Machtkampf eskaliert
"Blutigste Nacht" in Kiew: Barrikaden, Feuer, Tote
Am Mittwoch gingen die Zusammenstöße mit unverminderter Härte weiter. In der Infobox finden Sie den Link zum krone.at-Live-Überblick. Hier die Ereignisse der dramatischen Nacht:
- 5.31 Uhr: In Kiew bricht langsam der neue Tag an, ein Ende der Kämpfe ist noch nicht abzusehen.
- 4.58 Uhr: Auch aus anderen ukrainischen Städten werden weiterhin schwere Randale gemeldet. So soll die Polizeistation in Ternopil in der Westukraine in Brand gesteckt worden sein.
- 4.49 Uhr: "Den Demonstranten gehen die Molotow-Cocktails aus, heißt es gerade von der Bühne", twittert Demian von Osten, Arte-Journalist in Kiew. Und: "Diese Nacht werde ich nicht vergessen: Nationalhymne über Lautsprecher, Feuer überall, schlafende Berkut (!) vor unserem Hotel." (Anm.: "Berkut" heißt die Spezialeinheit der ukrainischen Polizei.)
- 4.47 Uhr: Laut Berichten konnten 37 Menschen aus dem brennenden Gewerkschaftshaus gerettet werden.
- 4.30 Uhr: "Dies ist eine Insel der Freiheit, und wir werden sie verteidigen", wird Vitali Klitschko im Bezug auf den Maidan zitiert.
- 4.01 Uhr: "Jetzt gilt wirklich die Schlagzeile: 'Der Maidan in Flammen.' Traurig.", vermeldet Arte-Reporter Demian von Osten. Neben dem Gewerschaftsgebäude brenne nun auch ein anderes Haus auf der anderen Seite des zentralen Platzes.
- 3.27 Uhr: Das Feuer auf dem Maidan breitet sich immer weiter aus. Meterhohe Flammen und gigantische Rauchsäulen sind auf den Livebildern aus der ukrainischen Hauptstadt zu sehen.
- 3.08 Uhr: Lesya Orobets, eine ukrainische Parlamentsabgeordnete, richtet einen flammenden Appell an ihre Mitbürger: "Dies ist ein dunkler Alptraum. Ich kann nicht glauben, was sich auf dem Maidan, wo ich mein ganzes Leben verbracht habe, abspielt. Feuer, Explosionen, Rauch, Blut, Schreie der Verwundeten, Kirchenglocken, eiskaltes Wasser, Schüsse, mehr Explosionen und Benzin, alles überlagert vom Geruch brennender Reifen. Stehe auf, Ukraine! Stehe auf! Ein Leben ohne Würde ist es nicht wert, gelebt zu werden."
- 2.55 Uhr: Laut der Zeitung "Kiew Post" sind bei den blutigen Protesten 22 Menschen getötet worden.
- 2.43 Uhr: Aus dem Gewerkschaftshaus auf dem Maidan lodern weiterhin Flammen. Es werden Anstrengungen unternommen, das Gebäude zu löschen, doch es ist wohl nicht mehr zu retten. Diese Einschätzung teilt auch Arte-Reporter Demian von Osten, der sich direkt vor Ort befindet.
- 2.23 Uhr: Die USA geben eine Reisewarnung für die Ukraine heraus. "Die Entwicklung ist unvorhersagbar: Die Methoden und die Taktik der Polizei können jederzeit wechseln", heißt es in einer Mitteilung.
- 2.00 Uhr: Der oppositionelle Sender Kanal 5 geht wieder auf Sendung, nachdem er am späten Dienstagabend kurzzeitig vom Netz genommen worden war.
- 1.45 Uhr: Klitschko bestätigt offiziell, dass das Treffen mit dem Präsidenten ergebnislos beendet wurde.
- 1.23 Uhr: "Wir haben rund eine Stunde mit Janukowitsch verhandelt. Das Treffen war sinnlos", erklärt Klitschko nach der Besprechung mit dem Präsidenten der Ukraine.
- 1.19 Uhr: Laut ARD-Reporter Ulrich Adrian haben Demonstranten in Lemberg die KGB-Zentrale gestürmt, Soldaten verlassen unbewaffnet die Kaserne der Stadt.
- 1.16 Uhr: Nach stundenlanger Wartezeit hat nun das Treffen der Oppositionsführer mit Präsident Janukowitsch doch stattgefunden - angeblich aber ohne Ergebnis. Der Staatschef soll verlangt haben, dass sich die Demonstranten "sofort vom Maidan zurückziehen".
- 1.11 Uhr: Der Journalist Maxim Eristavi berichtet dem britischen TV-Sender BBC von "bisher nicht gekannter Gewalt auf den Straßen".
- 0.41 Uhr: Tausende Menschen sollen die Ausgänge einer Kaserne in Lemberg blockieren, um die Soldaten daran zu hindern, Richtung Kiew auszurücken.
- 0.26 Uhr: Die USA fordern den ukrainischen Staatspräsident zum Rückzug der Sicherheitskräfte und "höchster Zurückhaltung" auf. In einem Telefonat mit Janukowitsch zeigte sich US-Vizepräsident Joe Biden tief besorgt über die Eskalation der Gewalt, erklärte ein Sprecher des Weißen Hauses.
- 0.23 Uhr: Mehrere Menschen konnten sich aus dem brennenden Gebäude am Maidan abseilen, ein Mädchen soll aus einem Fenster in ein von den Demonstranten gespanntes Zelt gesprungen sein und sich dadurch gerettet haben.
- 0.20 Uhr: Schulen und Kindergärten bleiben am Mittwoch geschlossen, meldet die ukrainische Regierung.
- 0.15 Uhr: Das Gewerkschaftsgebäude, ein Anlaufzentrum der Demonstranten auf dem Maidan, wurde in Brand gesteckt - angeblich von Beamten der Sondereinsatzgruppe "Berkut". Laut bisher unbestätigten Meldungen sollen zahlreiche Menschen im neunten Stockwerk des Gebäudes eingeschlossen sein.
- 0.02 Uhr: Laut Russia today sind bei den Protesten am Dienstag zumindest 20 Menchen gestorben, 1.000 Personen seien verletzt worden. Der TV-Sender beruft sich dabei auf Angaben von Krankenhäusern.
- 23.58 Uhr: Die russische Nachrichtenagentur Interfax bestätigt nun, dass Oppositionsführer Turchinov von einer Kugel getroffen und verletzt wurde.
- 23.52 Uhr: Auch nach mehreren Stunden dauern die heftigen Gefechte in der ukrainischen Hauptstadt weiter an. Überall sieht man brennende Barrikaden, die Polizei bringt offenbar Meter für Meter des zentralen Platzes unter ihre Kontrolle.
- 23.39 Uhr: Auf der Sprecherbühne wird dazu aufgerufen, die gefangenen Polizisten "mit Würde und Respekt" zu behandeln.
- 23.29 Uhr: Alexander Turchinov, ein Anführer der Opposition, wurde angeblich von einem Scharfschützen angeschossen, als er gerade eine Rede auf der Bühne des Maidan hielt.
- 23.25 Uhr: Präsident Janukowitsch verweigert angeblich bisher ein Treffen mit den Oppositionsführern. Vitali Klitschko und seine Mitkämpfer warten offenbar vergeblich vor verschlossenen Türen auf den Politiker.
- 23.22 Uhr: Mehrere Beamte der gefürchteten Sondereinheit "Berkut" sollen von den Protestierern "festgenommen" worden sein.
- 23.18 Uhr: Laut bisher unbestätigten Berichten sollen nun Spezialkräfte von mehreren Seiten gegen die Demonstranten auf dem Maidan vorrücken.
- 23.12 Uhr: Präsident Janukowitsch kündigt eine Rede an die Nation nach dem Treffen mit der Opposition an.
- 22.57 Uhr: Noch gibt es keine Berichte von der Sondersitzung des ukrainischen Parlaments, die seit gut zwei Stunden laufen sollte.
- 22.46 Uhr: Die Anzahl der Todesopfer beträgt laut offiziellen Angaben nun mindestens 14, darunter auch sechs Polizisten.
- 22.35 Uhr: Nun sind immer wieder dumpfe Explosionsgeräusche zu hören. Wovon diese stammen, ist noch nicht klar.
- 22.26 Uhr: Oppositionsführer Vitali Klitschko versucht, Kontakt mit Präsident Janukowitsch aufzunehmen. Er sei laut einem Sprecher des Kiewer Bürgermeisters zum Amtssitz des Machthabers gefahren.
- 22.15 Uhr: Die Polizisten rücken immer weiter gegen die Demonstranten vor. Laut Berichten strömen aber auch immer mehr Menschen auf den Maidan, um die Stellungen zu verteidigen.
- 21.50 Uhr: Der Fernsehsender Russia today zeigt Rettungswagen, die auf den Maidan fahren, um verletzte Menschen zu behandeln.
- 21.40 Uhr: Zumindest 13 Menschen sind na Dutzende Polizisten sollen zudem Schusswunden erlitten haben, bereits zuvor war von mindestens 300 Verletzten die Rede.
- 21.28 Uhr: Laut unbestätigten Gerüchten soll auch das Einkaufszentrum, das sich direkt unter dem Maidan-Platz befindet, in Flammen stehen.
- 21.17 Uhr: Über den Kurznachrichtendienst Twitter verurteilte Außenminister Sebastian Kurz die Gewalt "zur Gänze" und bedauerte den Tod von Zivilisten und Sicherheitskräften. "Jeder trägt die Verantwortung für eine friedliche und gewaltfreie Lösung."
- 21.15 Uhr: "Das Außenministerium verurteilt die Eskalation, zu der Barrikaden, Ultimaten und Räumungsbefehle geführt haben", vermeldet auch das österreichische Außenamt zur Situation in der Ukraine. "Die Regierung muss rasch den Weg zurück finden, bevor die Spirale der Gewalt außer Kontrolle gerät. Gewalt ist nicht die Antwort."
- 21.05 Uhr: Die USA haben mit Entsetzen auf die Eskalation der Gewalt reagiert. Staatspräsident Viktor Janukowitsch wurde aufgefordert, den Konflikt umgehend zu entschärfen. UN- Generalsekretär Ban Ki Moon forderte die Rückkehr zu einem "echten Dialog".
- 20.55 Uhr: Mindestens 300 Menschen wurden laut ukrainischen Behörden bei den Auseinandersetzungen im Laufe des Tages verletzt.
- 20.45 Uhr: Oppositionsführer Vitali Klitschko schließt sich den Forderungen nach einer Intervention des Westens an. Die Spitzen demokratischer Staaten dürften nicht tatenlos zusehen, "wie ein blutiger Diktator sein Volk tötet", sagt Klitschko. "Die Regierung hat bewusst eine Provokation organisiert, um den Unabhängigkeitsplatz mit Blut und Gewalt auseinanderzujagen und die Proteste und die Aktivisten zu vernichten." Das Vorgehen sei ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" seitens Janukowitschs.
- 20.44 Uhr: Details zur für den Abend geplanten Sondersitzung des ukrainischen Parlaments werden bekannt. Um 22 Uhr Ortszeit (21 Uhr MEZ) sollen die Abgeordneten zusammentreffen, um über einen Ausweg aus der schweren Krise zu beraten.
- 20.43 Uhr: Aktivisten wenden sich per Twitter an die internationale Gemeinschaft. Die Forderungen reichen von Sanktionen gegen das Regime von Janukowitsch über einen Boykott der Olympischen Spiele in Sotschi bis hin zu einer Intervention in der Ukraine.
- 20.38 Uhr: Laut unbestätigten Meldungen wurde der internationale Flughafen Kiew-Boryspil geschlossen. Die U-Bahnen in der 2,8-Millionen-Stadt fahren schon seit dem Nachmittag nicht mehr.
- 20.28 Uhr: Ein riesiges Flammenmeer trennt nun die Front der Demonstranten von den Sicherheitskräften. Der Wind weht den Polizisten den dichten Rauch direkt ins Gesicht, daher scheinen die Auseinandersetzungen vorerst auch zu ruhen.
- 20.22 Uhr: Auch in anderen ukrainischen Städten kommt es offenbar erneut zu schweren Krawallen, mehrere Amtsgebäude sollen von Regimegegnern besetzt worden sein.
- 20.19 Uhr: Laut Berichten wurde die kanadische Botschaft in Kiew von Demonstranten gestürmt. Offizielle Bestätigung gibt es für diese Meldung aber noch nicht.
- 20.17 Uhr: Für den späten Abend wurde eine Sondersitzung des ukrainischen Parlaments einberufen.
- 20.01 Uhr: Fünf Fernsehkanäle in der Ukraine wurden angeblich lahmgelegt. Zudem geht auch das Gerücht um, dass ein Flugzeug, das angeblich Präsident Viktor Janukowitsch gehört, soeben vom Flughafen in Kiew abgehoben ist.
- 19.56 Uhr: Die Fernsehbilder zeigen immer wieder heftigste Gefechte zwischen Polizei und Demonstranten. Wasserwerfer, Steine, Laserpointer, Gummigeschosse und auch Molotowcocktails werden dabei offenbar als Waffen eingesetzt.
- 19.48 Uhr: Laut Berichten haben die Gefechte am Unabhängigkeitsplatz in Kiew nun auch ein erstes Todesopfer gefordert. Bereits am Nachmittag waren laut offiziellen Angaben neun Menschen bei den neuerlichen Krawallen gestorben.
- 19.45 Uhr: Auf den Livebildern aus Kiew sind überall Brandherde zu sehen. Mittlerweile gehen aber auch die Redebeiträge auf der Bühne weiter.
- 19.34 Uhr: Jetzt auch offiziell bestätigt, ab 19. Februar um Mitternacht dürfen im Radius von 30 Kilometer rund um Kiew keine Autos fahren. Damit ist die Hauptstadt de facto abgeriegelt.
- 19.28 Uhr: Kiew wird angeblich ab Mitternacht hermetisch abgeriegelt, dann wird keine Einreise in die Stadt mehr möglich sein. Zuvor hatten russische Medien auch gemeldet, dass die Ukraine überlege, ab Mitternacht die Landesgrenzen dichtzumachen.
- 19.25 Uhr: Auf dem Platz singen die Demonstranten die ukrainische Nationalhymne, während im Hintergrund immer wieder Böller und Geschosse zu hören sind.
- 19.22 Uhr: "Heute könnte eine der blutigsten Nächte der ukrainischen Geschichte werden", twittert die deutsche Politikerin Marina Weisband, die ob ihre ukrainischen Wurzeln auch auf dem Maidan in Kiew ausharrt.
- 19.15 Uhr: Redner auf der Bühne appellieren an die Polizisten: "Brüder! Das sind eure Landsleute!"
- 19.12 Uhr: Laut Teilnehmern der Proteste setzt die Polizei auch Gummigeschosse gegen die Demonstranten ein.
- 19.07 Uhr: Bis vor Kurzem waren noch Redner auf der zentralen Bühne auf dem Maidan zu hören. Diese sind nun verstummt. Indes nehmen die Gefechte zwischen Demonstranten und Polizisten immer mehr zu.
- 19.05 Uhr: Wasserwerfer feuern in die Menge. Flammen schlagen aus Zelten mitten im Protestlager.
- 19.02 Uhr: Die Polizisten rücken immer näher an die Barrikaden der Demonstranten heran.
- 18.56 Uhr: Nachdem sich immer mehr Polizei rund um den Maidan versammelt hatte, kommt es nun zu ersten Gefechten zwischen Demonstranten und Spezialkräften. Auf Livebildern sind Böller zu hören, Feuerwerkskörper zu sehen.
- 18.50 Uhr: Über Kiew wird der Ausnahmezustand verhängt. Alle Demonstranten sind somit offiziell "Terroristen".
Begonnen hatte die Eskalation am Dienstagvormittag, als eine Gruppe von Hunderten Regierungsgegnern die Zentrale der Partei von Präsident Viktor Janukowitsch besetzte. Die Oppositionellen griffen laut AFP-Korrespondenten das Gebäude mit Molotowcocktails an und warfen Fensterscheiben mit Pflastersteinen ein. Mit Äxten verschafften sie sich Zugang zu einer Garage im Innenhof der Zentrale der Partei der Regionen.
Krawalle vor Parlamentsgebäude
Kurz zuvor war es auch vor dem Parlamentsgebäude zu Ausschreitungen gekommen. Dort schleuderten Demonstranten Pflastersteine auf Beamte und steckten Polizeifahrzeuge in Brand. Die Bereitschaftspolizei setzte Gummigeschoße, Tränengas und Blendgranaten ein.
Im Parlament sollten am Dienstag Beratungen über eine Verfassungsreform beginnen, die eine Begrenzung der Macht des Präsidenten zum Ziel hat - eine Kernforderung der Opposition. Doch Parlamentschef Wladimir Rybak weigerte sich, eine entsprechende Initiative auf die Tagesordnung zu setzen. Aus Protest gegen die Entscheidung Rybaks blockierten Dutzende Oppositionsabgeordnete das Präsidium der Volksvertretung. Später wurde ein Gesetzentwurf der Opposition im Parlament eingebracht.
Gegenseitige Schuldzuweisungen
Regierung und Opposition machten sich gegenseitig für die neue Eskalation verantwortlich. Der Oppositionspolitiker Vitali Klitschko rief Janukowitsch auf, vorgezogene Präsidenten- und Parlamentswahlen auszurufen. "Das wird ein Ausweg sein", sagte Klitschko. Der US-Botschafter in Kiew, Geoffrey Pyatt, verurteilte die Gewalt. "Politik sollte im Parlament stattfinden und nicht auf der Straße", teilte er via Twitter mit.
Die Ukraine wird seit Ende November von massiven Protesten der proeuropäischen Opposition erschüttert. Auslöser dafür war diten Assoziierungs- und Freihandelsabkommens mit der EU abzusagen und die Annäherung an den großen Nachbarn Russland zu suchen. Die Opposition fordert den Rücktritt des Präsidenten, die Änderung der Verfassung und Neuwahlen. Noch in dieser Woche will Janukowitsch einen Nachfolger für den am 28. Jänner zurückgetretenen Regierungschef Mikola Asarow vorschlagen.












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