20.02.2021 10:55 |

Geburten auf Tiefstand

Experte in China: „Niemand will noch Kinder haben“

Trotz Aufhebung der Einkind-Politik (1979-2016) geht die Geburtenzahl in China rapid zurück. Die Gesellschaft überaltert. Was bedeutet das für die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt?

Die Geburten in China sind 2020 auf einen Tiefstand gefallen: Im Vergleich zu 2019 seien 15 Prozent weniger Neugeborene gemeldet worden, berichtete das Ministerium für öffentliche Sicherheit in Peking. Die Zahl sei von 11,79 auf 10,04 Millionen gesunken.

„Warnschwelle“ unterschritten
Eine „Warnschwelle“ sei damit unterschritten, hieß es in den offiziellen Medien. Besorgte Experten warnen vor einer Überalterung im bevölkerungsreichsten Land der Erde, die deutlich schneller als erwartet voranschreitet. Die beschleunigte Überalterung werde das Wachstum der zweitgrößten Wirtschaftsnation bremsen, wenn Arbeitskräfte fehlen, so die Warnung der Fachleute – nicht zu vergessen die Pensionslast sowie Sozial- und Gesundheitskosten.

Die jährliche Geburtenrate hatte nach Angaben des Statistikamtes bereits 2019 den niedrigsten Stand seit Gründung der Volksrepublik 1949 erreicht. Als Gründe wurden die hohen Kosten für Bildung und Wohnungen in China genannt.

Auch geht die Zahl der Eheschließungen zurück, während die Scheidungsrate in China hoch ist. Viele Paare warten außerdem mit der Heirat und gründen erst später Familien.

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Die Menschen haben sich daran gewöhnt, nur ein Kind zu haben.

Yi Fuxian von der US-Universität von Wisconsin in Peking

Die Aufhebung der Einkindpolitik hatte nur zu einem leichten Anstieg der Geburten geführt, doch ist die Zahl seither jedes Jahr weiter gefallen. Der Trend ist klar. „Niemand will noch Kinder haben“, sagte der Familienplanungsexperte und bekannte Autor Yi Fuxian von der US-Universität von Wisconsin in Peking. Die jahrzehntelange Einkindpolitik habe „das Fruchtbarkeitskonzept der Menschen dauerhaft verändert“. „Die Menschen haben sich daran gewöhnt, nur ein Kind zu haben“, sagte Yi.

Jeder fünfte Chinese über 60 Jahre alt
„Auf der einen Seite ist die Scheidungsrate in China hoch, auf der anderen gehen die Trauungen zurück“, sagte Yi weiter, „das ist sehr beunruhigend.“ Er warnt vor den wirtschaftlichen Folgen der Überalterung und des Rückgangs der arbeitsfähigen Bevölkerung. „Wenn die Zahl der Arbeitskräfte geringer wird, beginnt auch die Schrumpfung der Wirtschaft, da der Markt gesättigt ist“, sagte der Experte.

Wuhan: Kein Babyboom wegen Ausgangssperren
Chinas Wirtschaftswachstum werde abflachen, so Yi weiter. Nach Schätzungen werde der Zuwachs in China in den Jahren 2030 bis 2035 langsamer ausfallen als in den USA, so Yi. „Es wird dann unmöglich, die USA als größte Volkswirtschaft abzulösen.“

Experten weisen auch darauf hin, dass weniger arbeitende Menschen in China damit immer mehr Ältere versorgen müssen. Heute ist jeder fünfte Chinese über 60 Jahre alt.

Babyboom blieb nach Lockdown aus
Inwieweit sich die Covid-Pandemie auf den Rückgang der Geburten auswirkt, ist noch unklar. Ein Babyboom durch die wochenlangen Ausgangssperren für Millionen ist jedenfalls ausgeblieben. Wuhan hatte 76 Tage Lockdown. China hat das Virus seit dem Sommer zwar weitgehend im Griff, doch könnten die allgemeine Unsicherheit die Bereitschaft gedämpft haben, jetzt Kinder in die Welt zu setzen.

Der starke Rückgang spiegelt sich allerdings in bereits vorliegenden Geburtenzahlen aus Metropolen wie Guangzhou, Yinchuan, Wenzhou und Weifang wider, die laut Presseberichten ein Minus von neun bis 26 Prozent zeigen. Auch sprach die Zeitung „Global Times“, die vom kommunistischen Parteiorgan „Volkszeitung“ herausgegeben wird, von einer „Warnschwelle“, die mit nur noch zehn Millionen gemeldeten Neugeborenen unterschritten worden sei.

Wirtschaft soll 2021 wieder kräftig wachsen
Zusätzlich hat sich das Ungleichgewicht zwischen Buben und Mädchen weiter verschlechtert. Da männliche Nachkommen in China bevorzugt werden, weil Töchter in andere Familien wegheiraten, werden heute statistisch 117 Buben auf 100 Mädchen geboren, wie das Magazin „Yicai“ aus einer jüngsten Studie berichtete.

Obwohl geschlechterspezifische Abtreibungen in China nicht erlaubt sind, hat sich das Verhältnis stetig verschlimmert. Der Überschuss führt auch dazu, dass viele Millionen Männer keine Frau finden und damit keinen Nachwuchs zeugen.

Trotz aller Widrigkeiten durch die Corona-Krise will China weiter für Wirtschaftswachstum sorgen. „Durch unermüdliche Anstrengungen werden Chinas wirtschaftliche Grundlagen noch solider“, sagte Ministerpräsident Li Keqiang.

Die Volksrepublik hatte 2020 als einzige große Wirtschaftsnation weltweit ein Wachstum hingelegt: Mit Blick auf den erreichten Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts von 2,3 Prozent sprach Li von einem „wirklich hart erkämpften Ergebnis“. In dem Kampf gegen Covid-19 sei die Welt jedoch weiter mit vielen Unsicherheiten und destabilisierenden Faktoren konfrontiert.

Für dieses Jahr sind die Aussichten besser. Ein Grund dafür: Der Exportweltmeister stellt viele der Waren her, die in der Corona-Krise besonders gefragt sind – von der medizinischen Ausrüstung wie Atemmasken bis zu Computern für das Homeoffice. Ökonomen sagen daher einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts von 8,4 Prozent voraus.

Ein gängiger Scherz lautet: China wird alt, bevor es reich geworden ist. Die ostasiatischen „Tiger“-Staaten wie China, Japan oder Südkorea stoßen bei ihrem Sprint nach oben an eine gläserne Decke: Überalterung dämpft den Konsumbedarf, knappe Arbeitskraft lässt Lohnkosten steigen, Produkte werden teurer. Sie machen die europäische Erfahrung.

Gleichzeitig lehnen diese Staaten aber Immigration ab, während sich zum Beispiel die US-Wirtschaft durch Zuwanderung ständig „verjüngt“ und preisgünstig produzieren kann. Auch Europas stagnierende Einwohnerzahlen plus Überalterung hätten - legale - Zuwanderung nötig.

Quellen: dpa/APA

Kurt Seinitz
Kurt Seinitz
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