Aufwühlende Doku

Der leidvolle Weg unserer Kälber um die halbe Welt

Alles begann mit einem Kalb im Libanon, das eine österreichische Ohrmarke trug. Der EU-Abgeordnete Thomas Waitz machte sich auf die Suche nach dem Herkunftsbauernhof des Tieres und zeichnet mit seinem Dokumentationsfilm (siehe Video oben) ein realistisches und damit schockierendes Bild von Kälbertransporten durch Europa. Auch die „Krone“-Tierecke war und ist beim Kampf gegen das Tierleid auf unseren Straßen ganz vorne mit dabei.

Für die Bauernfamilie aus dem Zillertal war es schwer, sich das Video von ihrem Kalb, das letztlich im Libanon geschlachtet wurde, zu Ende anzuschauen. Denn die Bilder sind nichts für schwache Nerven. Man muss die Aufnahmen sehen, um das Leid zu verstehen. Gesammelt hat sie Thomas Waitz, EU-Abgeordneter der Grünen und Mitglied im Tiertransport Untersuchungsausschuss des Europäischen Parlaments. Er hat 2020 den Weg der Kälber aus Österreich verfolgt und filmisch dokumentiert. In der 14-minütigen Minireportage zeigt Waitz einen Teil der Kälberreise auf und zeichnet ein Bild der industriellen Agrarpolitik, in der es billiger ist, Fleisch nach Österreich zu importieren, als Tiere regional aufzuziehen, zu mästen und zu schlachten.

Import und Export eigentlich nicht notwendig
Wir wissen: Jedes Jahr werden in Österreich Tausende Kälber lebend und unter qualvollen Bedingungen in das EU-Ausland und in Drittstaaten exportiert. Gleichzeitig wurde 2018 das Fleisch von 115.516 Kälbern aus dem EU-Ausland nach Österreich importiert - Tendenz steigend. Dabei könnte der Bedarf an Kalbsfleisch durch österreichische Kälber gedeckt werden.

Österreichische Kälberproduktion in Zahlen

  • Bruttoeigenerzeugung von Kälbern in Österreich 2019: ca. 95.100 Stück
  • Inlandsabsatz Kälber 2019: ca. 160.000 Stück
  • Import Kälber nach Österreich 2018: 115.516 Stück (als Fleisch)
  • Export Kälber aus Österreich 2018: 46.165 Stück (lebend)
  • Selbstversorgungsgrad Rind und Kalb in Österreich in den Jahren 2018/2019: 141 Prozent

Der Weg der Kälber von Österreich in den Nahen Osten
Der Sortierstall in Bergheim von der Erzeugergemeinschaft Salzburger Rind ist die größte Sammelstelle für österreichische Kälber, die für den Verkauf bestimmt sind. Die Kälber werden von dort aus weiter verkauft - sowohl innerhalb Österreichs, als auch ins Ausland. Die Firma Bozen Import exportiert die Kälber von Österreich nach Italien und Spanien. In Vic in Spanien werden die Kälber an die Firma Vilarta weiter verkauft. Auf ihrer Homepage listet Vilarta folgende Abnehmerländer: Frankreich, Marokko, Libanon.

Der Europäische Gerichtshof hat in einem Urteil 2015 klargemacht, dass Lebendtransporte in Drittstaaten nur möglich sind, wenn die Tierschutzbestimmungen vor Ort auch eingehalten werden können. Dies ist absolut nicht möglich und verstößt daher klar gegen EU-Recht. Die Mitgliedstaaten sind hier gefragt, Kontrollen, Strafen und Gesetze klar einzuhalten und umzusetzen.

Reise wegen Corona abgebrochen
Neben Stopps in Bergheim, Bozen (Italien) und der Hafenstadt Rasa (Kroatien) war es ursprünglich geplant, für die Dokumentation den Transporter bis nach Vic nachzuverfolgen. Aufgrund der Covid-19-Krise und damit verbundener Restriktionen musste Waitz die Reise in Bozen abbrechen. 2021 wird er versuchen, die Reise nach Spanien fortzusetzen sowie Transporte nach Russland über Usbekistan zu dokumentieren.

Rosa Kalbsfleisch: ein Imageproblem
Ein Kernproblem bei Kalbsfleisch ist die Erwartungshaltung von Konsumenten, Handel und Gastronomie, dass Kalbfleisch weiß zu sein hat. Dabei ist nur wenigen bewusst, dass das Ausbleiben der typischen Rotfärbung (wie bei Rindfleisch) ein Zeichen von Mangelernährung ist. Weißes Kalbsfleisch entsteht durch Eisenmangel, da den Tieren jede Art von Raufutter, also Wiese, Gras oder Heu sowie Sonnenlicht und Bewegung, vorenthalten wird. Die Kälber entwickeln aufgrund des Bewegungsmangels und der falschen Ernährungsweise schmerzhafte Magengeschwüre.

Fleisch für den Weltmarkt statt für regionale Nachfrage
Um die Nachfrage in der österreichischen Gastronomie nach billigem und weißem Kalbsfleisch decken zu können, werden vor allem Kälber aus den Niederlanden importiert. In industrialisierten Mastbetrieben werden dort Tausende Kälber mit auf Palmöl basierenden Milchaustauscher und Importfutter in kürzester Zeit gemästet und mit billigem Soja aus Südamerika gefüttert. Das führt wiederum dazu, dass große Flächen Regenwald für den Sojaanbau gerodet werden.

Umweltzerstörung und Ausbeutung
Insgesamt ist die EU-Agrarpolitik auf eine industrielle Produktion für den Weltmarkt aufgestellt, anstatt regionale Versorgung abzudecken. Dies führt zu einem Teufelskreis aus Umweltzerstörung und regionaler Arbeits-Ausbeutung (in der EU siehe Schlachtfabriken, aber auch Ausbeutung von Landarbeitern) sowie dem Hofsterben von kleinen, naturnahen Betrieben, die durch den internationalen Preisdruck zum Aufgeben gezwungen sind.

Wir müssen regionaler produzieren und kaufen!
Gerade die Covid-19-Krise - aber auch die Klimakrise - zeigen uns, dass wir unsere Lebensmittelversorgung dringend auf eine regionale und nachhaltige Produktionskette umstellen müssen. Um unnötige Kälbertransporte zu verhindern, müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, um österreichische Kälber auf dem österreichischen Markt verkaufen zu können.

Dazu braucht es:

  • Verbot von Langstreckentransporten nicht von Muttermilch entwöhnter Tiere
  • Herkunftskennzeichnung für Fleisch, Eier und Milch in der Gastronomie
  • Werbeoffensive für rosa Kalbfleisch, um ein Bewusstsein bei Konsumenten zu schaffen
  • Exportverbot von Lebendtieren in Drittstaaten, wie z.B. Libanon, Russland oder Marokko
  • Reform der Tiertransportverordnung 2005 und auch die Einhaltung strengere Kontrollen der jetzigen Ruhe- und Transportbestimmungen
  • Förderung regionaler Produktion, Direktverkauf und kürzere Transportwegen
  • Förderung von alternativen Schlachtmethoden wie Weideschlachtungen und Schlachtung am Hof

„Krone“-Tierecke organisierte Gipfel
Tierexpertin Maggie Entenfellner und Klaus Herrmann, Geschäftsführender Chefredakteur der „Krone“, beriefen Anfang 2020 einen großen Gipfel zum Thema Tiertransporte ein. Trotz harter Forderungen im Auftrag unserer Leser gab es bei allen Teilnehmern breite Einigkeit. Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne), SP-Chefin Pamela Rendi-Wagner und Josef Moosbrugger, Präsident der Landwirtschaftskammer Österreich sprachen mit Tobias Giesinger vom Verein gegen Tierfabriken (VGT), Eva Rosenberg, Chefin von „Vier Pfoten“ und den Landwirten Thomas Erber sowie Hannes Royer (Verein „Land schafft Leben“).

„Die Corona-Krise kam weiteren geplanten Runden Tischen in die Quere“, so Maggie Entenfellner. „Es liegt noch viel im Argen aber ein Anfang wurde gemacht. Es ist gut, dass Menschen wie Thomas Waitz in Brüssel aktiv gegen diese sinnlose, absurde, grausame Tierquälerei vorgehen! Die Unterstützung der ‘Krone‘-Familie ist ihm dabei sicher.“

Kronen Zeitung

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Freitag, 05. März 2021
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