So, 21. Oktober 2018

Ruf nach Aufklärung

10.05.2011 21:06

Bin Ladens Sohn Omar verurteilt "Verbrechen"

In mehreren Stellungnahmen hat sich eine Woche nach der tödlichen Kommandoaktion gegen den Al-Kaida-Anführer Osama bin Laden nun dessen Sohn Omar zu Wort gemeldet. Der im Jahr 2000 vom Vater abgekehrte 30-Jährige fordert von der US-Regierung eine Aufklärung bzw. Untersuchung des Einsatzes in Abbottabad, der "angeblich" zum Tod seines Vaters geführt habe. Im Namen seiner Brüder droht er mit Klagen, denn bei dem Angriff seien Gesetze verletzt worden, darunter die US-Verfassung. Es liege "ein Verbrechen" vor.

Die Botschaft tauchte am Montag und Dienstag in zumindest zwei unterschiedlichen Versionen auf. Laut einem Reporter des deutschen Nachrichtenmagazins "Spiegel" wurde eine Stellungnahme Omar bin Ladens auf einer arabischen Website veröffentlicht. Wann der in arabischer Sprache gehaltene und unterschriebene "Offene Brief" verfasst wurde, geht aus dem Bericht nicht hervor.

Das auf die Überwachung islamistischer Websites spezialisierte US-Unternehmen SITE bestätigte das Auftauchen eines Schreibens. Omar bin Laden habe es im Namen seiner Brüder verfasst, ohne dabei jedoch deren Namen zu nennen. Die Meldung sei am 9. Mai auf der Website des ägyptischen Taliban-Beraters Abu Walid al-Masri veröffentlicht worden. Die Datierung ließ auch SITE offen.

Eine abgeänderte, um persönliche Anmerkungen erweiterte Version der Stellungnahme erreichte indes die "New York Times". Die amerikanische Autorin Jean Sasson, die Omar bin Ladens Memoiren aufzeichnete, habe der "NYT" ein Schreiben übergeben.

Vergleich mit Saddam und Milosevic
Der 30-jährige Sohn Bin Ladens schreibt, er habe die Erklärung von US-Präsident Barack Obama über den "Angriff auf den mutmaßlichen Aufenthaltsort unseres Vaters" mit "Verstörung" zur Kenntnis genommen. Er wirft Obama vor, der Angriff sei "mit der Absicht erfolgt, ihn zu töten, und nicht etwa, ihn festzunehmen". Dies sei ein "Verbrechen". Darum mache er den Präsidenten jetzt "persönlich und rechtlich" dafür verantwortlich, für Aufklärung zu sorgen, "was mit unserem Vater geschehen ist", heißt es beim "Spiegel".

In der "New York Times" heißt es, Bin Laden werfe der US-Regierung vor, mit dem Einsatz als "Kill Mission" gegen die eigene Verfassung verstoßen zu haben. Unter Verweis auf Saddam Hussein und Slobodan Milosevic fragt Omar bin Laden, warum nicht auch seinem Vater das Recht auf ein Gerichtsverfahren gewährt worden sei. "Wir sind der Überzeugung, dass beliebige Tötungen keine Lösung für politische Probleme sind. Gerechtigkeit muss gesehen werden können, um zu geschehen." Die Vereinten Nationen sollten die Vorgänge untersuchen, fordert Omar bin Laden. An Obama gerichtet heißt es: "So, wie er unseren Vater verurteilt hat, verurteilen wir jetzt den Präsidenten der Vereinigten Staaten, für den Exekutionsbefehl gegen unbewaffnete Männer und Frauen."

Seebestattung "menschlich und religiös inakzeptabel"
Die "angebliche" Seebestattung Osama bin Ladens durch das US-Militär bezeichnet Bin Laden junior laut "Spiegel" als "kränkend" für "Hunderte Millionen Muslime" und "menschlich und religiös inakzeptabel". "Als Söhne Osama bin Ladens" behalte man sich vor, "diese Verbrechen über die amerikanische und internationale Justiz zu verfolgen". In der Online-Fassung der Stellungnahme bekräftigt Bin Laden mehrmals Zweifel am Tod seines Vaters: Washington habe ja bislang keine Beweise für den Tod Osama bin Ladens vorgelegt. Im Schreiben an die "New York Times" waren diese Relativierungen offenbar nicht enthalten, auch die Kritik an der Seebestattung kommt nicht vor. Dafür heißt es, die Söhne Osama bin Ladens forderten die Freilassung der mutmaßlich in pakistanischer Gewalt befindlichen Ehefrauen und Kinder des Al-Kaida-Anführers.

Bin Ladens Terrornetzwerk Al-Kaida hatte den Tod seines Anführers am Freitag offiziell bestätigt und damit bei einigen Skeptikern Zweifel ausgeräumt. Auch die Charakterisierung des Einsatzes als "Kill Mission", wie es wenige Tage nach dem Angriff hieß, ist mittlerweile relativiert worden - zumindest vonseiten der USA. Laut aktuellen Darstellungen hatten die CIA bzw. das US-Militär umfangreich für eine Festnahme des Terrorpaten vorgesorgt, unter anderem mit einem Team aus Dolmetschern und "Verhörspezialisten" des Pentagon, die während des Einsatzes auf einer US-Basis an der afghanischen Grenze zu Pakistan auf Abruf gehalten worden waren.

Sohn war fast fertiger Al-Kaida-Kämpfer
Omar bin Laden ist der vierte Sohn Osama bin Ladens und eines von bis zu 26 Kindern des Terrorpaten (ein Sohn soll bei dem Einsatz in Abbottabad erschossen worden sein). Seinen eigenen Angaben zufolge hatte der 30-Jährige seit dem Bruch mit seinem Vater im Jahr 2000 keinen Kontakt mehr zu ihm. Davor war Bin Laden junior auf dem Weg zum Al-Kaida-Kämpfer. Er absolvierte schon mit 14 Trainingscamps und kannte den Al-Kaida-Vize Ayman al-Zawahiri. Das Erlebte - unter anderem, wie sein Vater allem Reichtum abschwörte und die Familie dazu zwang, unter spartanischen Verhältnissen zu leben - schilderte Omar bin Laden gemeinsam mit seiner Mutter Najwa 2009 in dem Buch "Growing Up bin Laden".

Ins Rampenlicht trat Omar erstmals im Jahr 2007, als er die um 24 Jahre ältere Britin Jane Felix-Browne heiratete, obwohl er damals noch mit einer anderen Frau in Saudi-Arabien verheiratet war. Seither reist das Paar gemeinsam durch die Welt bzw. sucht nach einem Lebensort, dabei veranstaltete man u.a. ein Friedens-Pferderennen durch Afrika. Großbritannien lehnte Bin Ladens Asylgesuch bisher ab - einmal, weil er den Wohnort seines Vaters nicht angeben konnte -, auch in Spanien, Ägypten und Neuseeland hatte er keinen Erfolg. Bis zu seiner zweiten Ehe lebte und arbeitete Omar bin Laden als Unternehmer in Saudi-Arabien und Qatar.

Kritik am Vater für 9/11
Die Terroranschläge vom 11. September 2001 hat Omar bin Laden in der Vergangenheit mehrfach verurteilt und seinen Vater dafür kritisiert. Dass er das Ermorden Unschuldiger verurteile, sei der Grund für den Bruch mit dem Familienoberhaupt gewesen. Auf die Frage, ob er seinen Vater verraten würde, wenn ihm dessen Aufenthaltsort bekannt wäre, sagte Omar bin Laden 2008: "Ehrlich gesagt, würde ich ihn verstecken. Weil er immer noch mein Vater ist."

Die "Growing Up bin Laden"-Co-Autorin Jean Seasson sagte der "New York Times", sie habe mit Omar bin Laden in den vergangenen Tagen mehrfach telefoniert. Der Tod des Vaters treffe auch jene Teile der Familie, die sich vom terroristischen Vater distanzierten, "genauso stark, wie andere der Verlust eines Familienmitglieds trifft".

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