26.03.2021 06:00 |

Maßnahmen gefordert

Lehrermangel: ÖVP und Gewerkschaft schlagen Alarm

Die Warnungen vor einem Lehrermangel sind nicht erst in Zeiten von Corona laut geworden - die Pandemie macht allerdings umso deutlicher, wie eklatant die Situation in der Bundeshauptstadt bereits ist. Bei der Opposition und Lehrergewerkschaft schrillen die Alarmglocken. Wiens oberster Pflichtschullehrer-Personalvertreter Thomas Krebs (FCG) fordert dringend Maßnahmen und auch die Wiener ÖVP will in einer Anfrage an Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr (NEOS) wissen, was die rot-pinke Stadtregierung unternimmt, um hier Schlimmeres zu verhindern. Gegenüber krone.at versichert Wiederkehr, dass man alles tue, „um auch in Zukunft genügend Lehrer für unsere Kinder zu haben“.

Es ist eine Dauerbaustelle: Der Lehrermangel ist schon seit Jahren ein Sorgenkind der heimischen Bildungspolitik. Nicht nur, aber vor allem in der Bundeshauptstadt waren schon vor Corona die Warnrufe angesichts eines akuten Personalmangels an den Schulen zu vernehmen. Besonders mit Blick auf die Situation an den Pflichtschulen schrillten spätestens 2019 die Alarmglocken vor einem drohenden Engpass.

Um genügend Lehrer in den Klassen stehen zu haben, musste schon in den vergangenen Jahren getrickst werden: Mit Tausenden bezahlten Überstunden (bundesweit sind es mehrere Millionen Überstunden pro Jahr!) und unentgeltlichen Supplierstunden, die Lehrer laut Dienstrecht in einem bestimmen Ausmaß leisten müssen. Der Personalmangel wird zudem seit Jahren durch den Einsatz von Lehramtsstudenten, die ihr Studium noch nicht abgeschlossen haben, kaschiert. So waren 2018 in Wien bereits mehr als 250 Lehramtsstudenten an den Pflichtschulen im Einsatz.

Pensionswelle und Abwanderungen
In Wien werde es zunehmend schwieriger, den Bedarf an Lehrern für den Regelbetrieb zu decken, Personal mit Sonderverträgen seien bei weitem keine Einzelfälle mehr, warnt deshalb die ÖVP mit Blick auf die Zeit nach Corona. Die anstehende Pensionswelle der nächsten Jahre sei noch ein Grund mehr zur Beunruhigung - der eigentlich bereits zwischen 2016 und 2018 erwartete Höhepunkt der Pensionswelle hatte sich aufgrund diverser neuer Pensionsregelungen nach hinten verschoben. Ebenso Grund zur Sorge sei die Abwanderung von Personal, etwa Lehrer, die in Niederösterreich ihren Wohnsitz haben und zum Arbeiten in die Stadt pendeln. Die Stadttürkisen sprechen gegenüber krone.at von bis zu 300 Lehren, die jährlich an andere Bundesländer verloren gehen.

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„Wenn die Stadt weiter beim Lehrermangel wegschaut, müssen wir uns auch nach Corona an geschlossene Klassen gewöhnen.“

Harald Zierfuß , Bildungssprecher der ÖVP Wien

Mit einer schriftlichen Anfrage will der Wiener ÖVP-Bildungssprecher Harald Zierfuß deshalb „Fakten zum Status quo schaffen“: „Wenn die Stadt weiter beim Lehrermangel wegschaut, müssen wir uns auch nach Corona an geschlossene Klassen gewöhnen.“ Gut ausgebildete Lehrer seien die wichtigste Ressource für die Schulen, „in Wien drohen sie aber immer mehr zur Mangelware zu werden“, so der Bildungssprecher. Man habe gehofft, dass unter Stadtrat Christoph Wiederkehr (NEOS) die Versäumnisse vom roten Wien ein Ende haben. Bislang sei aber keine Veränderung spürbar. Darum jetzt die Anfrage an den pinken Vizebürgermeister.

Personalvertreter fordert „endlich Anreize für Lehrer“
Als oberster Standesvertreter fordert Thomas Krebs (FCG) schon seit Jahren, dass Wien endlich Anreize für Lehrer an Pflichtschulen bieten müsse, bislang ohne wirklichen Erfolg. „Es muss sowohl für junge KollegInnen attraktiv sein, sich für die Arbeit an einer Wiener Schule zu entscheiden als auch für im Dienst stehende muss es Anreize geben, weiterhin gerne in einer Wiener Schule zu unterrichten“, begrüßt der Pflichtschul-Personalvertreter deshalb auch die ÖVP-Anfrage an NEOS-Bildungsstadtrat Wiederkehr.

Vor Ausbruch der Corona-Krise vor rund einem Jahr waren es übrigens vor allem die NEOS, die wiederholt den akuten Lehrermangel in Wien kritisierten und mehrmals mittels Anfragen Auskunft von der Stadt Wien über Gegenmaßnahmen begehrten. Wiederkehr, seit vergangenem Herbst selbst Bildungsstadtrat der rot-pinken Stadtregierung, hatte bereits 2018 von „Warnzeichen“ und einem „deutlichen Lehrermangel“ gesprochen.

Wiederkehr empfiehlt jungen Menschen Lehrerberuf
Von krone.at gefragt, was die Stadt konkret gegen den Lehrermangel unternimmt, streicht Wiederkehr hervor, dass Wien das einzige Bundesland in Österreich mit steigenden Schülerzahlen sei. „In Kombination mit der Altersstruktur der Lehrer und anhaltend vielen Pensionierungen bedeutet diese an sich positive Tatsache aber natürlich auch eine Herausforderung“, so der NEOS-Bildungsstadtrat.

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"Die Weiterentwicklung der Wiener Schulen ist neben der Bewältigung der Corona-Krise der zentrale Schwerpunkt der Fortschrittskoalition."

NEOS-Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr

Wiederkehr lädt daher „alle jungen Menschen ein, sich ernsthaft bei der Ausbildungs- und Berufswahl auch mit dem Lehrerberuf auseinanderzusetzen“. Wer sich entscheide, Lehrer in Wien zu werden, entscheide sich für „einen attraktiven Beruf mit einer hohen Beschäftigungssicherheit“, so der Vizebürgermeister, der betont, dass die Weiterentwicklung der Wiener Schulen neben der Bewältigung der Corona-Krise „der zentrale Schwerpunkt der Fortschrittskoalition“ ist. „Wir werden viele Impulse setzen und ich kann allen Interessierten am Lehrerberuf versprechen: Es wird eine interessante Reise hin zu den besten Schulen des Landes.“

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