Vizebürgermeisterin Barbara Novak besuchte den Gewerbehof in der Seestadt. Drei Betriebe zeigten ihr, was Wiener Produktion heute kann – und wo es hakt.
Es staubt, Maschinen laufen, 3D-Drucker arbeiten im Akkord – und am Ende wartet Schokolade. Vizebürgermeisterin Barbara Novak machte bei ihrem Betriebsbesuch im Gewerbehof Seestadt dort Station, wo Wien nicht nur verwaltet, sondern produziert. Drei Unternehmen öffneten ihre Türen: Fantoplast, Sheyn und Xocolat.
Erste Station – Fantoplast
Den Anfang machte Fantoplast. Das fünfköpfige Unternehmen stellt Platten aus recycelten Kunststoffabfällen her. Folienreste, Teile von Verglasungen und Abfälle aus dem 3D-Druck werden verarbeitet und landen später etwa in Bars, Kaffeehäusern, Hotels oder anderen Innenräumen. Gegründet wurde die Firma 2022, seit Dezember 2023 produziert sie im Gewerbehof. Der Standort sei bewusst gewählt worden, erklärte Mitgründer Raphael Volkmer. Für einen kleinen Industriebetrieb wäre auch der Wiener Speckgürtel denkbar gewesen. Doch Kunden aus Architektur und Design sollen den Betrieb ohne Auto erreichen können. „Da ist die Anbindung mit der U2 hier perfekt.“
Wünsche an die Politik
Ganz ohne Wunsch an die Politik ging Novak dennoch nicht weiter. Recyceltes Material sei in der Herstellung deutlich teurer als neuer Kunststoff, erklärten die Gründer. Ihre Idee: Bei Neubauten könnte ein größerer Anteil recycelter Materialien vorgeschrieben werden. Novak versprach: „Das nehme ich gerne mit.“ Und auch ein zweiter Vorschlag dürfte für Diskussionen sorgen: Ein Grundeinkommen für die Gründungsphase schlägt Raphael Volkmer vor – „das würde das Gründen einfacher machen und den wirtschaftlichen Druck etwas mindern“.
Wien als Vase
Ein paar Türen weiter wird ebenfalls Schicht für Schicht produziert – allerdings deutlich filigraner. Das Designerduo Nicolas Gold und Markus Schaffer von Sheyn fertigt Wohnaccessoires (oben rechts) und Leuchten mit rund 40 3D-Druckern. Angefangen habe alles mit fünf Geräten im Wohnzimmer. Heute entstehen die Produkte auf Bestellung im Gewerbehof, verkauft wird über den eigenen Onlineshop, Händler und Museumsshops. Der Gewerbehof passe „eigentlich für uns perfekt“, sagte Gold. Entscheidend seien die Infrastruktur, die Möglichkeit, Waren unkompliziert zu versenden und Material anzuliefern – und Platz, falls das Unternehmen weiter wächst. Eine Förderung der Wirtschaftsagentur half bereits beim Aufbau des Projekts.
„Man weiß, dass man sich keinen Schrott reinhaut“
Letzte Station, süßester Programmpunkt: die Schokoladenmanufaktur Xocolat von Werner Meisinger. 20 Mitarbeiter, mehr als 70 Sorten Konfekt. Novak outet sich als Pralinen-Fan mit Ritual: „Ich habe diese Packung dann wirklich lange, ich zelebriere das ewig“, erzählt sie. Sie liebt es, aus der Beschreibung zu erraten, was wirklich drinnen steckt.
Als Meisinger den Preisunterschied zu Massenware erklärt, pflichtet Novak bei: „Da weiß man dann dafür aber, dass man sich nicht irgendeinen Schrott reinhaut.“ Den Chef selbst plagen aber auch Sorgen: „Wir brauchen flexiblere arbeitsrechtliche Durchrechnungszeiten. Wenn wir solche Sommer haben wie jetzt, müssen wir die Leute eigentlich auf Urlaub schicken. Gesetzlich dürfen wir das nicht.“ Nenner vieler Gespräche: zu starre Vorgaben oder zu viel Bürokratie.
Aus kleinen Ideen können große Projekte werden
Novak: „Genau das ist der Sinn solcher Besuche. Zuhören, Kontakte herstellen und konkrete Anliegen aufnehmen. Nicht jedes Gespräch endet in einem Großprojekt. Manchmal geht es um Förderungen für Maschinen oder den richtigen Ansprechpartner.“ Aus Gesprächen seien aber auch größere Vorhaben entstanden – etwa ein neues Quantenzentrum. Politik beginnt eben bisweilen zwischen Kunststoffplatten, Druckern und Pralinen.
Sonnenallee 122, mitten in der Seestadt: Hier steht der Gewerbehof, eine vertikale Fabrik der Wirtschaftsagentur Wien. Eröffnet im Herbst 2022, auf eigenem Grund geplant und errichtet, 17 Millionen Euro Investition. Für Geschäftsführer Dominic Weiss ist das Haus eine strategische Entscheidung: Es zeigt, wie Produktion in einer dichten Stadt funktionieren kann.
7500 Quadratmeter Produktions- und Bürofläche, verteilt auf mehrere Geschoße, mittlerweile fast 90 Prozent vermietet. 28 Unternehmen sitzen hier, quer durch alle Branchen.
Das Konzept: Produktion muss nicht ins Erdgeschoß, sie funktioniert auch in den oberen Stockwerken. Schwerlastaufzüge und eine Tiefgarage, befahrbar sogar mit Sattelschlepper, machen es möglich. Dazu Gemeinschaftsflächen wie Aufenthaltsbereiche und begrünter Freiraum. Eine gewerberechtliche Generalgenehmigung für das ganze Gebäude erspart den einzelnen Betrieben ein aufwendiges Verfahren.
Auch beim Bauen selbst wurde auf Nachhaltigkeit geachtet: schadstofffreie Errichtung, nachhaltige Energieversorgung, im laufenden Betrieb ökozertifizierte Reinigungsmittel. Weiss ist überzeugt, dass Themen wie Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung für Wiener Betriebe noch wichtiger werden. Läuft alles weiter so gut, soll bald ein zweiter Gewerbehof folgen.
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