Di, 20. November 2018

krone.at in Bern

10.09.2017 05:32

Würde Sie der ÖFB-Teamchef-Job reizen, Adi Hütter?

Wo er ist, da ist auch der Erfolg nicht weit, das ist in Grödig und bei Red Bull Salzburg so gewesen - und das gilt jetzt auch bei den Young Boys Bern: Adi Hütter zeigt aktuell auch als Trainer-Legionär in der Schweiz, dass er sein Handwerk absolut versteht. Nach zwei Vizemeister-Titeln in Serie könnte der Altacher die seit 30 Jahren darauf wartenden Berner endlich wieder einmal zu einem Meistertitel führen. sportkrone.at besuchte Hütter in der Schweiz und plauderte mit ihm über sein Leben in Bern, seine Young Boys, sich schließende Kreise und ob er sich vorstellen könnte, ÖFB-Teamchef zu werden!

sportkrone.at: Gruezi wohl, Adi Hütter! Wir sind ca. 177 Kilometer von Ihrer Heimat Altach entfernt - fühlen Sie sich hier als Vorarlberger überhaupt als Trainer-Legionär?
Hütter: Ja, auf alle Fälle! Sicherlich, der Vorarlberger Dialekt ist dem Schweizer-Deutsch sehr, sehr ähnlich. Wobei: Das Bern-Deutsch ist schon etwas anders. Aber auch wenn Altach näher zu Bern als zu Wien liegt, ist es so, dass ich im Ausland arbeite und dass mir das sehr viel Spaß macht!

sportkrone.at: Wie lebt es sich für Sie in der Schweiz bzw. in Bern? Die Stadt gilt ja als sehr lebenswert, aber auch als durchaus teure...
Hütter: Naja, die Schweiz ist grundsätzlich ein sehr teures Pflaster! Am Anfang war es eine große Umstellung für mich. Wenn man ins Restaurant essen geht, wenn man Lebensmittel einkauft oder was die Wohnungspreise betrifft, kann man sagen, dass es doppelt und dreifach so teuer wie in Österreich ist. Man gewöhnt sich aber daran. Und was die Lebensqualität betrifft, die ist natürlich sehr hoch hier. Grundsätzlich ist Bern eine Beamtenstadt, weil ja das Bundeshaus hier beheimatet ist, die Schweizer Regierung. Der Berner spricht zudem ein bisschen langsamer als die Leute im Rest der Schweiz, es ist alles ein bisschen gemütlicher. Aber die Leute sind sehr angenehm und sehr freundlich.

sportkrone.at: Schweizer sind ja mit dem Vorurteil behaftet, dass Sie nüchtern, fleißig, korrekt, still aber auch mitunter humorlos sind. Können Sie das nach ein paar Jahren hier bei den Eidgenossen bestätigen?
Hütter:(lacht) Also der erste Teil stimmt ganz sicher, dass sie sehr fleißig und sehr zielgerichtet sind. Humorlos sind die Schweizer ganz bestimmt nicht. Es ist nicht so wie in Österreich, da leben wir auch vom Schmäh - aber ich komm‘ auch hier zum Lachen…

sportkrone.at: Themenwechsel: Wie zufrieden sind Sie mit dem Saisonstart in der Liga?
Hütter: Wenn wir so platziert wären, wie sich das Wetter heute präsentiert, dann wäre ich nicht zufrieden. Trotz allem muss man aber feststellen, dass wir zum ersten Sechstel der Meisterschaft auf Platz zwei stehen. Letztes Jahr hatten wir nach sechs Runden neun Punkte Rückstand auf den Leader, nun liegen wir einen Punkt zurück. Also sind wir heuer besser klassiert. Der Saisonstart ist mit drei Siegen grundsätzlich gut geglückt - und ja, dann kamen die Quali-Spiele zur Gruppenphase der Champions League gegen Dynamo Kiew und ZSKA Moskau. Dass dann "Sand im Getriebe" gewesen sei, finde ich aber ein bisschen übertrieben…

sportkrone.at: Weil?
Hütter: Kiew war in den letzten Jahren immer wieder Gast in der CL-Gruppenphase - und die haben wir speziell mit dem Heimspiel auch verdient ausgeschaltet. Und dann sind wir mit ZSKA Moskau an einer Mannschaft gescheitert, die in den vergangenen Jahren auch immer wieder an der Gruppenphase teilgenommen hat. Aber ich denke, dass wir in der Europa League auch sehr gut aufgehoben sind.

sportkrone.at: Wie darf man sich das Niveau in der Schweizer Super League am ehesten vorstellen, etwa im Vergleich mit Österreich?
Hütter: Es gibt viele Gemeinsamkeiten - aufgrunddessen, dass beide Länder ganz oben mit 10 Klubs bestückt sind. Der Unterschied besteht für mich darin, dass in Österreich eher mehr junge Talente spielen. Durch die Akademien kommen in Österreich jedes Jahr viele Spieler mit viel Potenzial heraus, die dann versuchen, ihren Weg in den ersten beiden Ligen zu gehen. In der Schweiz sind die Möglichkeiten ein bisschen anders, auch vom Verdienst her. Viele Mannschaften können auf Routine setzen, es gibt immer wieder Kicker, die von größeren Klubs in die Schweiz kommen. Wir haben selbst Spieler wie Miralem Sulejmani, der bei Ajax Amsterdam und Benfica Lissabon gespielt hat oder Guillaume Hoarau, der bei Paris St.-Germain war. Abgesehen davon ist es in der Schweiz zuschauermäßig und infrastrukturell ein bisschen besser.

sportkrone.at: Allzu viele Spieler von YB kennt man in Österreich wohl nicht, ihren aktuellsten Neuzugang allerdings sehr wohl: Moumi Ngamaleu ist von Altach nach Bern gewechselt. Was hat YB für ihn attraktiver gemacht als den SK Rapid, dem er ja angeblich einen Korb gegeben hat?
Hütter: Warum er den Weg zu uns gesucht hat und nicht zu Rapid? Ich denke, dass es in Österreich nicht einfach für ihn war, da nur wenige Leute Französisch sprechen. Hier ist er im Paradies, was das betrifft! In der Schweiz wird zu 60/70 Prozent auch Französisch gesprochen. Also kommt er in ein Umfeld, in dem nicht nur in der Kabine viel Französisch gesprochen wird, sondern auch in der Stadt, wenn man einkaufen oder in Restaurants geht. Was vielleicht auch mitgeholfen haben könnte, ist, dass wir in der EL-Gruppenphase sind...

sportkrone.at: Apropos Altach: Ihr Stammklub hat in den vergangenen Jahren einen rapiden Aufstieg erlebt und auch im Europacup gute Figur gemacht. Hätte der junge Adi Hütter, der bei Altach seine ersten Sporen in der höheren Kicker-Szene verdient hat, so eine Entwicklung erwartet?
Hütter: Als ich ein kleiner Junge gewesen bin und die Partien verfolgt habe, hat Altach noch im Bregenzerwald und im Montafon gespielt. Und jetzt ist Altach das Aushängeschild im Vorarlberger Fußball. Das hätte ich mir nicht erwartet. Schon als ich dann Altach-Trainer gewesen bin, war die Ambition da, um internationale Plätze mitzuspielen. Und diese Vision ist realisiert worden, das ist sehr beeindruckend.

sportkrone.at: In den vergangenen Jahren hat sich YB als "Triple-Vize" zum ersten Herausforderer des großen FC Basel gemausert. Wie sehen Sie die Chancen, dass es heuer zur Wachablöse kommt?
Hütter: Jede Serie geht einmal zu Ende und man muss auch sagen, dass es bei Basel einen Führungswechsel gegeben hat. Mit neuem Präsident, neuem Sportdirektor, neuem Trainer und teilweise neuer Mannschaft. In der Meisterschaft sind sie noch nicht in einer Topverfassung. Nun kommt die CL-Gruppenphase dazu - es wird spannend, wie sie mit der Doppelbelastung umgehen können. Wir haben diese ja schon! Deswegen denke ich, dass heuer die Chance da ist, vorne um den Titel mitspielen zu können. Sie sind aber natürlich trotz allem der Favorit!

sportkrone.at: Generell zeigt ein Blick in die Vereinsannalen, dass im Abschnitt "Titelgewinne" noch etwas Platz frei wäre - der letzte Meisterschaftsgewinn datiert aus der Saison 1985/86. Wissen Sie eigentlich, wer als Trainer für diesen Titel verantwortlich gezeichnet hat?
Hütter: Ja, klar weiß ich das! Das war Aleksander Mandziara. Der war in der Saison 1989/90 mein Trainer beim LASK Ich war damals 19, 20 Jahre alt, hab‘ viele Spiele absolviert und hab‘ ihn als sehr, sehr guten Trainer kennengelernt. Knapp zwei Monate, nachdem ich im September 2015 hierhergekommen bin, ist er leider verstorben - das war für mich ein unglaublicher Moment, als ich das erfahren habe. Irgendwie schließt sich da ein Kreis: Jetzt bin ich der Trainer hier und natürlich wäre es ein absoluter Traum, in seine Fußstapfen treten zu können.

sportkrone.at: Wie erholt sich Adi Hütter vom Alltags- und Erfolgsstress eines Trainers im Millionen-Franken-Business Fußball?
Hütter: Zuerst mal liebe ich den Job einfach, ich bin irrsinnig gerne Trainer, Coach und Motivator. Ich liebe es, jeden Tag in die Arbeit zu gehen, zu meinem Trainerteam und dass ich mit der Mannschaft arbeiten kann. Ich glaube, die Leidenschaft für einen Job ist das wichtigste!Und ja, grundsätzlich ist es doch auch irgendwo schön, wenn man Stress hat. Wenn man jeden Tag Spiele hat, wenn man interasusfordernd!

sportkrone.at: Themenwechsel: Österreichische Trainer im Ausland sind aktuell noch immer eine recht seltene Spezies - gemeinsam mit Ralph Hasenhüttl und Peter Stöger gehören Sie zu den rot-weiß-roten Aushängeschildern auf dem Trainersektor. Wie fühlt sich das an?
Hütter: Zuerst bin ich einmal stolz, es als Trainer so weit geschafft zu haben! Ich bin jetzt zwar schon knapp 10 Jahre als Trainer dabei, aber ich sehe mich noch immer in der Lernphase. Ich möchte mich immer weiterentwickeln, nie stehenbleiben! Ich habe absolut das Gefühl, dass ich etwas bewegen kann als Trainer. Das war für mich grundlegend wichtig, als ich die Trainerausbildung gemacht habe. Kann ich etwas vermitteln? Verstehe ich diesen Job?

sportkrone.at: Und?
Hütter: Heute traue ich mich zu sagen: Ja! Aber man muss ständig auf der Hut sein. Man muss mehr tun, als die anderen. Man muss versuchen, sich stets weiterzuentwickeln, weiterzubilden und nicht stehenzubleiben. Dann ist es schön, wenn man weiß, dass man mit Ralph Hasenhüttl und Peter Stöger einer von drei Trainern ist, die im Ausland arbeiten und einen hohen Stellenwert haben. Für mich war immer klar: Sollte ich es als Trainer schaffen und die Möglichkeit bekommen, dann gehe ich auch ins Ausland. Und ich habe es bis heute nicht eine einzige Sekunde lang bereut! Ich bin stolz, YB-Trainer zu sein. Das ist ein Traditionsklub, dessen Größe und Bedeutung man in Österreich vielleicht unterschätzt. Aber natürlich wäre es ein Traum, einmal in der deutschen Bundesliga zu arbeiten, wie Ralph Hasenhüttl und Peter Stöger..

sportkrone.at: Ebenfalls eine hohe Sphäre wäre wohl auch der Posten als Teamchef. Ohne Sie jetzt ins Gespräch bringen zu wollen, würde Sie der Teamchef-Job irgendwann mal reizen?
Hütter: Man sollte niemals "nie" sagen. Aber jetzt im Moment… (zögert kurz) Ich bin so im Tagesgeschäft drinnen, dass ich es mir jetzt nicht vorstellen könnte, nur einige Länderspiele pro Jahr als Trainer zu absolvieren. Man muss aber auch immer aufpassen: Mein Vertrag läuft nächstes Jahr aus und wie geht es dann weiter? Wenn man zwei Jahre zu Hause sitzt und dann tut sich irgendwo die Chance auf ein Engagement auf, dann packt man vielleicht doch zu. Deswegen kann ich das jetzt gar nicht wirklich beantworten. Abgesehen davon ist Marcel Koller nach wie vor Teamchef. Da will ich mich an Spekulationen nicht beteiligen...

Hannes Maierhofer (in Bern

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