Das Leopold Museum erfüllt dem bedeutenden französischen Rebell Gustave Courbet (1819-1877) einen einst gehegten großen Traum: die erste Retrospektive in Wien.
„Courbet freut sich wie ein Kind auf die Triumphe, welche er sich von Wien verspricht“, konnte man am 19. März 1873 in der „Presse“ über die Begeisterung des französischen Künstlers lesen. Gustave Courbet selbst schrieb an seinen Freund, den Kunstkritiker Jules-Antoine Castagnary:„Wenn Sie nach Wien kommen, wie ich hoffe, werden wir dort aus vollem Herzen lachen, und wir werden mehr Spaß haben, als Sie je zuvor hatten. Vertrauen Sie mir, das ist mein Land.“
Sein Land sollte Österreich dann doch nicht werden. Nach den politischen Umbrüchen von 1870/71, dem Sturz des Kaisertums, der Pariser Kommune und einer sechsmonatigen Inhaftierung hoffte Courbet, in Wien den großen Durchbruch zu erlangen. Doch aus der geplanten Retrospektiver bei der Wiener Weltausstellung 1873 wurde nichts, nur im Österreichischen Kunstverein durfte er sechs Werke ausstellen. Courbets Skandalbild durfte nach Wien reisen. Es hat eine Weile gedauert, bis sein Traum erfüllt werden sollte: Ab morgen zeigt das Leopold Museum mit „Rebell und Realist“ die erste österreichische Einzelschaudieses bedeutenden Malers des Realismus.
Was könnte schonungsloser sein?
Das wohl berühmteste und skandalumwobenste der rund 130 Exponate ist„L’Origin du Monde -der Ursprung der Welt“. Nach sorgfältiger Begutachtung der Restauratorinnen half der Direktor persönlich bei der Hängung. „Für mich ist es das realistischste Werk von Courbet überhaupt. Denn was ist schonungsloser im realistischen Zugang, als einen Menschen, ein Körperfragment, derart direkt und ohne Umschweife darzustellen? In dieser Art gab es das vor ihm nicht“, so Wipplinger.„Nackte Frauen, nackte Männer wurden in der Kunstgeschichte schon seit jeher dargestellt, aber scheinheilig verklärt, in einer Allegorie oder der mythologischen Malerei.“


Das Bildselbst blieb für lange Zeit ein Mythos, da es gar nicht öffentlich zu sehen war.Courbet malte es 1866 für den Diplomaten Khalil-Bey. „Es hing bei ihm in einem Nebenraum hinter einem grünen Vorhang. Er spielte mit dem Verdecken und Enthüllen.“ Tatsächlich dauerhaft öffentlich „enthüllt“ wurde es erst 1988in New York, ab1995 dann im Musée d’Orsayin Paris.
Ob wegen der Freizügigkeit, der Provokation oder der umstrittenen Darstellung des weiblichen Körperfragments, das Bild sorgte immer schon für Diskussionen. „Aber dafür ist Kunst ja auch da. Ich kann verstehen, wenn man es nicht ansehen will – man muss ja nicht. Es gibt noch so viel mehr zu entdecken“, betont Wipplinger. „Wunderbare Landschaften und Stillleben, Porträts und Akte. Er hat die ganze Palette bespielt.“
Und für all das ist Gustave Courbet der Triumph, auf den er sich einst freute wie ein Kind, diesmal wohl sicher.
„Gustave Courbet – Realist und Rebell“ ist von 19. 2. bis 21. 6. im Leopold Museum zu sehen.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.