Thema Tierschutzgesetz

Selbst Bio-Landwirte kritisieren Regierung scharf

Patrizia und Sebastian Herzog haben sich ganz der biologischen Landwirtschaft verschrieben. „Krone“-Tierexpertin Maggie Entenfellner besuchte die sympathische Jungfamilie am „Kleintödlinggut“ in Leogang - einem mehr als 700 Jahre alten Milchviehbetrieb. Selbstverständlich kam dabei das Tierschutzgesetz zur Sprache, das von der Regierung gerade mehr schlecht als recht überarbeitet wird. Und die Herzogs stellen klar: „Was die Politik hier tut, ist ein Wahnsinn.“ Ein Beweis mehr, dass ÖVP und Grüne hier nicht nur am Willen der Konsumenten, sondern sogar an jenem vieler Bauern vorbeiarbeiten.

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Seit dem Jahr 1736 befindet sich das „Kleintödlinggut“ im Besitz der Familie Herzog. Patrizia und Sebastian leben hier mit ihren drei Kindern sowie Schweinen, Hühnern, Hasen und Pferden. Letztere bildet Patrizia Herzog mit großer Leidenschaft als Reitlehrerin aus. Und Sebastian ist die Biodiversität ein so großes Anliegen, dass er sich dazu entschlossen hat, manche seiner Wiesen nicht mehr zu düngen und auf ihnen alles wachsen zu lassen.

Landwirt setzt auf Biodiversität
Dieses Konzept nennt sich „abgestufter Wiesenbau“, das Ergebnis ist beeindruckend: Viele Blumen sind zurückgekehrt, und mit ihnen die Insekten. „Als Kind konnte ich noch viele Pflanzen und Tiere auf unseren Feldern beobachten“, erinnert sich der Jungbauer. „Doch die Vielfalt ist stark zurückgegangen. Das macht mich traurig, und ich wollte gegensteuern.“ Grund genug für Maggie Entenfellner, ihn für ihre Sendung „Zurück zur Natur“ mit der Kamera zu besuchen.

Durch den Verzicht auf Düngemittel sinkt zwar der Ertrag, aber das Futter für die Milchkühe wird wesentlich vielseitiger. Das wirkt sich positiv auf die Gesundheit der Tiere aus, denen es in der biologischen Landwirtschaft der Herzogs sowieso außerordentlich gut geht.

Tierleid rollt weiter über unsere Autobahnen
Die meisten ihrer Artgenossen haben nicht so viel Glück - Rinder aus Massentierhaltung werden immer noch zu Tausenden durch ganz Europa und darüber hinaus gekarrt, und erst vor wenigen Tagen wurden wieder Missstände bei einem Tiertransport von 750 Ferkeln aufgedeckt. Gesundheitsminister Johannes Rauch, in dessen Ressort der Tierschutz fällt, spricht von Verbesserungen im neuen Gesetzesentwurf. Aber wo genau sind diese eigentlich zu finden?

Kälber sollen künftig erst ab einem Alter von drei Wochen verladen und transportiert werden dürfen. Die Regierung verkauft das als Verbesserung - denn bisher waren es zwei Wochen. Sebastian Herzog kann da nur traurig den Kopf schütteln: „Die Tiere erfahren unfassbares Leid. Weiters ist zu erwarten, dass einfach bei den Papieren getrickst wird und die Kälber älter gemacht werden.“

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Kälber-Transporte sind frühestens ab der siebenten Lebenswoche vertretbar. Denn bis dahin brauchen die Tiere, um ihr Immunsystem aufzubauen.

Sebastian Herzog, Bio-Landwirt

Ein großer Teil der Vierbeiner landet nach einer Tortur im Lkw in Spanien, oft anschließend in Nordafrika, wird unter grausamen Bedingungen geschächtet. Der Rest muss sich unter widrigsten Umständen mästen lassen. Maggie Entenfellner: „Das so gefragte weiße Kalbsfleisch entsteht dadurch, dass die Tiere kein Raufutter wie Heu, sondern nur Milchersatz mit Palmöl bekommen. Von Tageslicht oder Bewegung im Freien keine Spur.“ Ekzeme und Abszesse in den Mägen sind die Regel, es handelt sich um unglaubliche Tierquälerei.

Fakten

Die österreichische Kälberproduktion in Zahlen

  • Bruttoeigenerzeugung von Kälbern in Österreich 2019: ca. 95.100 Stück
  • Inlandsabsatz Kälber 2019: ca. 160.000 Stück
  • Import Kälber nach Österreich 2018: 115.516 Stück (als Fleisch)
  • Export Kälber aus Österreich 2018: 46.165 Stück (lebend)
  • Selbstversorgungsgrad Rind und Kalb in Österreich in den Jahren 2018/2019: 141 Prozent

Weißes Kalbsfleisch als schlechte Wahl
Sebastian Herzog wünscht sich zudem mehr Aufklärung über das weiße Kalbsfleisch, das einerseits so gefragt, andererseits aber so ungesund und unethisch ist. „Das Produkt von heimischen und gut gehaltenen Tieren hat keine weiße Farbe, ist aber die bessere Wahl - für den Körper, aber auch fürs Gewissen!“

Doku zeigt schockierende Wahrheit
Der Grüne EU-Politiker Thomas Waitz hat 2020 den Weg der Kälber aus Österreich verfolgt und filmisch dokumentiert. In einer 14-minütigen Minireportage zeigt er einen Teil der Reise auf und zeichnet ein Bild der industriellen Agrarpolitik, in der es billiger ist, Fleisch nach Österreich zu importieren, als Tiere regional aufzuziehen, zu mästen und zu schlachten.

Politik vergibt wertvolle Chance
Die Fakten sind schockierend: 2018 wurde das Fleisch von 115.516 Kälbern aus dem EU-Ausland nach Österreich importiert - Tendenz steigend. Dabei könnte der Bedarf durch österreichische Kälber gedeckt werden. Biobauer Sebastian Herzog und Maggie Entenfellner sind sich einig: Mit dem neuen Tierschutzgesetz geht die Regierung einen falschen Weg und verschenkt eine wichtige Chance. „Wir sollten unsere Kälber im eigenen Land lassen!“

Landwirt verlangt Kennzeichnungspflicht
Und damit nicht genug: Auch bei der von vielen Seiten geforderten und längst überfälligen Kennzeichnungspflicht in der Gastronomie sind sich die Tierexpertin und die beiden Bio-Bauern einig. Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig und Gesundheitsminister Johannes Rauch antworteten Entenfellner auf die Frage, ob man als Politiker nicht auch die Aufgabe habe, den Wünschen der Bevölkerung Gehör zu schenken, wie folgt: „Wir haben bei Tiertransporten und beim Tierschutzgesetz deutliche Verbesserungen eingebracht“.

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Konsumenten und Landwirte dürfen von der Regierung nicht übergangen werden!

"Krone"-Tierexpertin Maggie Entenfellner

Doch diese Aussage steht im krassen Gegensatz zu dem, was NGO’s, Oppositionsparteien und Experten über den Gesetzesvorschlag längst verlautbaren. „Es wird Zeit, dass endlich im Sinne aller gehandelt wird - der Konsumenten, der verantwortungsbewussten Landwirte und nicht zuletzt im Sinne der Tiere“, schließt Entenfellner.

 Tierecke
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