Selfie-Wahnsinn

„Schlimmer als Venedig“: Alpendorf wehrt sich

Ausland
02.02.2026 16:11
Porträt von krone.at
Von krone.at

Es ist ein Postkartenmotiv, das um die Welt ging – und für die Bewohner zum Problem wurde. Das kleine Dorf St. Magdalena in den südtiroler Dolomiten wird seit Monaten von Touristen regelrecht überrannt. Was für Besucher ein kurzer Stopp für das perfekte Bild ist, bedeutet für die Einheimischen volle Straßen, verletzte Privatsphäre und wachsenden Ärger. Nun zieht die Gemeinde die Reißleine.

Rund 500 Menschen leben in St. Magdalena, dem letzten Ort im Villnösser Tal, auf 1339 Metern Höhe. In der Hochsaison kommen auf jeden Einwohner bis zu drei Touristen täglich. Die meisten bleiben im Schnitt nur etwa eineinhalb Stunden: hinauf zur Kirche, Fotos vor den bis zu 3000 Meter hohen Gipfeln der Geislergruppe, ein Selfie – und weiter geht es. Zurück bleiben Müll, zertrampelte Wiesen und verärgerte Dorfbewohner.

Panorama-Hype startete in China
Besonders berühmt ist das Bild der Kirche von St. Magdalena, die malerisch vor dem Dolomitenpanorama liegt. Das Magazin „Geo“ kürte den Ort zum „wohl schönsten Dorf Südtirols“. In sozialen Netzwerken wie Instagram, TikTok oder Flickr finden sich inzwischen Zehntausende Bilder. Große Popularität genießt das Motiv auch auf Xiaohongshu, dem chinesischen Pendant zu Instagram.

Laut Bürgermeister Peter Pernthaler begann der Hype, als ein chinesischer Telekom-Konzern das Alpenpanorama für eine Werbekampagne nutzte. „Damit hat der ganze Schlamassel angefangen“, sagt der 56-Jährige.

Parkflächen voll, häufig Deutsche
Der Massentourismus bringt das Dorf zunehmend an seine Grenzen. Reisebusse blockieren regelmäßig die engen Straßen des Tals, selbst Anbieter aus dem rund 200 Kilometer entfernten Verona haben St. Magdalena in ihre Tagestouren aufgenommen. Die Gebühr von 250 Euro für einen Busparkplatz schreckt kaum jemanden ab. Sind die offiziellen Parkflächen voll, wird im Dorf wild geparkt – häufig von Mietwagen, oft mit deutschen Kennzeichen.

Besonders angespannt ist die Lage rund um die Kirche auf der Anhöhe oberhalb des Dorfes. Obwohl die Zufahrt eigentlich nur Anwohnern sowie Hochzeiten und Beerdigungen vorbehalten ist, ignorieren viele Besucher die bestehende Schranke. Auf der Suche nach dem perfekten Motiv klettern manche über Zäune, betreten private Wiesen oder lassen Abfall zurück. Selbst Toiletten werden gemieden, um Gebühren zu sparen.

„Nicht einmal das hält die Leute ab“
Die Auswirkungen reichen bis in die Privaträume der Bewohner. Am Obermesner-Hof neben der Kirche weist ein Schild in drei Sprachen auf Privatbesitz hin – ohne großen Erfolg. „Nicht einmal das hält die Leute ab. Die kommen mit dem Handy zu uns bis in die Küche“, berichtet die Tochter des Hofes. Auch der Fallerhof unterhalb der Kirche ist betroffen: Die dortigen Rinder zählen inzwischen zu den meistfotografierten Tieren der Region. Absperrseile sollen zumindest etwas Abstand schaffen.

Einige Bewohner denken sogar laut über einen Wegzug nach. „Man fühlt sich wie in einem Zoo“, sagen mehrere Betroffene. Bürgermeister Pernthaler findet deutliche Worte: „Das ist schlimmer als in Venedig. Die Leute haben keinen Anstand. Die Privatsphäre wird überhaupt nicht mehr respektiert.“

Gemeinde startet Aktion scharf
Die Gemeinde will nun gegensteuern. Für rund 20.000 Euro soll eine neue, moderne Schrankenanlage mit Kameras installiert werden, die spätestens im Mai in Betrieb gehen soll. Während der Hochsaison von Mai bis November sollen nur noch Einheimische und Übernachtungsgäste mit dem Auto ins Dorf fahren dürfen.

Tagesbesucher müssen den rund 15-minütigen Fußweg zur Kirche zu Fuß zurücklegen. „Wir hoffen, dass wir die Sache damit in den Griff bekommen“, sagt Pernthaler. „Sicher sind wir uns nicht.“

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