrscher der Emirate. Doch für den Angeklagten sind das nur leere Versprechungen: "Es wird viel gesagt – und wenig getan."

Amnesty: "Menschlichkeit walten lassen"
Auch Amnesty International Österreich appellierte am Mittwoch, "Menschlichkeit walten zu lassen". Wie Heinz Patzelt, Generalsekretär von AI Österreich, sagte, sei der schwere Krankheitsfall der Ehefrau des Oberösterreichers eine weitere "menschliche Tragödie". "Es ist unbegreiflich, ihn (Eugen A., Anm.) nicht ausreisen zu lassen, wenn sein beruflicher Mittelpunkt in Dubai ist", so Patzelt.

Der Generalsekretär lobte die Bemühungen des Außenministeriums in dem Fall: "Da setzt man sich tadellos ein. (...) Deren Engagement ist beispielhaft und intensiv." Das Problem könne man nur auf diplomatischer Ebene lösen.

Wie es mit dem Gerichtsverfahren weitergehe, sei eine andere Sache. Da äußerte Patzelt erneut massive Kritik an der Prozessführung. "Durch die Todesstrafdrohung sind wir auf den Fall aufmerksam geworden. Dass es sich hier um ein schnelles, faires und transparentes Gerichtsverfahren handelt, daran habe ich meine Zweifel."

Gutachten und Higher Committee entlasteten 50-Jährigen
Die Anklage beschuldigt den 50-Jährigen und einen indischen Kollegen, einen querschnittgelähmten Patienten im Februar 2009 am Rashid Hospital in Dubai durch Unterlassung von Hilfeleistung und eine hohe Dosis Opiate getötet zu haben. Laut eigenen Angaben hatte sich A. allerdings zum Zeitpunkt des Todes des Patienten bereits 36 Stunden außer Dienst und nicht mehr im Krankenhaus befunden. Auch Anweisungen, den Patienten sterben zu lassen, habe es keinesfalls gegeben.

A. wurde zudem nicht nur durch ein österreichisches Gutachten entlastet, sondern auch durch das Higher Committee, der höchsten Instanz in medizinischen Angelegenheiten in den Vereinigten Arabischen Emiraten, im Dezember letzten Jahres von allen Vorwürfen freigesprochen. Doch die Staatsanwaltschaft ermittelte trotz des Bescheids weiter.

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