12.09.2012 13:50 |

Protest gegen Film

US-Botschafter bei Sturm auf Konsulat in Libyen getötet

Bei Ausschreitungen wegen eines amerikanischen Anti-Islam-Films sind am Dienstag in der ostlibyschen Stadt Bengasi der US-Botschafter in Libyen, J. Christopher Stevens (Bild rechts), drei Mitarbeiter der diplomatischen Vertretung und einige libysche Sicherheitskräfte ums Leben gekommen. Das Weiße Haus bestätigte am Mittwoch den Tod des Botschafters. Präsident Barack Obama verurteilte den "schrecklichen Angriff".
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Der US-Botschafter und drei weitere Botschaftsangehörige kamen bei einem Angriff auf das US-Konsulat ums Leben, hieß es in einer Stellungnahme des Weißen Hauses. Nach Auskunft der libyschen Behörden hatten Unbekannte mit Gewehren und Panzerfäusten das Feuer auf das US-Konsulat eröffnet, woraufhin sich die libyschen Sicherheitskräfte zurückgezogen hätten. Andere Angreifer warfen selbst gebastelte Sprengsätze auf das Gelände, wo kleinere Feuer brannten. Plünderer trugen auf dem verlassenen Gelände des US-Konsulats Tische, Stühle und Waschmaschinen fort.

Laut dem arabischen TV-Sender Al-Jazeera habe sich Stevens auf einem Kurzbesuch in Bengasi befunden. Einem Bericht des US-Senders CNN zufolge ist es das erste Mal seit 1979, dass ein US-Botschafter von Terroristen getötet wurde.

Obama: "Mutiger Vertreter der Vereinigten Staaten"
"Ich verurteile den schrecklichen Angriff auf unsere diplomatische Einrichtung in Bengasi, der das Leben von vier Amerikanern, darunter Botschafter Chris Stevens, gefordert hat", sagte Präsident Obama in einer Erklärung. "Chris war ein mutiger und beispielhafter Vertreter der Vereinigten Staaten", so Obama. Er ordnete an, dass die Sicherheit in den US-Vertretungen weltweit erhöht werden solle.

Obama schwor zudem, die Verantwortlichen für den Tod des US-Botschafters und dreier Mitarbeiter zur Rechenschaft zu ziehen. "Täuscht euch nicht: Der Gerechtigkeit wird Genüge getan werden", erklärte der US-Präsident am Mittwoch vor Journalisten im Weißen Haus. Gleichzeitig wurde bekannt, dass das US-Militär eine etwa 50 Mann starke Anti-Terror-Einheit der Marineinfanteristen nach Libyen entsenden wird.

Libysche Politiker verurteilen "feige Tat"
Libyens Vize-Innenminister Wanis al-Sharif machte Anhänger des im vergangenen Jahr getöteten Machthabers Muammar al-Gadafi für den Angriff verantwortlich. Der stellvertretende libysche Ministerpräsident Mustafa Abu Shagour verurteilte das Attentat auf den Botschafter in einer Twitter-Nachricht als "feige Tat".

Der Präsident der Nationalversammlung, Mohammed Magarief, sagte in einer von Al-Jazeera übertragenen Erklärung: "Wir entschuldigen uns bei den USA, dem Volk und bei der ganzen Welt für das, was geschehen ist." Die Abgeordneten erklärten, sie seien gegen eine Einschränkung des Rechtes auf freie Meinungsäußerung. Doch verantwortungslose Handlungen und Gewalt werde man auch in Zukunft nicht akzeptieren.

Proteste vor US-Botschaft in Kairo
Auch vor der US-Botschaft in Kairo hatten am Dienstagabend Hunderte aufgebrachte Islamisten gegen den Anti-Islam-Film demonstriert. Einigen gelang es, die Mauern der Vertretung zu erklettern und die US-Flagge herunterzureißen. Die Behörden schickten zusätzliche Sicherheitskräfte, um die Menge von einer Erstürmung der Botschaft abzuhalten. Nach Angaben der libyschen Behörden besteht ein Zusammenhang zwischen den Protesten in Kairo und Bengasi.

Die Proteste hatten sich an einem US-amerkanischen Film über den Propheten Mohammed entzündet. In dem zweistündigen Film "Innocence of Muslims" ("Die Unschuld der Muslime"), von dem Ausschnitte auf YouTube gezeigt wurden, wird der Prophet als Frauenheld, Kinderschänder und Mörder dargestellt sowie als "Bastard" beschimpft. In einer ebenfalls veröffentlichten Szene nennt Mohammed einen Esel "das erste muslimische Tier".

Verbale Breitseiten gegen Muslime
Einem Bericht der "New York Times" zufolge erhielt der Trailer wenig Aufmerksamkeit, bis in der vergangenen Woche eine auf Arabisch übersetzte Version auftauchte. Ein koptischer Christ aus Ägypten, der in den USA lebt und im Internet mit verbalen Breitseiten gegen Muslime aufgefallen sei, habe das Video laut der Zeitung auf seinem Blog veröffentlicht. Schließlich griffen Zeitungen und das Fernsehen in Ägypten das Thema auf.

Produziert hat den Streifen ein US-Bürger mit israelischen Wurzeln unter dem Namen Sam Bacile, der laut "Wall Street Journal" ein 52-jähriger Entwickler von Immobilienprojekten aus Kalifornien sei. Er bezeichnete den Islam in der Zeitung am Dienstagabend als "Krebs". Um die Produktion zu finanzieren, habe er fünf Millionen Dollar von rund einhundert jüdischen Spendern eingesammelt. "Der Film ist ein politischer Film. Es ist kein religiöser Film", sagte er der Zeitung.

Sorge vor weiteren Ausschreitungen
US-Terrorismusexperten befürchten wegen des Films weitere Ausschreitungen weltweit. Die höchste Gefahr drohe in Ländern mit militanten islamischen Rebellengruppen, teilte das auf die Beobachtung terroristischer Aktivitäten spezialisierte IntelCenter am Dienstag mit.

Im Zusammenhang mit dem Video tauchte indessen ein weiterer Name auf, der mit islamfeindlichen Tendenzen in den USA in Verbindung gebracht wird: Pastor Terry Jones aus Florida. Er habe sich laut US-Medien für den Film eingesetzt und erklärt, Ausschnitte in seiner Kirche zeigen zu wollen. Der als Koran-Hasser bekannt gewordene Pastor hatte im März des Vorjahres gewalttätige Proteste in Afghanistan ausgelöst, nachdem eine Koran-Ausgabe in seiner Kirche verbrannt worden war. Sieben UNO-Mitarbeiter starben als Folge der Gewalt. Weitere 76 Menschen wurden verletzt.

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