Wien und bald in Graz

Simply Red: Keine Lust auf romantische Balladen

Wien
03.12.2022 01:34

Freitagabend bejubelten rund 12.000 Fans in der fast randvollen Wiener Stadthalle die britische Kult-Band Simply Red. Doch anstatt auf sanfte Schmusehits und Romantik setzten Mick Hucknall und Co. auf viel Funk, Disco und gute Laune. Eben der Soundtrack zu einer Partynacht. Am Sonntag spielen Simply Red noch in der Grazer Stadthalle.

Auf den Karten steht „Blue Eyed Soul“-Tour, doch von diesem, dem aktuellsten Album Simply Reds, gibt es am Konzertabend nicht eine einzige Nummer zu hören. Das sind die immer noch durch die Szene schwirrenden Sonderbarkeiten der Corona-Pandemie, den ursprünglich wollte der britische Kult-Rotschopf Mick Hucknall mit seinen Kumpels ein bisschen Material seines 2019 veröffentlichten und wirklich gelungenen Spätwerks vorstellen, doch das Timing war unabsichtlich schlecht und das Werk wird eher als vergessene Fußnote in die Bandgeschichte eingehen. Stattdessen setzt das Septett aus Manchester schlicht auf „All The Hits Live“ und tut Wien einen besonderen Gefallen - anstatt sich allzu sehr in Balladen zu suhlen, hat Hucknall die seit Wochen angestammte Setlist spontan adaptiert und setzt auf Tempo und Schwung.

Stimmlich superb
Frei nach dem von ihm ausgegebenen Motto „Friday Night Is Party Night“ legt die Band mit „Look At You Now“ und „She’s Got It Bad“ fulminant los, bevor bei „Thrill Me“ erstmals zumindest kurzfristig der Fuß vom Gaspedal kommt. Hucknall bezirzt die sichtlich enthusiasmierten Damen mit einer knallengen Lederhose, einem T-Shirt mit dem sympathischen Aufdruck „No Nationalities“ und einer im Vergleich zum letzten Wien-Stelldichein 2015 klar erschlankten Linie. Mit 62 wirkt der Barde unheimlich fit, doch am Relevantesten ist sein makelloses Stimmvolumen. Wo sich einstige Größen wie Bon Jovi mit großer Mühe durch ihre Stadionkonzerte krächzen, erwischt Hucknall in Songs wie dem Top-Hit „Holding Back The Years“ oder „Your Mirror“ auch die allerhöchsten Töne mit Bravour. Bei den teils unheimlich schwer zu singenden Songs alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Fulminante Pyro-Effekte oder Konfettikanonen brauchen Simply Red nicht, die Kraft der Musik ist völlig ausreichend. Die Bühne hat Las-Vegas-Showcharakter, flankiert wird sie von zwei wuchtigen Videowänden, während vier Quader direkt dahinter für verschieb- und verwandelbares Bewegtbild sorgen. Immer wieder flutschen Sonnenuntergänge, Pinball-Maschinen, Weltkugeln oder Impressionen aus alten Tagen über die Leinwand und trotz der optisch akkuraten Video-Verstärkung sind alle Augen auf den Hauptprotagonisten gerichtet. Die Sonnenbrille passgenau, das rote Wuschelhaar fast schon in Robert Smith‘scher Vogelnestoptik und dazu noch völlig unpeinliche Hüftschwünge. Dazu ist der Brite mit einem beneidenswert losen Mundwerk und viel Schmäh gesegnet. Als er seinen Gitarristen Kenji Suzuki vorstellt, kann sich der bekennende Fußballfan eine Spitze Richtung WM nicht verkneifen: „Japanese kicks German and Spanish ass.“ Der sitzt auch noch am übernächsten Tag.

Songs zu eigen machen
Mit dem Reggae-Doppel „Night Nurse“ und „Never Never Love“ erinnert Hucknall an seine Zusammenarbeit mit dem jamaikanischen Musiker- und Produzenten-Duo Sly & Robbie. Robbie Shakespeare verstarb vor knapp einem Jahr infolge einer Nieren-OP, weshalb Hucknall den heutigen Konzertabend seinem alten Freund widmet. Immer wieder folgen flotte Disco-Beats auf rasante Funk-Salven, das gewohnt reservierte Wiener Publikum lässt sich mit dem großen Jubel zwar ein bisschen Zeit, taut aber spätestens beim sehr gelungenen Barry-White-Cover „It’s Only Love Doing It’s Thing“ auf. Ja, Simply Red sind im Großen und Ganzen eine Balladen- und auch Coverband, aber Hucknall und seine kundigen Spießgesellen machen sich einen knackigen Song wie Homer Banks‘ „Ain’t That A Lot Of Love“ oder das klassische The Valentine Brothers-Cover „Money’s Too Tight (To Mention)“ mit Spielkunst und -freude souverän zu eigen.

Ein immenser Vorteil an diesem Abend ist zudem der für die Location ungewohnt glasklare Sound, der sich vor allem bei den Top-Hits wie „Stars“, „Sunrise“ oder „Something Got Me Started“ als treffsichere Zusatzwaffe erweist. Hucknall liebt Wien und vice versa. Wenn der Sänger während seiner Nummern einmal kurze Verschnaufpausen braucht, sind Trompete und Saxofon für kundige Soli zur Stelle. Bei „Fairground“ reißt dann endlich die letzten Sitzer von den Sesseln. Irgendwann kann sich niemand mehr den großen Hits erwehren. Zu Beginn des Zugabenteils probieren Simply Red eine brandneue Nummer namens „Better With You“ mit Publikumsinteraktion im Refrain zu vermischen. Das gelingt gut, doch der Song an sich ist leider nur ein müder Abklatsch der großen Hits von damals. Mit der Schmachthymne „If You Don’t Know Me By Now“ (natürlich ein Cover) endet ein wirklich qualitätsvoller, mit 90 Minuten Spielzeit aber auch sehr kurzer Abend voller Top-Hits. Trotz allem: ein bisschen vom neuen Album hätte nicht wehgetan.

Sonntag in Graz
Die „Zeit seines Lebens“ hatte im Vorprogramm auch der sympathische Österreicher Luke Andrews samt seiner Band. Der ist nämlich nicht nur in Wien, sondern bei einem großen Teil der gesamten Europa-Tour zwischen Paris und Budapest höchstpersönlich Gast auf der Simply-Red-Tour. Eine gute Möglichkeit, um die im heimischen Radio sehr erfolgreich rotierenden Songs wie „Laura“ oder „Coming Home“ vor einem wirklich großen Publikum zu testen, das die sehr gut eingespielte Band dankenswerterweise nicht zum Teufel schickt, sondern sich von den netten Songs mitreißen lässt und ehrlich gemeinten Respektsapplaus spendet. Dazwischen erzählt Andrews sympathische Geschichten über erfüllte Träume und Vogelbekanntschaften im Lockdown. Simply Red und die Luke Andrews Band kann man sich am Sonntag, 4. Dezember, auch noch in der Grazer Stadthalle ansehen. Ein paar Restkarten sind noch übrig - es zahlt sich aus!

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