17.06.2021 10:55 |

Drama am Lago Maggiore

Seilbahn-Unglück: Video-Veröffentlichung empört

Die Veröffentlichung von zwei Überwachungsvideos, die das Seilbahn-Drama am Lago Maggiore zeigen, hat in Italien große Empörung ausgelöst: Zu sehen ist unter anderem, wie die Gondel der Seilbahn auf den Berg Mottarone unmittelbar vor ihrer Endstation zurückgerissen wird und mehrere Hundert Meter zum nächsten Pfeiler rast, bevor sie in das darunter liegende Waldstück geschleudert wird. Die Staatsanwaltschaft verurteilt die Veröffentlichung - es sei unangebracht und potenziell rechtswidrig. Bei dem Unglück am 23. Mai starben 14 der 15 Insassen - nur ein fünfjähriger Bub überlebte.

Auf den Überwachungsvideos, die von den Ermittlern beschlagnahmt worden waren und nun von den Carabinieri veröffentlicht wurden, ist zunächst die Gondel zu sehen, die am Pfingstsonntag langsam zur Station am Mottarone-Berg unterwegs ist. Wenige Meter vor der Endstation reißt das Zugseil - die Gondel wird in die Luft gerissen und rast mit hoher Geschwindigkeit an den Tragseilen Richtung Tal zurück. Sie überschlägt sich an einem Seilbahn-Pfeiler und stürzt ab.

In einem zweiten Clip, aus einer anderen Perspektive gefilmt, ist die Verzweiflung eines Seilbahn-Mitarbeiters zu erkennen, der von der Station aus die herabstürzende Gondel beobachtet und dann läuft, um Hilfe zu holen. Auch das gerissene Seil ist zu erkennen. Laut Medien sei dies der Beleg dafür, dass die Notbremse manipuliert und blockiert worden war. (krone.at zeigt die Aufnahmen bewusst nicht.)

„Bin über die Veröffentlichung dieser Videos erschüttert“
Die beiden Videos wurden von der öffentlich-rechtlichen TV-Anstalt RAI sowie von mehreren Webseiten veröffentlicht, was heftige Proteste nicht nur in den sozialen Medien auslöste. „Als Parlamentarier, als Person, die aus dieser Gegend stammt, und als Privatbürger bin ich über die Veröffentlichung dieser Videos erschüttert“, twitterte der sozialdemokratische Parlamentarier Enrico Borghi. Der Schmerz der Menschen müsse respektiert werden.

Videos „wurden noch nicht einmal den Familien gezeigt“
Die ermittelnde Staatsanwältin Olimpia Bossi kritisierte die Veröffentlichung der Videos durch die Carabinieri als „absolut unangebracht“. Sie forderte „gebührenden Respekt für die Opfer und den Schmerz ihrer Familien“. Die Aufnahmen hätten eine „sehr starke emotionale Wirkung“. „Sie wurden noch nicht einmal den Familien gezeigt, deren Leid nicht noch verschlimmert werden kann und darf“, so die Staatsanwältin.

Ermittler beschlagnahmten Unterlagen von Seilbahnbauer
Unterdessen waren die Ermittler am Mittwoch am Sitz des Südtiroler Seilbahnbauers Leitner in Sterzing im Einsatz. Das Unternehmen, das für die Wartung der Seilbahnanlage zuständig war, dementierte dabei, dass es sich um eine Durchsuchung gehandelt habe. „Es war eine Übergabe der angeforderten Dokumentation“, betonte ein Firmensprecher. „Unser Unternehmen hat vom ersten Tag an volle Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der Justiz bei Ermittlungen gezeigt. Dies mit dem festen Bewusstsein, alle Kontrollen und alle Wartungsarbeiten ordentlich durchgeführt zu haben, die vertraglich und gesetzlich vorgeschrieben sind.“

Das tödliche Seilbahnunglück am Lago Maggiore ist offenbar durch die absichtliche Abschaltung eines Sicherheitssystems verursacht worden. 

Fünfjähriger Eitan konnte Krankenhaus wieder verlassen
Bei dem Unglück starben Familien, junge Paare und zwei Kinder. Der Zustand des einzigen Überlebenden, ein fünfjähriger Bub namens Eitan, hat sich inzwischen verbessert. Er konnte vergangene Woche das Turiner Krankenhaus verlassen, in dem er behandelt worden war. Bei dem Drama waren seine Eltern, sein jüngerer Bruder und seine Urgroßeltern ums Leben gekommen.

Heike Reinthaller-Rindler
Heike Reinthaller-Rindler
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