Ein wichtiger sozialer Treffpunkt für Mädchen steht vor einer ungewissen Zukunft: die amazoneBAR in Bregenz. Das Land hat die Förderung gestrichen. Dabei geht es bei Weitem nicht nur um alkoholfreie Cocktails, die nicht mehr angeboten werden können.
Es sind keine lauten Parolen, die einen Tag vor der Landtagssitzung vor dem Landhaus in Bregenz zu hören waren. Stattdessen machten Mädchen und junge Frauen mit Plakaten und Gesprächen auf die Kürzung der Gelder für die amazoneBAR aufmerksam. „Die amazoneBAR ist kein verzichtbarer Kostenpunkt. Sie ist ein Ort, der Halt gibt, Bildungswege ermöglicht und Leben verändert“, sagte Alexandra, eine der jungen, protestierenden Frauen. Seit über 20 Jahren ist die amazoneBAR ein fixer Bestandteil der Jugendarbeit in Vorarlberg. Doch das Projekt wackelt, denn das Land Vorarlberg hat die Förderung eingestellt.
Ins Gespräch kommen war das Anliegen
Die zuständige Landesrätin Barbara Schöbi-Fink kam zu der kleinen Versammlung vor dem Landhaus und hörte sich die Anliegen an. Zum Abschluss bekam sie den letzten alkoholfreien Mocktail überreicht. „Wir hatten ein gutes Gespräch. Das war unser Kernanliegen: ins Gespräch zu kommen und sichtbar zu machen, was hier verloren gehen würde“, sagt die Geschäftsführerin des Vereins Amazone, Angelika Atzinger. Eine konkrete Zusage für die Weiterführung des Projekts gab es allerdings nicht.
„Ich komme eher wenig raus. An der amazoneBAR kann ich mit Menschen kommunizieren. Ich schätze sehr, dass die Preise leistbar sind und die Mocktails lecker. Ich mag, dass die Bar untertags geöffnet hat“, sagt Caro (15), die regelmäßig ins amazoneZENTRUM kommt. Für sie ist die Bar mehr als ein Ort zum Getränkeholen – sie ist ein sozialer Anker. Die amazoneBAR gibt es seit 2004. Entstanden ist sie aus dem Bedürfnis, Mädchen in Gesundheitsförderung und Suchtprävention gezielt anzusprechen.
„Psychische Gesundheit und Suchtverhalten sind geschlechtsspezifisch. Das zeigen sämtliche Studien“, erklärt Atzinger. Gerade Mädchen und junge Frauen berichten in den vergangenen Jahren vermehrt von Stress, Angstzuständen, Depressionen oder Essstörungen. Auch Suizidgedanken seien keine Seltenheit. Umso mehr bräuchten sie lebensweltnahe Zugänge und partizipative Formate, um Themen wie psychische Belastungen, den Konsum von Suchtmitteln oder Essverhalten reflektieren und bearbeiten zu können.
Sich austauschen auf Augenhöhe
An der Bar im amazoneZENTRUM in Bregenz – aber auch mobil bei Events im ganzen Land – mixen ausgebildete Peers, also gleichaltrige Bezugspersonen, alkoholfreie Mocktails und führen Gespräche auf Augenhöhe. Zudem werden Workshops zu Bewegung, Entspannung oder psychischer Gesundheit organisiert. „Es geht um niedrigschwellige Zugänge. Um echte Lebensrealitäten. Und darum, Jugendliche ernst zu nehmen“, so Atzinger.
Alexandra war zwischen 2012 und 2018 als Peer dabei: „Die amazoneBAR ist ein geschützter Raum, der Beratung, Austausch und Halt bietet – besonders für jene, die sonst durch bestehende Systeme fallen. Diese Arbeit ist präventiv, wirksam und nachhaltig.“ Auch Nena (21) war Peer: „Es macht Spaß, Mocktails zu machen. Wenn wir zu zweit hinter der Bar stehen, erleben wir super Teamwork. Und ich kann das, was ich hier lerne, auch im Alltag brauchen.“ Für viele sei die Arbeit bei der amazoneBAR auch der erste Schritt zu mehr Selbstvertrauen, Verantwortung und Selbstwirksamkeit, erklärt Atzinger.
Die Zahlen sprechen für sich: Rund 400 Peers wurden ausgebildet, etwa 70.000 Mocktails gemixt und über 500 Einsätze durchgeführt. Dieses Angebot droht nun wegzufallen. „Unsere zielgruppenspezifischen Aktivitäten zu Gesundheit und Sucht stehen auf der Kippe. Niederschwellige, alltagsrelevante Angebote und Ansprechpersonen könnten wegfallen. Gerade jetzt, wo psychische Belastungen massiv zunehmen“, warnt Atzinger. Der Verein versucht, zumindest Teile des Angebots zu retten – etwa durch „sehr viel höhere Selbstbehalte bei Buchungen der mobilen amazoneBAR“ oder reduzierte Öffnungszeiten im amazoneZENTRUM.
Doch klar ist: Ohne Landesförderung ist das Projekt in seiner bisherigen Form nicht haltbar. Die Forderung der Jugendlichen ist eindeutig: Das Land soll die Entscheidung zurücknehmen. „Wir brauchen mehr Angebote – nicht weniger“, hieß es vor dem Landhaus. Während drinnen über Budgets verhandelt wurde, standen draußen jene, die die Konsequenzen tragen müssen. Für die jungen Frauen und Mädchen ist die amazoneBAR sicherlich kein Luxus, ob das die politischen Entscheidungsträger auch so sehen, ist fraglich.
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