09.04.2022 07:00 |

Stadt Land Vorarlberg

„Verhaltensänderungen sind ansteckend“

Nachhaltigkeitsexpertin Kriemhild Büchel-Kapeller über leistbaren Wohnraum, warum soziales Engagement guttut und was es braucht, damit wir als Gesellschaft zukunftsfähig bleiben.

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Krone: Einerseits Verstädterung, andererseits Landflucht: Entwicklungen, die Auswirkungen auf die Menschen, deren Alltag, aber auch die Umwelt haben. Was braucht es, damit diese Entwicklungen sozial verträglich und nachhaltig verlaufen?
Büchel-Kapeller: Wir müssen erkennen, dass alles miteinander zusammenhängt und wir die Dinge nicht isoliert betrachten dürfen. Die 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung (Anm.: die sogenannten „Sustainable Development Goals“) der Vereinten Nationen geben hier einen guten Rahmen vor. Denn Fakt ist: Wir können uns das Silodenken, das wir zu viele Jahre an den Tag gelegt haben, nicht mehr leisten. Wir haben keine Zeit mehr, einen Bereich nach dem anderen abzuarbeiten, wenn wir Zukunftsfähigkeit erreichen wollen. Das größte Handlungsfeld ist sicherlich die Mobilität. Und gleich danach kommt der Bereich Wohnraum und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht: Nicht nur muss genügend Wohnraum zur Verfügung stehen, er muss auch leistbar sein.

Aber ist Wohnen überhaupt noch leistbar?
Für immer mehr Menschen leider nicht mehr. Daher ist die Politik gefordert, nicht nur für ausreichend Wohnraum, sondern auch für eine sozial verträgliche Mietpreisentwicklung zu sorgen, schließlich ist Wohnen ein Grundrecht. Genauso sollten wir uns über die Größe des Wohnraums Gedanken machen und uns fragen, ob diese noch maßvoll und der jeweiligen Situation angemessen ist. Im Hinblick auf eine sozial verträgliche Entwicklung sind außerdem Kinderbetreuungsplätze entscheidend. Das Problem ist: Wir haben bereits jetzt viel zu wenig Personal. Es ist kein Wunder, dass die Elementarpädagoginnen auf die Straße gehen. Ein weiterer Punkt ist Geschlechtergerechtigkeit: Es kann einfach nicht sein, dass Frauen im 21. Jahrhundert bei gleicher Arbeit immer noch weniger verdienen als Männer. Der Nachholbedarf in Vorarlberg ist diesbezüglich enorm, in keinem anderen Bundesland ist die Gehaltslücke zwischen den Geschlechtern größer. Insbesondere die Pflegeberufe gehören systemrelevant entlohnt.

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Gerade in Krisenzeiten zeigt sich, wie wichtig gelingende Beziehungen für die psychische Gesundheit sind.

Kriemhild Büchel-Kapeller

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang der soziale Zusammenhalt?
Eine entscheidende. Das hat uns nicht zuletzt die Pandemie deutlich vor Augen geführt. Gerade in Krisenzeiten zeigt sich, wie wichtig gelingende Beziehungen für die psychische Gesundheit sind. Mehr noch: Studien bestätigen, dass das Sozialkapital mindestens so wichtig ist wie das Finanz- und Humankapital - uns zwar nicht nur in Krisen. Je besser die Beziehungsqualität, umso eher kommt es zu „sozialer Ansteckung“.

Was meinen Sie damit?
Nehmen wir die Klimaproblematik: Wenn Freunde und Bekannte klimafreundlich handeln, hat das Auswirkungen auf einen selbst. Verhaltensänderungen sind ansteckend. Umgekehrt gilt das natürlich auch: Wer selbst etwas vorlebt, kann andere dadurch inspirieren. Im Übrigen werden Menschen, die sich engagieren und gute Beziehungen haben, nachweislich älter, bleiben länger gesund, leiden seltener unter Depressionen und brauchen weniger Schmerzmittel. Langzeitstudien belegen das.

Ich habe allerdings das Gefühl, dass es eher eine Tendenz in Richtung Rückzug gibt.
Nun, Rückzugsmöglichkeiten sind durchaus wichtig - besonders in dieser hektischen, angespannten Zeit. Wir Menschen sind jedoch Beziehungswesen. Wir brauchen Bezugspersonen, mit denen wir uns austauschen, denen wir vertrauen können. Und man darf nicht vergessen, dass Einsamkeit ein immer größer werdendes Problem ist und aufgrund des demographischen Wandels sogar zunimmt. Bei älteren Menschen reicht es dann nicht, dass man sie zum Jahrgängerausflug einlädt. Die muss man schon bei der Haustüre abholen.

Klingt spannend. Tut man das denn?
Ja. Zumindest gibt es immer mehr ehrenamtliche Initiativen. „Zämma leaba z’Götzis“ zielt etwa darauf ab, dass sich die Götzner untereinander motivieren, an diversen Veranstaltungen teilzunehmen und sich aktiv einzubringen. Oder in Langenegg, wo die Initiative „Lebenswert Leben“ die Dorfgemeinschaft und das Wir-Gefühl durch verschiedenste Projekte erfolgreich stärkt.

Derartige Initiativen würden auch Sinn machen, damit die Bürger den Prozess der Verstädterung verstehen, mittragen und gutheißen. Schließlich hat Urbanisierung auch Vorteile, sofern sie ökologisch nachhaltig vorangetrieben wird.
Stimmt. Allerdings reicht es auch hier nicht, die Bürger im Rahmen von Veranstaltungen zu informieren. Sie müssen es selbst erleben können. Bei solchen Prozessen ist Mut und Experimentierfreude gefragt. Wichtig ist außerdem, dass die kritischen Stimmen gut eingebunden sind. Es geht oft gar nicht darum, dass alle einer Meinung sind, sondern es braucht gute Aushandlungsprozesse, damit gegenseitiges Verständnis und Empathie wachsen können. So entstehen auch wirkliche Innovationen.

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Die Pandemie hat gezeigt, dass manchen Menschen schlichtweg die nötige Infrastruktur fehlt, um anschlussfähig zu sein.

Kriemhild Büchel-Kapeller

Was die Schere zwischen Arm und Reich angeht, driften wir jedoch mehr und mehr auseinander. Wie kann gegengesteuert werden?
Es würde ein Bündel an Maßnahmen geben. Angefangen bei einer gezielten Förderung ärmerer Familien über eine höhere Grundsicherung und die Anhebung der Mindestlöhne bis hin zu einem höheren Spitzensteuersatz und einer Vermögenssteuer. Ganz wichtig sind in dem Zusammenhang Investitionen in Bildung und Digitalisierung. Die Pandemie hat gezeigt, dass manchen Menschen schlichtweg die nötige Infrastruktur fehlt, um anschlussfähig zu sein. Joseph Stiglitz (Anm.: US-amerikanischer Wirtschaftsnobelpreisträger) hat schon vor Jahren in seinem Buch „Der Preis der Ungleichheit“ aufgezeigt, wie die Spaltung der Gesellschaft unsere Zukunft bedroht. Es ist also höchste Zeit, dass gegengesteuert wird, um den sozialen Frieden zu erhalten.

Christiane Mähr
Christiane Mähr
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