09.05.2021 08:00 |

Politik inoffiziell

Es kracht im Gebälk der Tiroler Volkspartei

Feind, Erzfeind, Parteifreund - Insider schildern der „Tiroler Krone“ ihre Ansicht der Stimmung nach der Regierungsumbildung. Der Bauernbund ist indes sauer wegen der Nominierung von Sophia Kircher zur Vize-Landtagspräsidentin.

Auch wenn nach außen hin gute Miene gemacht wird und man Stabilität signalisiert: Innerhalb der ÖVP brodelt es - und zwar gewaltig. Umgemünzt auf die zwölfteilige Mercalliskala, die die Erdbebenintensität misst, soll es sich laut Insidern um Stufe 9 bis 10 handeln - diese stehen für „verwüstend“ und „vernichtend“. Dahinter kommt dann nur noch „Katastrophe“ (11) und „große Katastrophe“ (12).

Rücktritte als vorzeitiger Höhepunkt 
Auslöser sind Intrigen, falsche Versprechungen, geheime Absprachen und Treffen in den vergangenen Wochen. Mit dem vorzeitigen Höhepunkt am Dienstag, als am frühen Abend Wirtschaftslandesrätin Patrizia Zoller-Frischauf ihren Rücktritt bekannt gab. Knapp zwei Stunden später wurde Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg aufgefordert, das Handtuch zu werfen. Aber nicht wegen HG Pharma.

Überraschungen dieser Art mag Platter ganz und gar nicht
Mit der Nichtausschreibung des Millionenvertrages hat er nichts zu tun, da wird die Spitze des Corona-Krisenstabes des Landes den Kopf hinhalten müssen. Auch wenn Landeshauptmann Günther Platter noch am selben Abend zwei Nachfolger präsentierte und somit Handlungsfähigkeit zeigte, wurde er am linken Fuß erwischt, sprich überrascht. Und Überraschungen dieser Art mag Platter ganz und gar nicht. Ebenso wie sein engster Mitarbeiterkreis. Das sind jene Leute, die im Hintergrund die Fäden ziehen, die „Message Control“ versuchen, also das Steuern von Nachrichten, wo es nur möglich ist.

Gelingt das nicht, wird schon mal interveniert, mitunter hinter verschlossener Bürotür geflucht, ja sogar gedroht, Zeitungsinserate zu stoppen - in der Hoffnung, so die Lage wieder in den Griff zu bekommen. Alles passiert natürlich nie offiziell. Doch viele nie offiziell gemachte Aussagen finden irgendwie doch immer wieder einen Weg aus dem Landhaus, aus der ÖVP-Parteizentrale in Innsbruck, aus der BH Schwaz oder aus dem Landeshauptmann-Büro - beispielsweise in die Redaktion der „Tiroler Krone“.

In allen Bünden soll es rumoren
Seit Dienstag ist das Klima in der Partei aber dermaßen vergiftet, dass keiner mehr dem anderen traut. In den wichtigsten Bünden wie Wirtschaftsbund (WB), Arbeiter- und Angestelltenbund (AAB) sowie auch Bauernbund soll es rumoren, krachen im Gebälk. Freilich aufgrund völlig unterschiedlicher Ursachen. Aber es geht überall um Posten und Macht.

Die Nachbesetzungen von Zoller-Frischauf und Tilg verliefen bei Weitem nicht so reibungslos wie nach außen hin getan. So wurden für die Nachfolge von Zoller-Frischauf und Tilg auch andere Kandidaten als Annette Leja und Toni Mattle gefragt. Teils hinter dem Rücken der zuständigen Bündechefs. Auch Arno Melitopulos, Direktor der Österreichischen Gesundheitskasse Tirol, wurde bezüglich Gesundheitslandesrat kontaktiert.

Er hörte aber nie mehr etwas zu diesem Thema und war am Dienstagabend schlichtweg erstaunt, als die Nachfolge und der Name Leja bekannt wurden. Die Fäden zieht bei personellen Entscheidungen im Hintergrund meist Parteimanager Martin Malaun. Immer öfter ist der Vorwurf einer miserablen Kommunikation seitens des VP-Parteimanagements hin zur Basis zu vernehmen.

Intensive Gespräche mit Cornelia Hagele
Bei der Nachfolge von Zoller-Frischauf mischte unter anderem auch der erfolg- und nach wie vor einflussreiche Industrielle Arthur Thöni mit, forcierte die Landtagsabgeordnete Cornelia Hagele aus Telfs. Mit ihr gab es intensive Gespräche - pikanterweise hinter dem Rücken von Wirtschaftsbundboss Franz Hörl und dem stets als „Kronprinz“ gehandelten WK-Präsidenten Christoph Walser. Hagele stand bereit. Dagegen legte jedoch Zoller-Frischauf ein Veto ein und schlug Mattle vor. Dieser erfuhr erst Dienstagvormittag via Telefon von seinem „Glück“. Hörl und Walser wurden Dienstagabend ins LH-Büro bestellt und vor vollendete Tatsachen gestellt.

Sophia Kircher spielt auch eine Rolle
Dass die Stimmung so schlecht ist, ist letztlich auch der Bestellung von Sophia Kircher zur ersten Landtagsvizepräsidentin geschuldet. Die 27-jährige Obfrau der Jungen Wirtschaft wurde - entgegen üblicher Vorgangsweisen - vom Parteivorstand abgesegnet und erhitzte außerhalb dieses Gremiums viele Gemüter, so auch im Bauernbund, wo es ebenfalls Interessenten für diesen gut dotierten Job (rund 9000 Euro) gegeben hätte. Josef Geisler, der die Bauern im Parteivorstand vertritt, stimmte zu - ohne Rücksprache mit den Seinen. Jener Geisler, der mit dem Sager „widerwärtiges Luder“ im Juni 2020 gegenüber einer WWF-Vertreterin eigentlich längst rücktrittsreif ist.

Seine Zustimmung, so wird gemutmaßt, könnte auch damit zusammenhängen, dass Platter angeblich auch ihn aus der Regierung haben wollte und einen Rollentausch mit Landtagspräsidentin Sonja Ledl-Rossmann vorsah. Generell soll ursprünglich eine größere Regierungsumbildung geplant gewesen sein, auch die Namen Johannes Tratter und Beate Palfrader standen im Raum. Warum es dazu nicht kam, ist unklar. Dass aber ausgerechnet Platters größter interner Kritiker, AK-Chef Erwin Zangerl, diese Regierungsumbildung so gelassen hinnimmt, kommt einigen „spanisch“ vor.

Mehrere ÖVPler könnten für Blanik stimmen
Nun steht im Raum, dass am Dienstag beim Sonderlandtag die Wahl von Sophia Kircher - die mit Elisabeth Blanik von der SPÖ eine Gegenkandidatin hat - geheim stattfinden soll. Nicht auszuschließen, dass manche nicht zum Zug gekommene und verärgerte ÖVPler, sich in der Anonymität sicher fühlend, für Blanik stimmen. Geht die Wahl nicht für Kircher aus, wird wohl Stufe 11 („Katastrophe“) oder gar 12 („große Katastrophe“) in der ÖVP erreicht sein. Und dann ist es erfahrungsgemäß nur eine Frage der Zeit, bis nach guter alter schwarzer Tradition die Messer noch mehr gewetzt und alte Rechnungen beglichen werden, auch wenn es die Partei dadurch zerreißt.

Claus Meinert
Claus Meinert
Kommentare

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Kommentarfunktion steht Ihnen ab 6 Uhr wieder wie gewohnt zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
das krone.at-Team

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Tirol
Dienstag, 22. Juni 2021
Wetter Symbol
Tirol Wetter
17° / 32°
einzelne Regenschauer
16° / 30°
einzelne Regenschauer
15° / 28°
einzelne Regenschauer
16° / 30°
einzelne Regenschauer
16° / 30°
wolkig