Tote in Tunesien

Korrupter Polizei-Chef erschießt Demonstranten

Ausland
06.02.2011 14:41
Während sich in Ägypten am 13. Tag der Proteste eine friedliche Wende anbahnt (siehe Bericht in der Infobox), sind in Tunesien am Wochenende gewalttätige Proteste wieder aufgeflammt. Bei einer Demo gegen die Polizei sind in der Stadt Kef vier Menschen gestorben. Die Menge hatte die Absetzung des dortigen Polizeichefs Khaled Ghazouani gefordert. Als Ghazouani eine Demonstrantin ohrfeigte, eskalierte die Situation. Der Polizeichef zog seine Waffe und eröffnete das Feuer. Die EU hat unterdessen die Konten des gestürzten Präsidenten Ben Ali eingefroren.

Tunesien war Schauplatz wochenlanger heftiger Demonstrationen gegen die Regierung, in Folge derer der langjährige Staatschef Ben Ali am 14. Jänner aus dem Land floh. Zeitgleich mit Beginn des Aufstandes in Ägypten ebbten in Tunesien die gewalttätigen Ausschreitungen ab. Am Wochenende versammelten sich jedoch erneut Hunderte Demonstranten in der Stadt Sidi Bouzid und demonstrierten vor einer Polizeiwache (Bild), weil zwei dort festgehaltene Menschen gestorben waren. Wegen des Vorfalls wurden zwei Sicherheitsbeamte festgenommen.

Bedrängter Polizeichef erschoss vier Demonstranten
Einen Tag später gingen in Kef die Menschen auf die Straße, um die Absetzung des korrupten Polizeichefs Ghazouani zu fordern. Die Demonstration vor der Präfektur der Stadt verlief zunächst friedlich, Ghazouani stellte sich seinen Kritikern. Die Situation eskalierte aber, als der Polizeichef eine Demonstrantin ohrfeigte. Die Einwohner der Stadt zogen daraufhin zum Polizeihauptquartier und setzten es in Brand. Als Demonstranten schließlich auf Ghazouani selbst Jagd machten, zog dieser seine Waffe und schoss auf seine unbewaffneten Verfolger. Zwei Menschen seien sofort gestorben, zwei weitere erlagen wenig später ihren Schussverletzungen.   

Die Demonstranten hatten ihr Ziel jedoch erreicht: Ghazouani wurde nach den Vorfällen festgenommen und in der Nacht nach Tunis gebracht. In seinem Haus seien Waffen und große Mengen Alkohol entdeckt worden, der vermutlich Schmuggelware sei, sagte Bouguera. Am Sonntag war die Lage in der Stadt wieder ruhiger. 

EU hat Konten von 48 Ben-Ali-Verwandten eingefroren
Der spanische EU-Parlamentarier Jose Ignacio Salafranca, Leiter einer Delegation von Parlamentarieren aus Brüssel, die seit vier Tagen in Tunesien weilt, sagte am Sonntag in Tunis, der Vorfall sei "besorgniserregend". Die Schuldigen für den Tod von vier Menschen müssten ausgemacht und der Justiz übergeben werden. Die Europäische Union ist seit einigen Tagen verstärkt um Tunesien bemüht. So kommen der gestürzte Machthaber Ben Ali und seine Familie in Europa nicht mehr an ihr Geld, weil die EU die Konten von 48 Familienmitgliedern eingefroren hat.

Die Union macht den Ben-Ali-Clan "für die rechtswidrige Verwendung staatlicher Gelder Tunesiens verantwortlich". Die Namensliste der Mitglieder des Ben-Ali-Clans, deren Konten mit sofortiger Wirkung eingefroren sind, wurde am Samstag im Amtsblatt der Europäischen Union veröffentlicht. Darunter sind Ben Ali selbst, seine Ehefrau Leila Trabelsi sowie Verwandte. Sie seien nicht nur für die Veruntreuung von Staatsgeldern verantwortlich, sondern hätten auch die Entwicklung der Demokratie in Tunesien untergraben.

Opposition in Algerien formiert sich
Unter dem Eindruck der Ereignisse in Tunesien formiert sich auch im großen Nachbarland Algerien der Widerstand gegen das herrschende System. Am Wochenenden bestätigten Anhänger der Opposition eine für den 12. Februar geplante Demonstration in Algier für einen Sturz des Systems. Sie soll trotz des Versprechens von Präsident Abdelaziz Bouteflika einer "baldigen" Abschaffung des seit 19 Jahren geltenden Ausnahmezustands stattfinden. Es gab in den vergangenen Wochen bereits Streiks und Demonstrationen sowie Selbstverbrennungen im Lande.

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