30.11.2021 06:00 |

Herausforderung Lernen

Schüler leiden mehr, als ihren Eltern bewusst ist

Lernen in Pandemiezeiten: 8 von 10 Kindern litten bzw. leiden unter den von der Corona-Pandemie verursachten Herausforderungen - mehr als ihren Eltern bewusst ist. Zu diesem Ergebnis ist jetzt der internationale Bildungsreport der digitalen Lernplattform GoStudent gekommen. Die Studie bestätigt die Sorgen der Erwachsenen um die starke Belastung der Jugend. Fast drei Viertel der Eltern in Österreich glauben demnach, dass die seit dem Vorjahr entstanden Lernlücken bestehen bleiben. Das ist pessimistischer als der europäische Durchschnitt, wo dies die Hälfte der Befragten glauben.

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Seit Beginn der Corona-Pandemie liegt ein kritisches Augenmerk auf der Bildung unserer Kinder sowie den Auswirkungen der Pandemie auf ihre Entwicklung. Erst am Wochenende waren die ernüchternden Ergebnisse einer vom Bildungsministerium in Auftrag gegebenen Online-Befragung veröffentlicht worden, wonach 62 Prozent der Eltern eine psychische Belastung ihrer Kinder durch die derzeitige Situation erkennen.

Eine nun von GoStudent veröffentlichte Studie macht dazu ergänzend deutlich, dass Kinder in Österreich mehr Herausforderungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie hatten, als Eltern es bemerkt haben. Denn mehr als acht von zehn (83 %) aller befragten Kinder in Österreich gaben bei der Befragung im Auftrag der Online-Lernplattform an, dass sie während der Pandemie vor sozialen und lernspezifischen Problemen standen. Jedoch bemerkten dies wiederum nur 78 % aller befragten Elternteile.

Die drei größten Pandemie-Herausforderungen im Bildungsbereich laut den Daten der Studie:

  • Mangel an sozialem Kontakt (63 %): Kinder von berufstätigen Eltern litten stärker unter sozialer Isolation (67 %) als Kinder von nicht berufstätigen Eltern (43 %).
  • Konzentrationsschwierigkeiten im Online Schulunterricht (34 %): Das Alter oder Geschlecht der Kinder hat dabei keinen Einfluss auf die Konzentrationsschwierigkeiten beim Online Schulunterricht.
  • Verständnisschwierigkeiten für fachbezogene Inhalte im Online-Schulunterricht (23 %): Jüngere Kinder hatten größere Schwierigkeiten, den Unterrichtsstoff im Online-Unterricht zu verstehen (13-15-Jährige: 44 %) als ältere Kinder (16-18-Jährige: 28 %).

Was den Mangel an sozialem Kontakt als eine von drei großen Herausforderungen betrifft, hatte bereits Bildungspsychologin Christiane Spiel betont, dass Kinder und Jugendliche Gleichaltrige und Freunde für ihre Entwicklung brauchen. „Schule ist ein Lernort - auch in sozialen Belangen. Wir müssen aufpassen, dass diese Generation nicht zu einer verlorenen Generation wird“, so die Expertin. „Wenn die Kinder dauernd mit den Eltern zusammen sein müssen statt mit Freunden, wird die Erfüllung dieser Entwicklungsaufgabe natürlich erschwert“, betont die Bildungspsychologin.

Österreich beim digitalen Lernen vorne
Eine Studie der Uni Wien hatte indessen ergeben, dass viele Schüler seit Beginn der Corona-Krise mehr Selbstorganisation erlernt und sich beim digitalen Lernen verbessert hätten. Dies wird durch den Report von GoStudent bestätigt, wonach an Schulen in Österreich mehr digitale Lernmethoden benutzt werden als im europäischen Vergleich (16 % keine digitalen Lernmethoden vs. 28 % europaweit). Dennoch zeigt sich zugleich, dass beim digitalen Lernen vor allem bei den Jüngeren unser Bildungssystem weiterhin vor teils große Herausforderungen steht, wenn es alle Schüler sinnvoll in die digitalisierte Welt integrieren will.

Fest steht, dass Eltern und Kinder die schulischen Herausforderungen und Lernlücken unterschiedlich sehen bzw. bewerten. So gaben Eltern bei der Befragung für GoStudent an, dass sechs von zehn Kindern unter Lerndefiziten litten. Kinder hingegen, sahen die Lernlücken weniger schwerwiegend: Nur die Hälfte aller befragten Kinder gab an, unter Lernlücken zu leiden (52 %). Einig sind sich die befragten Eltern und Kinder dabei, dass die 13 bis 15-Jährigen mit den größten Lernlücken zu kämpfen hatten.

Europa-Spitzenreiter bei Lerndefiziten in Mathematik
Was das konkret für Österreich bedeutet? Laut dem Bildungsreport sind wir europäischer Spitzenreiter bei Lerndefiziten in Mathematik (39 %) und auf Platz 2 in Englisch (22 %). Auch in Deutsch gibt es laut den befragten Eltern signifikante Defizite (23 %). Dabei haben Buben größere Schwierigkeiten in Deutsch (28 %) als Mädchen (16 %). Diese Lerndefizite wieder auszugleichen, ist mit Zusatzkosten und Aufwand für die Betroffenen verbunden: Ein Viertel aller Kinder in Österreich benötigte der Studie zufolge im vergangenen Schuljahr Nachhilfe - nur Kinder in Spanien benötigten mehr Nachhilfe.

Knapp die Hälfte aller Kinder in Österreich, die Nachhilfe benötigten, erhielten dies ein Mal die Woche und ein Viertel der Kinder sogar mehrfach die Woche. Dabei ist Mathematik, genauso wie im europäischen Durchschnitt, das am meisten unterrichtete Fach (64 %), gefolgt von Deutsch (35 %) und Englisch (33 %). In Österreich geben Eltern etwa 29 Euro pro Nachhilfestunde aus, das sind rund vier Euro mehr als der europäische Durchschnitt.

Unzufriedene Eltern und Vollzeitjob Schüler
Interessantes Detailergebnis der Studie: Obwohl Eltern in Österreich europaweit am unzufriedensten mit der Bildung ihrer Kinder sind, beteiligen sie sich gleichzeitig weniger (63) als der europäische Durchschnitt (69). Mit steigendem Alter der Kinder nimmt die Beteiligung der Eltern zudem weiter ab. Kinder in Österreich verbringen indessen insgesamt 46 Stunden pro Woche mit Bildung, drei Stunden mehr als ihre Eltern annehmen. Durch Nachhilfe und andere bildende Aktivitäten außerhalb des Unterrichts, wenden Kinder zusätzlich zu 32 Stunden Unterrichtszeit pro Woche, 17 Stunden zum Lernen außerhalb des Unterrichts auf. Macht wöchentlich 49 Stunden für die Bildung - mehr als ein Vollzeitjob.

Die Online-Umfrage im Auftrag von GoStudent (den vollen Bericht lesen Sie hier) wurde zwischen dem 1. und dem 16. Oktober 2021 in sieben europäischen Ländern - Österreich, Deutschland, Frankreich, Spanien, die Niederlande, das Vereinigte Königreich und Italien - durchgeführt, um die Ansichten von Eltern und Kindern über das schulische Wohlbefinden, über Lerngewohnheiten und über die Rolle von Nachhilfe im letzten Schuljahr (2020-2021) zu erfassen. „Mit dem gewonnenen Wissen möchten wir unsere Bildungsangebote für Familien stetig verbessern und weiterentwickeln“, sagt Felix Ohswald, CEO und Mitbegründer von GoStudent.

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