Di, 26. März 2019
06.04.2017 17:14

"Krone"-Interview

Deep Purple: "Sind keine Freunde, sondern Musiker"

Seit mittlerweile 49 Jahren versorgen uns die Briten Deep Purple mit hochqualitativem Rock, der irgendwo zwischen Blues, Progressive und manchmal sogar Jazz oszilliert. Bevor sie auf ihre große "The Long Goodbye"-Tour gehen, die das Quintett am 17. Mai auch in die Wiener Stadthalle führt, veröffentlichen sie mit "InFinite" das vielleicht letzte Studioalbum einer großen Karriere. Sänger Ian Gillan stand uns - gewohnt charmant und schwarzhumorig - für einen gemütlichen Frage/Antwort-Plausch zur Verfügung und klärte dabei einige Unklarheiten auf.

"Krone": Ian, ihr habt auf eurem neuen Album "InFinite" eure alten Stärken sehr gut mit einer zeitgemäßen Produktion verbunden - quasi die Stärken all eurer Epochen durchaus würdig zusammengemischt...
Ian Gillan: Die Produktion von Bob Ezrin ist großartig, ich liebe sie. Es geht gar nicht um den hervorragenden Sound, der mir erstmals überhaupt in unserer Diskografie gut gefällt, sondern vor allem darum, dass er uns so viele Freiheiten ließ. Nach den Aufnahmen zum Vorgänger "Now What?!" sagte er, er will den Sound des Studios von uns auch auf der Bühne hören. Das ist schwierig, weil jeder Abend, jedes Konzert anders ist, aber wir haben das Beste gegeben, um das auf "InFinite" zu verbinden. Er hat selbst gesagt, wenn er uns bei den Aufnahmen zu stark kontrolliert, wird alles langweilig. (lacht) Er war unser technischer Anführer, hat uns aber beim Songwriting freie Hand gelassen. Bei den Arrangements hat er uns unterstützt, deshalb bekam er auch Credits dafür. Er hat die Arbeit eines Produzenten perfekt verstanden und umgesetzt.

Die Werbephase, Videoausschnitte als auch das Cover-Artwork bestehen aus eisigen, arktisch-kalten Landschaften. Was steckt dahinter?
Ich habe keine Ahnung. (lacht) Die Idee kam von der Plattenfirma als sie die ersten Songs hörten. Der Eisbrecher fährt in Schleifen im Kreis und kreierte damit dieses Unendlichkeitszeichen, das das Symbol des Ausdrucks "Infinity" darstellt. Außerdem repräsentiert es die Bögen der Buchstaben D und P, unseren Bandinitialen. Es ist ein sehr kluges Design, das sehr neuartig ist. Ich kenne keine Band, die das vorher so gelöst hat und mir gefällt das kraftvolle Ergebnis sehr gut. Vielleicht gibt es auch eine tiefere Bedeutung? Was weiß ich. Womöglich meint man auch, dass wir das Eis noch ein letztes Mal durchbrechen. Auf metaphysischer Ebene ist die Botschaft vielleicht, dass das Album unser Leben überdauern wird.

Der erste Song auf dem Album heißt "Time For Bedlam", was übersetzt so viel wie "Zeit für Chaos" heißt. Ist das Arbeiten bei Deep Purple, einer Band, mit kollektiv herausragenden Musikern, manchmal sehr chaotisch?
Nicht für mich, ich bin der Sänger. (lacht) Deep Purple sind in erster Linie eine Instrumentalband und ich sitze mit Tee oder Kaffee im Hintergrund und sehe die Jungs beim Jammen. Hier und da mache ich mir Notizen und versuche das dann mit Roger Glover zu einem Text und einem Song zu verwandeln. Es startet aber immer alles mit Instrumentalparts und es ist eine Riesenfreude im Studio zu sitzen, und diesen Genies beim Kreieren von Musik zusehen zu dürfen. Es läuft wie bei einer Maschine. Wir kommen zu Mittag ins Studio, arbeiten bis 18 Uhr und machen dazwischen um 15 Uhr eine Teepause. Jeder Tag ist voll mit Musik und niemand kommt mit großen Ideen - alles wird vor Ort im Proberaum entwickelt. Wir machen das etwa eine Woche lang, machen dann drei Monate Pause und setzen diese Arbeit dann an einem anderen Ort fort. Das kann in Portugal sein, in England, Deutschland oder Kanada. Die Abende halten wir uns frei und somit geht alles sehr schnell vonstatten.

Braucht ihr eine besondere Verfassung oder Atmosphäre, um Songs zu schreiben?
Nein. Nur einen großen Raum, mehr ist nicht nötig.

Ist es für dich als Sänger manchmal ärgerlich, wenn man Deep Purple eben hauptsächlich als Instrumentalband konnotiert?
Nein, das ist fantastisch. So bin ich in die Musik gekommen. Die Wurzeln, die Deep Purple in den Anfangstagen ausmachten, haben sich bis heute kaum geändert. Jon Lord, Ritchie Blackmore und Ian Paice brachten Jazz, Big-Band-Swing und orchestrale Arrangements in die Band, Roger sorgte für den Folk und ich für Rock'n'Roll und Blues. Diese unterschiedlichen Einflüsse wurden immer zu einem Ganzen gegossen und das macht uns aus. Wie viele Bands kennst du, wo ein Song nach einem Symphonieorchester klingt und der andere nach einer dreckigen Blues-Band aus New Orleans? Wir haben all diese Elemente vereint und ich sehe es als Privileg den Jungs dabei zuzusehen, wie sie mit musikalischen Ideen dazu kommen.

Wo hast du als Sänger und Texter deinen Fokus gelegt, was war dir für "InFinite" wichtig?
Da gibt es keinen Fokus. (lacht) Schon als Kind habe ich gelernt, dass die Texte zur Musik passen müssen. Es ist wie beim Zugfahren, du konzentrierst dich auf die Musik, lässt dich hineinfallen und die Texte unterstützen das. Ich war vom Tag genauso inspiriert wie von der Nacht - einfach von natürlichen Dingen. Das ändert sich aber mit der Zeit, die Welt dreht sich schließlich weiter. Ich war zuerst ein wütender junger Mann, später sehr zufrieden mit der Welt und bin heute wieder wütend. (lacht) Wie jeder andere von uns schaue ich fern und lese Zeitungen. Dort gibt es genug Inspirationen. Auch die Vergangenheit dient oft als Basis für eine Geschichte. Manchmal kommst du drauf, dass deine Texte zu wild und wütend sind, dann musst du sie etwas entschärfen. Allein das tägliche Aufwachen ist eine Inspiration. Die Stimmung eines Albums fängt genau die kurze Periode von Musikern ein, wenn sie kreativ werken. Es gibt immer den Moment, wo jeder genau den richtigen Moment für ein Album verspürt. Das kann oft Jahre dauern, aber wir haben ihn dieses Mal so gut wie möglich genutzt. Wenn man schon kreativ ist, dann muss man diese Phase perfekt nutzen. Meine erste Beteiligung beim Songschreiben ist, dass ich sinnloses Geschwafel über den Sound lege, um die richtige Tonation zu finden. Der Text selbst kommt dann, wenn ich die Melodie dazu kenne. Von dort an wird es nicht so schwer. Ich finde, man sollte nicht viel länger als 20 Minuten am Text eines Songs schreiben. Zumindest die, mit denen ich am Ende am meisten zufrieden bin, entstehen in sehr kurzer Zeit.

Weil du von Geschichten erzählst: im Song "On Top Of The World" gibt es von dir gesprochene Wörter, ebenso während "Birds Of Prey". Das gibt den Nummern einen theatralischen, fast schon dramatischen Anstrich. Gefällst du dir in der Rolle des Erzählers?
Das bleibt nicht aus, denn du kannst eine ganze Story kaum in drei Minuten oder weniger erzählen. Bob Ezrin hat mir dahingehend einfach viel Freiheit gegeben und ich habe das für mich ausgenutzt. Diese Erzählstruktur habe ich mir von wo abgeschaut und Bob fand die Idee cool. Ich wollte damit eine Stimmung kreieren, die widerspiegelt, dass ich in einer Art Kerker festsitze. Das gibt es auch auf "Time For Bedlam" zu hören und passt zu den jeweiligen Songs. Der Teil von "On Top Of The World" bringt mich noch jetzt zum Schmunzeln, weil er für mich so surreal war. Als ob ich in die Galaxis entschweben würde. (lacht)

Völlig aus dem Rahmen fällt der letzte Song, "Roadhouse Blues", wo ihr einen sehr reduzierten, zur Basis zurückgehenden Sound aufweist. War das eine Rückbesinnung auf die alten Tage der Band? Euer Rolling Stones-Moment?
Das ist eine zulässige Interpretation, aber ich sehe das anders. Ich persönlich hätte den Song gar nicht auf das Album gegeben, weil er nicht zum Rest des Materials passt, aber die Jungs waren dafür. Wir jammen oft einfach so im Studio, während wir kleine Pausen machen. Das endet oft bei Chuck Berry-Songs oder eben bei solchen Nummern. Die Jungs haben einfach nicht mehr aufgehört zu spielen und ich habe dann was darüber gesungen. Ich nahm meine Mundharmonika, sang dazu und das Ding war aufgenommen. (lacht)

Im Song "Get Me Outta Here" gibt es die Songzeile "There's no end in sight" - ist das ein Hinweis für eure Fans, dass ihr eben doch noch nicht Schluss macht?
Wir sind zwar alle fit und voller Energie, aber natürlich klopfen wir langsam an die Wintertür des Lebens. Die Möglichkeiten, diese oft sehr komplexe und herausfordernde Musik zu spielen, sind nicht immer einfach. Es ist aber auch schwierig für uns, uns vorzustellen, dass wir etwas stoppen, das wir schon unser ganzes Leben lang machen. Ich glaube aber, dass es die richtige ge nicht, dass wir nicht auch weiterhin Einzelshows oder auf Festivals spielen werden, aber wohl nicht mehr in dieser Intensität. Es ist schwer, die Zukunft vorherzusagen, aber ich glaube es wird schwierig, mit dem Singen aufzuhören. Ich sollte nicht zu lange auf Urlaub gehen, sondern lieber meine Soloprojekte forcieren, die ich aufgrund des Purple-Plans ohnehin nicht fördern kann. Ich werde sicher weiterarbeiten, aber eben gemütlicher und entspannter.

"The Long Goodbye"-Tour impliziert ja schon im Namen, dass es kein fixes Ende gibt…
Das stimmt wohl so. Aber ich glaube, die Leute verstehen das. Wenn du einen normalen Job hast und mit 65 oder 70 in Pension gehst, dann weißt du das im Vorhinein und bist geistig darauf vorbereitet. Aber für uns ist das psychologisch nicht einfach, weil Künstler kein Pensionsalter haben. Das ist eine große Sache für uns.

Fürchtest du das Ende der Deep Purple-Livehistorie? Macht dich das drohende Ende nervös, weil ein so wichtiger Teil deines Lebens wegbricht?
Angst ist das falsche Wort. Es ist eher ein ungutes Gefühl, weil dir eine Tradition abhandenkommt, die deine Zeit ausfüllt. Du musst dir also überlegen, was du stattdessen machst. Ich bin kein nostalgischer Mensch und ich bin mir sicher uns bleibt genug Zeit, um all das zu reflektieren. Ein Deep Purple-Ende klingt einfach seltsam. (lacht)

2018 feiert Deep Purple zudem den 50. Geburtstag. Das ist doch Grund genug, um es nächstes Jahr noch einmal richtig krachen zu lassen.
Ach wirklich? 50? Cool.

Da könnte man sich doch auch ein paar ganz spezielle Shows überlegen. Eben zur großen Feier auch mit ein paar Ex-Mitgliedern der Band auftreten.
Nein, das ist eigentlich kein Thema. An so etwas denken wir nie. Die lebenden, atmenden Deep Purple der Gegenwart sind genau die, die uns am Leben erhalten. Alles andere wäre wie ein Zirkus und schlechter Abschied. Das wäre nicht progressiv und würde nicht zu uns passen. Hie und da wird intern darüber geredet, aber was würde dann passieren? Ich glaube nicht, dass wir glücklich damit wären. Triffst du dich gerne freiwillig mit deiner geschiedenen Ex-Frau? (lacht) Das ist irgendwie seltsam.

Andererseits hast du in der Vergangenheit schon oft betont, dass zum Beispiel zwischen dir und Ritchie Blackmore längst kein böses Blut mehr besteht. Man könnte solche Spezialshows also sicher professionell vollziehen.
Um Himmels Willen, lassen wir das doch endlich beiseite. Die ganze Geschichte ist seit Ewigkeiten ausgeräumt, nur die Medien bekommen nicht genug davon. Wenn du verwundet bist, hast du eine Narbe, die heilt. Aber wenn dauernd jemand mit einem Stock daraufschlägt, wird es nicht besser und weder ich, noch Ritchie, sind diejenigen, die mit dem Stock spielen - es sind immer die Medien. All das passierte vor mehr als dem halben Leben der Band und es war wie eine Scheidung. Ritchie und ich haben kein Problem, aber so etwas passiert eben.

Das derzeitige Line-Up besteht seit 15 Jahren. Ist es die stabilste und familiärste Besetzung der Deep Purple-Historie?
Sieh dir einfach die Fakten an. Wir sind bei Weitem so sicher und fix wie nie zuvor. Steve Morse ist seit Ewigkeiten dabei und dass Don Airey Jon Lord folgte, war ein einziger Glücksfall. Wir haben auch so viel Spaß wie maximal ganz zu Beginn der Band Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre.

Was definiert euch einzelne Individuen innerhalb der Band? Seid ihr mehr gute Freunde oder eine Familie, denn ausschließlich eine Band?
Wir sind keine Freunde. (lacht) Ich muss ganz ehrlich sagen - wir sind ungefähr neun Monate im Jahr unterwegs, natürlich mit kleinen Pausen und Unterbrechungen. In dieser Zeit sind wir meist in fünf verschiedenen Städten pro Woche und das Programm ist unheimlich intensiv. Wenn wir dann nach Hause gehen, dann will ich nicht mit Ian oder Roger telefonieren. Ich will sie auch nicht sehen, bis wir wieder auf Tour sind - und dort sind wir gleich wieder wie Brüder. Wir sind Musiker. (lacht) Schon in den frühen Tagen waren wir Rebellen, die gegen das System waren und sich mit ihren eigenen Köpfen durchgesetzt haben. Wir haben niemals Erwartungen erfüllt oder sind ebenjenen gefolgt - von welcher Seite aus auch immer. Wir hassten die Idee, im Fernsehen aufzutreten, was die Geschäftsleute zum Kochen brachte. Wir haben immer auf uns geschaut und das war der einzige Weg, die Band am Leben zu erhalten. Wenn du der Mode folgst und ihr hörig bist, dann bist du spätestens am nächsten Tag wieder out. Dieses Schicksal wollten wir nie haben. Für David Bowie hat es vielleicht funktioniert, weil er sich immer wieder neu erfand. Aber selbst das muss wahnsinnig ermüdend sein, wenn man immer wieder darum kämpfen muss, auf Seite eins der Magazine zu landen. Für eine Band ist das sogar unmöglich. Unsere Musik hat sich immer entwickelt und das erfüllt und enthusiasmiert uns. Wir sind eine musikalische Familie, aber wir sind am Ende einer Tour auch froh, wenn wir uns alle nur mehr von hinten sehen. (lacht)

Ist das nahende Ende großer Deep Purple-Touren auch eurem Alter und der physischen Belastung geschuldet? Merkst du etwa stimmlich, dass es immer schwieriger wird?
Nein, meine Stimmkraft ist seit Jahren konsistent und da habe ich großes Glück. Wir alle leiden aber an gewissen Erkrankungen, die aus der harten Arbeit mit der Band resultieren. Wir möchten alle gerne noch etwas länger leben, also gehen wir langsam aber sicher vom Gaspedal. (lacht)

Wie geht es eurem Drummer Ian Paice, der im Sommer 2015 einen leichten Schlaganfall erlitt?
Ihm geht es gut. Er ist so lästig und ärgerlich wie immer. (lacht)

Wie geht es dir mit dem Kultfaktor, der Deep Purple umweht? Von einigen Leuten werdet ihr mitunter als die Paten des Hard Rock bezeichnet.
Daran denken wir niemals. Ich kann mich an keinen Menschen in der Band über all die Jahre bei uns erinnern, der jemals über dieses Thema gesprochen hätte. Andere Leute reden darüber und uns ist das manchmal peinlich. Wir würden uns oft sogar gerne für diese Rolle entschuldigen. Ich gebe dir dazu ein Beispiel: Als Steve Morse zu uns stieß, fragte er mich, ob es einen Dresscode geben würde. Bei den Amerikanern ist das so, die müssen sich da absichern. Wir haben natürlich gesagt, er soll sich kleiden wie er will, schon alleine diese Frage klang für uns absurd. Uns ist das Image egal und auch, was die Leute über uns denken. Ich kann mich an ein Konzert im polnischen Warschau in den 90er-Jahren erinnern. Wir waren eine Nacht davor schon an der Hotelbar und redeten über unsere Hunde, wie es den Familien geht, was mit dem jeweiligen Lieblingsfußballverein passiert und ob Steve sein Wunschauto gekauft hat. Als ich dann ins Bett ging realisierte ich, dass wir kein Wort über die Band, die Setlist für das Konzert oder unsere Alben redeten. Wir gingen am nächsten Tag auf die Bühne und verrichteten unseren Job - das ist wundervoll so. Ein Image war uns schon immer egal.

Andererseits seid ihr auch eine große Inspirationsquelle für viele junge Bands und Künstler, die nach euch kamen. Fühlt ihr euch mit diesem Status geehrt?
Ich bin dem gegenüber sehr demütig eingestellt. Sollten wir wirklich eine Inspirationsquelle sein, ist das eine sehr gute Sache. Musik ist etwas Hervorragendes. Wenn sich jemand darauf einlässt, egal ob als Profi oder Amateur, ist sie ein guter Freund über ein ganzes Leben. Ich glaube zwar, dass unser Einfluss manchmal etwas überbewertet wird, aber es ist natürlich schön, wenn man inspirieren kann.

Du bist zwar kein Nostalgiker, aber schaust du in punkto goldene Zeiten im Musikgeschäft doch manchmal mit einem weinenden Auge zurück? Die fetten Jahre sind bekanntlich längst vorbei.
Nein, um es mit einem Wort zu sagen. (lacht) Die Frage schockiert mich etwas.

Warum denn?
Weil ich absolut keine Ahnung und kein Gefühisierte. Ich war so aufgeregt, war die ganze Zeit im Gespräch wegen Hotels, Flügen, Sound, Licht, der Crew etc. - die Logistik war der Wahnsinn, ich hatte überall meine Finger im Spiel. Mein Manager sprach mich auf das Budget an und ich konterte "welches Budget?". Er meinte dann nur: "Ich gebe dir einen Rat. Halt die Schnauze und konzentriere dich einfach aufs Singen". (lacht) Ich musste lachen und hörte damit nicht mehr auf. Er hatte absolut Recht. Ich kann keine Buchhaltung führen, ich habe keine Ahnung von meiner Einnahmen-/Ausgaben-Rechnung, sondern weiß nur, dass ich genug habe. Meine Tochter ist auch Musikerin und verdient maximal ein paar Kröten mit Livekonzerten. Ich bin mir der Problematik des Marktes dadurch durchaus bewusst. Die Welt ist heute eine ganz andere, es hat sich einfach alles geändert. Aber das ist normal und auch in allen anderen Sparten des Lebens so. Wenn die Welt gesättigt ist und es ihr zu gut geht, dann dreht sich die Lage wieder. Das war immer so und wird immer so sein. Es gibt so unheimlich viele talentierte junge Musiker, aber die Schwemme an Veröffentlichungen ist nicht mehr zu stemmen. Es wird immer schwieriger, bemerkt zu werden und in den Schlagzeilen wechseln sich die Künstler heute alle paar Wochen ab - früher überdauerte das Jahre. Das zweite große Problem daneben ist, dass die Produzenten den Musikern kein Vertrauen mehr geben. Sie werden alle in gewisse Korsetts gesteckt und können nicht mehr sie selbst sein. Um ehrlich zu sein, in der heutigen Zeit würde ich wohl kaum mehr mit einer musikalischen Karriere beginnen.

Als bescheidene Typen zum Angreifen wart ihr euren Fans seit jeher immer sehr nahe. Gab es auch mal eine Zeit, wo du die Bodenhaftung verloren hast? Wo es dir vielleicht auch zu viel wurde?
Natürlich, das passierte damals jedem. Ich kann mich an viele Vorfälle erinnern, wo ich einfach kurz hallo zu den Leuten sagen wollte und statt zehn oder 20 waren dann plötzlich 1.000 Menschen, die auf mich warteten. Das war oft sehr dramatisch, sie trampelten sich gegenseitig förmlich nieder. Du realisierst dann recht schnell, dass du von einer gemütlichen zu einer erschreckenden Situation übergehst. Natürlich kannst du, wenn du gerne auf den Titelseiten der Zeitungen landen willst, mit 20 Securitys im Schlepptau und Sonnenbrille auf der Nase frühmorgens durch den Hyde Park joggen, aber das war nie unser Ding. Wenn etwas zu groß wird, dann musst du dich selbst an der Nase nehmen.

Ich kann mich noch gut an einen bestimmten Vorfall in New York erinnern. Ich stand vor einem Konzert auf der Straße, unterschrieb für mehr als eine Stunde bereitwillig alle Autogrammwünsche und habe mit allen kurz gequatscht. Als das vorbei war ging ich in das Hotel und ignorierte einen Fan, der unbedingt noch ein Autogramm wollte. Irgendwie kam er auf die Telefonnummer meines Zimmers und rief mich schwer beleidigt an. Es war wirklich abstoßend - dieser ganze Hass und die Wut von diesem einen Typen, der sich benachteiligt fühlte. Das hat mich wahnsinnig verärgert, aber ich habe daraus gelernt. Du kannst dich auf alles vorbereiten, was mit deinem Talent, deiner Stimme, deinem Instrument, deiner Bühnenperformance und deiner Kunst allgemein zusammenhängt. Du kannst das lernen und üben, bis du zu den Besten gehörst. Was du aber nicht kannst, ist dich auf den Erfolg vorzubereiten - du siehst das oft bei jungen Sportlern oder Musikern. Sie kommen nicht damit klar, dass sie plötzlich in einer anderen Welt sind. Du hast überall neue Freunde und Manager und alle alten Kumpel sind weg. Schleichend aber doch verändert sich dein Leben schlagartig, das ist die dunkle Seite dieses Lebens. Wenn du das geschafft hast und wieder am Boden bleibst, dann bist du erwachsen und dann kann dir auch nichts mehr was anhaben in diesem Geschäft. Ich bin selbst durch das komplette Wellental der Emotionen gegangen.

Am 17. Mai kommt ihr endlich wieder mal in die Wiener Stadthalle - das letzte Mal wart ihr im Juli 2016 beim "Lovely Days" in Eisenstadt zu Gast. Worauf freust du dich in Österreich besonders?
Ich freue mich darauf, zu singen. (lacht) Ich habe das ganze Sightseeing-Programm schon vor Jahren abgeschlossen, diesen Stress habe ich also nicht mehr. Der Tourplan ist dieses Mal ziemlich knapp, so wird es auch mit der Zeit sein. Ich habe viele Freunde rund um Wien und in Österreich und versuche einfach die Zeit zu finden, mit ihnen essen zu gehen, um etwas Zeit miteinander zu verbringen.

Was definiert Deep Purple 2017? Was ist die Essenz von euch als Band?
Ich denke, die bedingungslose Liebe zur Musik, die aus uns herausströmt. Wir haben immer noch viel Kraft und Kreativität in uns und ich genieße einfach alles. Wir sind immer noch fit und gut in Form. Das wäre jetzt eigentlich die Aufgabe unseres Pressesprechers, nur den haben wir nicht. Wir haben ein sehr enthusiastisches Label und tolle Promotoren, die uns vor den Touren unterstützen, aber ich glaube wir sind die einzige Band überhaupt, die keine Person hat, die sich um solche Definitionen für uns kümmert. (lacht) 1969 hatten wir einen, aber das war nach sechs Monaten wieder vorbei.

Am 17. Mai beehren uns Deep Purple mit dem neuen Album "InFinite" und allen großen Klassikern in der Wiener Stadthalle. Karten für das Konzertereignis erhalten Sie unter 01/588 85-100 oder unter www.ticketkrone.at.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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