10.10.2021 10:56 |

„Krone“-Interview

Ethiker: „Wer krank wird, muss behandelt werden“

Warum Impfen solidarisch ist, man Ungeimpften keine Behandlung vorenthalten kann und Gesundheit nicht Privatsache ist, hat die „Krone“ Ethiker Ulrich Körtner gefragt.

„Krone“: Mittlerweile muss man bei uns quasi darum bitten, sich impfen zu lassen, Mediziner müssen zur Solidarität aufrufen. Ist Impfen ein solidarischer Akt?
Ulrich Körtner: Unser Gesundheitssystem ist ein solidarisches: Man zahlt nach seinen Möglichkeiten ein, bekommt nach seinen Bedürfnissen heraus. Wir haben hier Rechte, etwa auf die beste Versorgung. Aber Rechte beinhalten Pflichten, wie eine Anzeigepflicht bei manchen Krankheiten. Da kann man nicht sagen: Das ist Privatsache.

Das meinen aber viele.
In einer Pandemie ist es unsere Pflicht, beizutragen, dass sie eingedämmt, ein soziales, wirtschaftliches Leben wieder möglich wird. Da kann Impfen ein notwendiger Akt der Solidarität sein.

Wie gehen Freiheit des Einzelnen und Vorsorge für alle zusammen?
Wir haben ein hohes Freiheitsbedürfnis und einen Staat, der das auch zulässt. Aber das funktioniert ja nur, weil wir alle auf einen starken Sozialstaat und optimale Gesundheitsversorgung bauen. Nur zu meinen, ich will von anderen nichts, so können die auch von mir nichts verlangen, ist Selbsttäuschung. So kann man auch nur in einer Wohlstandsgesellschaft leben – in einem weniger entwickelten Land ist man stärker voneinander abhängig. Solidarität ist ein handfestes Prinzip unseres Sozialstaates.

Dennoch meinen viele, der Staat könne ihnen nichts.
Der Staat hat gegenüber den Bürgern Schutzpflichten, die das Leben des Einzelnen berühren. Man kann immer nach der Grenze fragen, aber letztlich haben wir alle ein Recht auf Leben.

Mancher Impfgegner zitiert Menschen- und Grundrechte.
Die Rechte sind immer gegeneinander abzuwägen. Wenn man das durchdenkt, sind Impfungen nicht ausgeschlossen. Man sollte auch nicht so tun, als ob das etwas völlig außerhalb jeder bisherigen Norm wäre. Denken Sie an Alkoholtests, Vaterschaftstests, DNA-Tests.

Trotzdem geht’s kaum ohne Impfzuckerln. Wäre eine Impfpflicht sinnvoll?
Besser ist, wenn man auf Freiwilligkeit bauen kann. Der wichtigste Impf-Anreiz wird als solcher kaum wahrgenommen: Die Impfung ist kostenlos. Das ist ein Privileg und sollte genug sein. Ich spreche mich für eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen aus.

Die Regierung konnte sich bisher nicht entschließen.
Ein Ethiker kann ja nur hypothetisch sprechen. Aber wenn im Herbst die Zahlen wieder ansteigen sollten, frage ich mich schon: Haben wir eigentlich alle Zeit der Welt, um noch die hundertste Impf-Werbekampagne zu fahren? Oder setzt man darauf, dass Ungeimpfte die Krankheit durchmachen?

Ja, warum eigentlich nicht? Wenn wer sagt: Lieber sterbe ich, als mich zu impfen?
Wir können Menschen nicht einfach sterben lassen.

Aber sie belegen vielleicht Betten, die andere brauchen.
Vielleicht beanspruchen sie Ressourcen, die für andere benötigt würden. Aber das gehört zu Solidarität, Humanität, Nächstenliebe: Wer krank wird, muss behandelt werden, egal, warum er krank geworden ist.

Unbegrenzte Solidarität mit Ungeimpften?
Das hat zwei Aspekte: Solidarität mit jenen, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können. Und mit jenen, die sich nicht impfen lassen wollen. Letzteres tun wir, indem auch sie medizinische Behandlung bekommen, wenn sie krank werden. Da sollte es auch keine Sanktionen geben.

Aber was sagt man hier jenen, die geimpft sind?
Man kann etwa die Tests für jene, die sich nicht impfen lassen wollen, nicht kostenlos anbieten. Das ist auch eine Frage der Gerechtigkeit, dass Geimpfte nicht mehr für die Tests der anderen mitbezahlen müssen.

Was ist z.B. mit 2G - diskriminiert das Ungeimpfte?
Wer von der Impfung nicht Gebrauch machen will, schließt sich ja selbst aus. Anders wäre es, wenn man die Impfung selbst nicht allen anbieten würde.

Sind wir alle Egoisten?
Man muss schon fair bleiben: Es geht auch um Menschen, die tatsächlich Ängste haben, die muss man ernst nehmen.

Silvia Schober
Silvia Schober
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