EM-Medaille als Traum

„Laufen lag mir schon auf Jamaika immer im Blut!“

Sport-Mix
03.08.2026 16:50
Porträt von Olaf Brockmann
Von Olaf Brockmann

Cheetahbaby. Ein Name als Programm. Schließlich ist der Gepard das schnellste Tier an Land und berühmt für seine Sprints auf den Kurzstrecken. Christania Williams, die mit 11,06 Österreichs 100-m-Rekordlerin ist und bei der EM in Birmingham eine Final-Chance besitzt („Eine Medaille ist mein Traum!“), wurde als Kind daheim in Jamaika von ihrer Schwester „Cheetahbaby“ getauft. Christania: „Dieser Spitzname ist mit geblieben.“

Ihre Schwester hatte es richtig gesehen: Schnell war Christania schon immer, wie sie selbst erzählt. „Wenn meine Mama etwas aus einem Laden brauchte, bin ich sofort hingelaufen und wieder nach Hause gerannt. Das Laufen lag mir schon immer im Blut. In der Volksschule war ich immer die Schnellste, das hat mir Spaß gemacht.“

Durchbruch als Schülerin
Ein Sportlehrer fragte sie eines Tages, ob sie nicht Leichtathletik machen wolle. Christania bejahte: „Warum nicht?“ Später bereiteten sie sich auf die „Girls and Boys Championships“ vor, ein Klassiker in der Sichtung der Leichtathletik auf Jamaika. „Ich war Außenseiterin, keiner kannte mich.“ Im Sprint wurde sie Zweite – und damit auf der Insel bekannt. „Am nächsten Tag kamen Vertreter von mehreren Schulen zu uns nach Hause und boten mir an, die Schule zu wechseln.“ Was sie annahm. So kam sie zur Edwin-Allen-Schule, wo ihr steiler Aufstieg begann.

Fraser-Pryce als Vorbild
Jamaika, ein Land der Sprinter und Sprinterinnen, verfügte, als Christania jung war, bekanntlich über eine Flut von Leichtathletik-Stars. „Mein Vorbild aber war von Beginn an Shelly. Sie hat mich wie keine andere inspiriert. Zu ihr blickte ich immer auf. Ich wollte so schnell werden wie sie.“ Shelly – das ist Shelly-Ann Fraser-Pryce, inzwischen dreimalige Olympiasiegerin und zehnmalige Weltmeisterin. Damals hätte Christania sich niemals träumen lassen, dass sie eines Tages für Jamaika in einer Staffel mit Shelly-Ann laufen würde.

Shelly-Ann Fraser-Pryce
Shelly-Ann Fraser-Pryce(Bild: AFP/JEWEL SAMAD)

Gold und Bronze bei WM-Debüt
Ehe das auch bei Olympia 2016 Wirklichkeit wurde, gab sie ihr internationales Debüt bei der U18-WM in Lille 2011. Aus österreichischer Sicht nicht nachvollziehbar, dass sie, obwohl sie dort Gold und Bronze gewonnen hat, diese Titelkämpfe nicht in allerbester Erinnerung hat. „Um ehrlich zu sein, kann ich mich an die Staffel nicht mehr wirklich erinnern.“ Dort gewann Jamaika mit Christania Williams als Startläuferin Gold. Aber über 100 m wurde sie „nur“ Dritte. „Ich ging als Favoritin an den Start, der Druck war unheimlich groß. Ich habe aber die US-Amerikanerinnen unterschätzt. Bis 60 m war im Finale alles gut, dann bin ich etwas in Panik geraten – und es war vorbei.“ WM-Bronze als Enttäuschung. „Ich war damals jung, habe aber daraus gelernt. Seitdem habe ich nie mehr jemanden unterschätzt.“ Ihr Aufstieg auf Jamaika ging zügig voran.

Warum Rio ein „Debakel“ war
Für Außenstehende war 2016 ihr ganz großes Jahr. Gleich zweimal blieb sie unter 11,00 Sekunden, gewann in Rio Staffel-Silber und war im 100-m-Finale. Aber wie war das damals wirklich? „Es war eine bittersüße Saison. Es war gut, dass ich bei den Meisterschaften in Kingston als Dritte in 10,97 erstmals unter elf Sekunden blieb. Das war mein großer Durchbruch.“ Aber insgesamt sei 2016 sei ihr schlimmstes Jahr gewesen …

Christania Williams bei den Olympischen Spielen in Rio
Christania Williams bei den Olympischen Spielen in Rio(Bild: GEPA)

„Denn Olympia war ein Desaster, eine Katastrophe. Diese Spiele haben mir niemals Spaß gemacht.“ Hier erzählt sie zum ersten Mal öffentlich, warum das so war: Im Semifinale lief sie mit 10,96 eine persönliche Bestzeit, kam ins Finale, ging in den Aufwärmbereich zurück. Dort aber gab es vom Jamaika-Coach keine Gratulation, keine Anerkennung. Im Gegenteil. „Er sagte mir, ich solle weggehen, ich sei nicht unter dem Zelt von Jamaika willkommen. Sie wollten mich dort nicht sehen.“ Der Hintergrund: Zwischen dem Jamaika-Team und jener Gruppe, in der Christania Williams trainierte, gab es immer extreme Spannungen. Selbst vor einem olympischen 100-m-Finale! „Ich war ganz allein auf mich gestellt, ich bekam keine Massage, keine Anweisungen, wusste nicht, was zu tun war. Ich war nur schockiert.“ Sie weinte, verkrampfte und wurde im Finale Letzte. „Das schmerzt noch heute.“

In Österreich zur Ruhe gefunden
Ihr sportliches und privates Leben sollte sich erst vor vier Jahren zum wirklich Guten ändern. „Im Herbst 2022 war ich erstmals in Österreich. Ich wollte gar nicht mehr weg. Ich spürte sofort, dass Österreich mein zu Hause werden würde. Es war für mich ein Neuanfang, eine neue Umgebung, neue Menschen.“ Sie schwärmt von Österreich: „Ich liebe das Essen, ich liebe die Natur, die Berge, und ich liebe auch, wie still es hier ist – es ist sehr ruhig, sehr friedlich. Genau diese Stille in Österreich war es, was ich zu meinem damaligen Zeitpunkt in meinem Leben gebraucht habe.“ Das Private kam hinzu. Im Vorjahr heiratete sie ihren Coach Philipp Unfried. Es ist fast zu kitschig schön, scheint aber zuzutreffen. Die Liebe beflügelte sie.

„Geschockt über den Rekord“
Nach ihrer Einbürgerung und ihrer Startgenehmigung für den ÖLV näherte sie sich Schritt für Schritt ihrer ehemaligen Klasse und mündete schließlich in dem sensationellen Paukenschlag vom 21. Juli in Banská Bystrica. Da verbesserte sie den ÖLV-Rekord von Isabel Posch (11,10) um vier Hundertstel auf 11,06. Ihre schnellste Zeit seit neun Jahren. Christania: „Es fühlt sich gut, erfrischend an, ich fühle mich wieder wie ich selbst. Ich bin glücklich, ich bin wieder zuversichtlich.“

Christania Williams
Christania Williams(Bild: James Rhodes)

Der große Traum für die EM
Sie glaubt sogar, in dieser Saison noch unter 11 Sekunden laufen zu können. „Aber ich mache mir keinen Druck. Wenn es passiert, passiert es. Ich freue mich darauf, mich selbst überraschen zu können.“ Vielleicht auch bei der EM in Birmingham (10. bis 16. August). Was sind da ihre Ziele und Träume? „Normalerweise spreche ich nicht gerne über meine Ziele. Aber ich denke, mit euch darf ich diese hier teilen: Mein Ziel für die EM ist ganz einfach – im Semifinale würde ich gerne eine Saisonbestzeit und im Finale eine persönliche Bestleistung aufstellen.“ Im Klartext: Sie möchte in Birmingham Rekorde laufen. „Die starke Konkurrenz wird mich dort beflügeln.“

(Bild: Kronen Zeitung)

Dann formuliert sie noch ganz vorsichtig: „Wenn ich im Finale eine persönliche Bestleistung laufe, ist die Wahrscheinlichkeit doch groß, dass ich mit einer Medaille nach Hause komme. Ja, das ist mein Traum: Ich möchte mit einer Medaille und einer persönlichen Bestleistung nach Hause kommen.“

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