16.01.2022 09:55 |

„Krone“-Kolumne

„Die Tür, die sich für junge Talente öffnet“

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller darüber, was wir von LGBTIQ bei den Golden Globe Awards über pro-soziale Pandemie-Bewältigung lernen können.

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Was haben Nicole Kidman, Billie Eilish und Michaela Jaé Rodriguez gemeinsam? Vermutlich nicht viel, aber zumindest das: Wie Kidman und Eilish hat auch Rodriguez gerade eben einen Golden Globe Award gewonnen. Letztere wurde für ihre Hauptrolle in „Pose“ als beste Schauspielerin einer TV-Serie ausgezeichnet und ist damit die eigentliche Sensation der diesjährigen Preisverleihung.

Im TV-Drama „Pose“ spielt Rodriguez Blanca Evangelista, eine HIV-positive trans Frau, die für eine Gruppe Jugendlicher zur fürsorglichen Wahlmutter wird. Die Jugendlichen finden bei ihr eine neue soziale Familie und schließlich einen Platz in der afroamerikanischen und lateinamerikanischen queeren Szene in New York City; Liebe und Drama inklusive.

Die frühen 1990er Jahren, in denen „Pose“ spielt, waren nicht nur die Zeit glitzernder Drag-Queens, sondern auch der Ausbreitung der HIV-Pandemie. Es ist ein Verdienst der Serie, dass sie die Angst vor der Ansteckung ebenso zeigt wie die Trauer um die Toten und die Wut über die Ignoranz gegenüber dem Sterben(lassen) geliebter Menschen. Damit hat sich die Serie (deren erste Staffel 2018 ausgestrahlt wurde) als überraschend zeitgemäß erwiesen.

„Pose“ macht erfahrbar, wie wichtig eine queere Community zur Bewältigung der HIV-Krise war - etwas, das mir (emotional zumindest) davor nicht so klar war. Dabei zeigt es die Soziologie der Katastrophen schon seit 100 Jahren: Im Moment der Krise entwickeln Menschen oft ein überraschend pro-soziales Verhalten. Sie schließen sich spontan mit Menschen, die sie kaum kennen, zu einer Gemeinschaft zusammen und helfen sich über die Zeit der Katastrophe hinweg. Die Forschung hat gezeigt, dass für die Bewältigung der HIV-Pandemie dieser Zusammenhalt in LGBTIQ Gemeinschaften besonders wichtig war.

Heute leben wir in anderen Zeiten. Nach langem politischen Kampf wurde endlich genug Geld in die Hand genommen, um eine medizinische Behandlung für HIV zu entwickeln. Diese ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass sie HIV daran hindert, sich zu vermehren. Menschen können sich sogar mit vorsorglich eingenommenen Medikamenten (sogenannte „PrEP“) vor einer Ansteckung mit HIV schützen. Anders als in den 1990ern lässt die aktuelle Pandemie nun aber viel weniger Gemeinschaft zu. Den Menschen in „Pose“ beim Feiern zuzusehen, macht einen auch traurig. Covid-19 bedroht die menschliche Verbundenheit schon allein dadurch, dass sich das Virus durch die Luft und nicht über Blut, Sperma oder Vaginalsekret verbreitet. Damit wird Nähe und eine Umarmung in der Corona-Pandemie tatsächlich eine Gesundheitsgefahr - etwas, was bei der HIV-Pandemie nie der Fall war.

Was sich seit den 1990er Jahren allerdings kaum verändert hat, ist die Transfeindlichkeit in der Gesellschaft. „Pose“ ist einer der ersten Serien, die fast ausschließlich transgeschlechtliche Stars unter Vertrag genommen hat. Für Golden Globe Gewinnerin Rodriguez Anlass zur Freude: „Dies ist die Tür, die sich für viele weitere junge Talente öffnen wird.“ Ich möchte hinzufügen: Eine von vielen Türen, die sich in Zukunft öffnen werden müssen.

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Barbara Rothmüller
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