11.05.2021 10:30 |

Vorarlberg spricht

Intensivpersonal: „Es ist eine Müdigkeit spürbar“

Dr. Wolfgang List ist seit Beginn der Pandemie für die Koordination der Intensivbetten in Vorarlberg verantwortlich. Im Interview spricht er über herausfordernde Zeiten, die Öffnungen und die Stimmung beim Personal.

Krone: Herr Dr. List, was halten Sie von der Strategie, die Kontrolle des Infektionsgeschehens an den Auslastungsgrenzen der Intensivstationen zu bemessen?
Wolfgang List: Ich habe dieses Konzept immer unterstützt. Als wir Ende Februar in eine sehr ruhige Infektionsphase gekommen sind, hat sich eine schrittweise Öffnung angeboten - natürlich mit einer täglichen Evaluierung der Situation an den Spitälern. Das Ganze ist einen Versuch wert, denn die Restriktionen gibt es ja nur, um das Krankenhaussystem vor Überlastung zu schützen.

Sind andere Bundesländer und Nachbarstaaten zu streng?
Das kann ich nicht beurteilen. Aber ich habe - zumindest was Deutschland angeht - nicht den Eindruck, dass die Testzahlen das tatsächliche Infektionsgeschehen widerspiegeln. Von Kollegen, die im süddeutschen Raum arbeiten, habe ich immer wieder gehört, wie dramatisch die Lage dort auf den Intensivstationen ist. In Vorarlberg wurde und wird viel getestet, sodass ein relativ guter Überblick auf das Infektionsgeschehen gegeben ist.

Wie hat sich die Lage im Laufe dieser drei Wellen auf den Intensivstationen verändert?
Im Frühjahr 2020 war vieles mit großen Unsicherheiten und Fragen verbunden. Wie gut ist man als Mitarbeiter geschützt? Gibt es genügend Schutzausrüstung? Jeder hatte die katastrophalen Zustände in Norditalien vor Augen. Damals hatten wir schon ein sehr ungutes Gefühl, zumal wir wussten, dass in Italien bereits Pflegepersonal und Ärzte an den Folgen von Corona verstorben sind.

Wie viele Patienten kamen während der ersten Welle?
Es gab insgesamt 25 Intensivpatienten, was weit weg von einer kritischen Auslastung war. Von unseren Patienten sind nur fünf verstorben. Unterm Strich ist alles sehr ruhig verlaufen. Aber es war gut, erste Erfahrungen zu sammeln. Wir hatten die Gewissheit, die Situation handeln zu können, und haben gesehen, dass die Schutzmaßnahmen ausreichend sind.

Dann kam der Sommer und das böse Erwachen.
Ja, da war Österreich vielleicht etwas zu leger unterwegs. Die zweite Welle hat uns alle ein bisschen auf dem falschen Fuß erwischt und Vorarlberg an die Grenzen des Machbaren gebracht. Ab Ende August haben sich die Intensivstationen nach und nach gefüllt. Der Höhepunkt war dann im November kurz vor dem Lockdown, als wir 44 Covid-Patienten hatten. Die Intensivstationen sind eigentlich auf maximal 50 Patienten ausgelegt.

Hatte Sie Befürchtungen, dass die Intensivbetten nicht ausreichen?
Das größte Nadelöhr ist das Personal. Bei dem hohen Bedarf im Herbst mussten Ärzte und Pfleger aus der Anästhesie eingebunden werden. Und vor dem zweiten Lockdown im November waren wir knapp an der maximalen Auslastung.

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Nichts mehr für einen Erkrankten tun zu können und beim Sterben zusehen zu müssen, ist eine extreme emotionale Belastung.

Dr. Wolfgang List

Während der zweiten Welle hatten Sie hauptsächlich ältere Patienten, oder?
Es ist so, dass die Gefahr, schwer an Covid-19 zu erkranken, mit dem Alter ansteigt. Im Herbst waren viele Männer und Frauen über 70 Jahre zu betreuen. Von denen, die beatmet werden mussten, sind zwei Drittel verstorben. Das ist eine Situation, die auch das Personal erst einmal verarbeiten muss. Nichts mehr für einen Erkrankten tun zu können und beim Sterben zusehen zu müssen, ist eine extreme emotionale Belastung.

Das passiert aber doch auch, wenn ein junger Mensch nach einem Unfall verstirbt.
Ja, solche Fälle gibt es leider immer wieder, aber nicht in dieser Häufigkeit. Was man auch wissen muss: Aufgrund der Ausrichtung der Landeskrankenhäuser kommen die meisten dieser schweren Fälle nach Feldkirch. In den kleineren Häusern mit ganz anderen Schwerpunkten gehört das Sterben in höherem Ausmaß nicht zum Alltag. Das macht es für das Personal dort nochmals schwerer.

Besuche von Angehörigen sind ja nicht wirklich gestattet. Inwieweit muss das Personal dies kompensieren?
Covid-Patienten liegen in Infektionsbereichen, sind ansteckend und können nicht besucht werden. Natürlich, wenn es auf eine kritische Phase hinausläuft, wird alles so geregelt, dass sich Angehörige verabschieden können. Aber das sind Einzelfallentscheidungen. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit zum Videotelefonieren. Hierfür haben wir eigene Tablets.

Ohne Zeit, einmal durchzuatmen, ist die dritte Welle herangeschwappt.
Ja, die Fallzahlen mit Jahresende waren zwar rückläufig, aber nie auf null. Seit Ende August haben wir durchgehend Covid-Patienten auf den Intensivstationen. Seit dem Beginn der dritten Welle Anfang März hatten wir insgesamt 35 Intensivpatienten. Trotz Öffnungen und steigender Inzidenzen sind die Zahlen erfreulich stabil. Ich denke, dass das vor allem am Fortschreiten der Impfungen liegt. Diese schützen einfach vor schweren Verläufen. Ich kann die Menschen nur auffordern: Lasst euch impfen! Ihr schützt nicht nur euch, sondern auch euer Umfeld.

Wer ist denn derzeit auf intensivmedizinische Betreuung angewiesen?
Die größte Altersgruppe sind im Moment die 60- bis 70-Jährigen. Auch ein paar Patienten unter 50 Jahren sind dabei. Sofern keine Begleiterkrankungen vorliegen, gibt es bei ihnen aber keine extrem schweren Verläufe.

Haben sich die Schwere der Erkrankungen und die Liegezeiten geändert?
Die Mortalität liegt aktuell bei knapp 40 Prozent. Grundsätzlich ist es so, dass, wer beatmet werden muss, oft 30 bis 40 Tage auf der Intensivstation verbringt. Und von diesen Patienten sterben sehr viele - das sehen wir weiterhin.

Wie ist denn die Stimmung beim Personal?
Es ist eine gewisse Müdigkeit spürbar. Und wenn man mitbekommt, wie leichtsinnig und leichtfertig manche immer noch sind, kann man nur den Kopf schütteln. Zudem ist derzeit auch die Auslastung durch Non-Covid-Patienten sehr hoch.

Rechnen Sie noch mit einem neuerlichen Anstieg von Covid-Patienten?
Prognosen sind immer schwer zu treffen. Ich rechne zwar mit einer gewissen Zunahme, aber nicht mehr in dem Ausmaß wie etwa im Herbst.

Zur Person:
Wolfgang List wurde am 27. Juni 1971 in Stuttgart geboren. Nach dem Abitur 1991 leistete er seinen Zivildienst als Rettungssanitäter und begann 1993 sein Studium der Humanmedizin an der Universität des Saarlandes. Seine Facharzt-Ausbildung zum Anästhesisten führte ihn zunächst nach Wangen im Allgäu, bevor er 2004 ins LKH Feldkirch wechselte. 2015 übernahm er die Position des bereichsleitenden Oberarztes der Intensivstation. Seit Beginn der Covid-Pandemie ist er für die Koordination der Vorarlberger Intensivbetten verantwortlich.

Sonja Schlingensiepen
Sonja Schlingensiepen
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