Ungewöhnlicher Prozess im Landl: Vor Geschworenen sitzt der Antiquar Rainer Schaden, weil er in seinem Web-Shop Literatur aus der Nazi-Zeit anbot. Auch NS-Propaganda. Dadurch hätte er in Kauf genommen, dass diese Werke in die falschen Hände geraten – und gegen das Verbotsgesetz verstoßen. Das meint zumindest die Staatsanwaltschaft Wien.
Er ist einer der renommiertesten Antiquare in Österreich. Seit 50 Jahren betreibt Rainer Schaden seine Buchhandlung in der Wiener Innenstadt, sammelt dort historische Werke, katalogisiert sie und verkauft sie weiter. Bis im Jänner die Polizei anklopfte und das gesamte Antiquariat durchsuchte – nach Büchern, die den Nationalsozialismus glorifizieren.
Nazi-Bücher aus Nachlass von Historikerin
Und sie wurden fündig, nahmen 100 Werke mit. Die aus dem Nachlass der bekannten Historikerin Brigitte Hamann stammen, die ein Buch über die Hitler-Zeit in Wien geschrieben hat. Der 78-jährige Antiquar bot diese Literatur in seinem Online-Shop zum Kauf an. Deswegen sitzt Schaden im Landl vor Geschworenen wegen Wiederbetätigung. Ein Gutachter ordnete die sichergestellten Bücher als NS-Propaganda bzw. zumindest als NS-nahe Literatur ein.
Er ist ein engagierter Buchhändler, der alles andere ist als ein Nazi.
Verteidiger Michael Pilz
Das hätte der Wiener in seinem Webshop nicht gekennzeichnet, bzw. auch nicht darauf hingewiesen, dass die Bücher nicht an jeden verkauft werden – besonders nicht an Personen mit rechtsradikalem Gedankengut. Dadurch hätte der Antiquar solche verwerflichen Ansichten gefördert. „Wir sind darauf angewiesen, dass mit solchen Büchern verantwortungsbewusst umgegangen wird“, so die Staatsanwältin. Und das habe Schaden nicht gemacht.
Bücher gibt's in jeder Bibliothek
Seine Verteidiger Lukas Kollmann und Michael Pilz können der Anklage nichts abgewinnen: „Er ist ein engagierter Buchhändler, der alles andere ist als ein Nazi.“ Er hätte die Bücher weder in seiner Buchhandlung aufgelegt, noch gäbe es einen NS-Schwerpunkt in dem Antiquariat. Außerdem: „Es gibt in Österreich keine Liste von verbotenen Büchern.“ Die 30 inkriminierten Werke seien außerdem in beinahe jeder öffentlichen Bibliothek erhältlich – auch in der Parlamentsbibliothek, jener des jüdischen Museums und in der des Obersten Gerichtshofes.
Rainer Schanden äußert sich bereitwillig im Prozess: „Wir haben mit NS-Literatur nahezu nichts zu tun.“ Aus dem Nachlass von Hamann habe er 14.000 Bücher gekauft; 60 hätten eben einen Bezug zum Nationalsozialismus gehabt. Vor Verkäufen habe man auch sehr wohl geprüft, dass die Werke nicht in die falschen Hände geraten. Drei Käufer aus dem Ausland lehnte Schanden deswegen sogar ab.
Und es dauert nicht lange, bis die Geschworenen entscheiden: Freispruch! Einen Vorsatz, dass Schaden durch das Anbieten der Bücher eine einseitige Darstellung des Nationalsozialismus verbreitet oder gar Propaganda betrieben hätte, sehen sie nicht. Der Spruch der Laienrichter ist aber noch nicht rechtskräftig.
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