02.12.2020 07:55 |

Interview

„Bin eine Verfechterin des Hausverstands“

In seiner Interviewreihe „Das alte Tier“ spricht der Autor Robert Schneider mit ganz unterschiedlichen Menschen über „Corona“. Seine heutige Gesprächspartnerin ist die Buchhändlerin Verena Brunner-Loss.

Frau Brunner-Loss, was für ein Jahr! Die beiden Lockdowns treffen die Realwirtschaft besonders hart. Sind sie nicht schon ein wenig corona-müde?

Nein. Ich bin ein Typ, der in einer Krise operativ wird. Ich kann nicht stillsitzen. Ich muss was tun. Das bin ich als Unternehmerin gewohnt. Also habe ich in vielen schlaflosen Nächten Pläne gemacht, Strategien entworfen. Wie tun wir? Wir haben einen funktionierenden Webshop. Den haben wir beim ersten Lockdown mit viel Aufwand und Herzblut umgestellt, was auch sehr gut funktioniert hat.

Sie waren also auf den zweiten Lockdown vorbereitet?

Ja, aber es kam dann doch ein wenig anders. Es ist eine Herausforderung für alle österreichischen Unternehmen, dass die Regierung die Maßnahmen so unglaublich knapp verkündet, obwohl man eigentlich sehenden Auges hineinläuft. Wir standen dennoch in den Startlöchern, weil wir aus dem Frühjahr dazu gelernt hatten. Nur mussten wir feststellen, dass die Bevölkerung anders reagierte als noch im Frühjahr. Am Wochenende vor dem zweiten Lockdown wurden wir förmlich überrannt. Angst vor Ansteckung? Keine Spur! Das war fast wie beim Weihnachtsgeschäft. Allerdings nur zwei Tage lang. Wir setzten unsere Hoffnung auf den Webshop. Doch in der Zwischenzeit hatte ein großer ausländischer Anbieter auch dazugelernt. Ich sage bewusst nicht Mitbewerber, weil es ein verzerrter Wettbewerb ist. Dieses Unternehmen zahlt in Österreich keine Steuern und ist bekannt für prekäre Arbeitsverhältnisse.

Können Sie für Ihr Unternehmen die wirtschaftlichen Folgen der Lockdowns bereits absehen?

Die Umsatzeinbußen sind riesig. Wir konnten uns zwar Liquidität durch die Umsätze im Frühjahr erhalten, was dem unglaublichen Engagement meines Teams zu verdanken ist, haben aber keine Gewinne gemacht. Also versuchten wir durch einen drastischen Sparkurs gegenzusteuern. Wir haben an allen möglichen Schräubchen gedreht. Aber eines ist klar: In unserer Branche kann man nicht an den Mitarbeitern sparen. Die sind unser größtes Kapital. Der zweite Lockdown ist, wie es gegenwärtig aussieht, kaum mehr verkraftbar. Normalerweise generieren wir über ein Drittel des Umsatzes im November und Dezember. Ich sehe keine Chance, das zu kompensieren. Das Geld ist weg. Der Kunde sitzt zuhause und gibt sein Weihnachtsbudget online aus. Der geht Mitte Dezember nicht mehr einkaufen - sofern er überhaupt einkaufen darf.

Man liest, dass der Staat in dieser Krise für alle da ist. Ist er das?

Ich möchte den Staat eigentlich gar nicht für Hilfeleistungen strapazieren. Das widerstrebt mir innerlich. Da gibt es welche, die bedürftiger sind. Wir versuchen verzweifelt, das aus eigener Kraft zu stemmen. Jetzt sind wir aber unglaublich froh, dass es diese Umsatzersatzleistung gibt, ohne die wir es nicht mehr schaffen würden.

Wollen Sie über konkrete Zahlen reden?

Wir erhalten 40 Prozent des letztjährigen Novemberumsatzes. Nicht der ganze November, sondern die drei Wochen des zweiten Lockdowns.

Hatten Sie jemals Angst vor einer Ansteckung?

Als Kleinunternehmerin bin ich schon mal von Natur aus kein ängstlicher Mensch, und mit drei Buben erst recht nicht. Vorsicht ja, Angst nein. Ich bin eine leidenschaftliche Verfechterin des Hausverstands. Hausverstand ist eine Haltung, die gerade in dieser Krise viel zu kurz kommt.

Wie haben Sie die Zeit des Eingesperrtseins im Frühjahr erlebt? Kam das „alte, dunkle Tier“ zum Vorschein, alte, ungelöste Konflikte?

Das war in unserer Familie eine sehr, sehr große Herausforderung. Mein Mann saß von morgens bis abends in Online-Meetings. Die Buben waren zuhause. Ich dachte zuerst, das wird schon irgendwie laufen, bin losgerannt, um mein kleines Unternehmen zu retten. Mit hohem Zeitaufwand und emotionalem Einsatz. War dementsprechend am Abend auch fertig, müde und schlecht gelaunt. Nach zwei, drei Wochen merkte ich: Ups! Das läuft überhaupt nicht zuhause. Es herrschte ein hohes Aggressionspotenzial. Wir haben das alle zusammen nicht gut gemacht. Das war weit, weit weg von Entschleunigung oder Entspannung, wie man das oft gehört hat. Bei uns war’s nicht entspannt. Wir versuchen, das im zweiten Lockdown besser zu machen. Wir haben dazugelernt.

Stünden wir heute nicht woanders, wenn anstelle der täglichen Panikmache Politik wie Medien eine Sprache der Achtsamkeit gepflegt hätten? Nicht drohen, sondern empfehlen?

Als Unternehmerin und Mutter sage ich: Angst ist immer der denkbar schlechteste Ratgeber. Und als gelernte Historikerin weiß ich, dass Angst nie den erhofften Erfolg gebracht hat. Ich weiß aus vielen Gesprächen mit unseren Kunden, dass diese Angst etwas mit ihnen macht. Da gibt es welche, die sich fragen: Was macht das mit unserer Demokratie, mit unserer Gesellschaft? Was macht das mit Menschen, die einfach gehorsam voranmarschieren? Was mit Menschen, die immer noch ihr eigenes Ding durchziehen, ohne jegliche Rücksicht auf Verluste?

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Als gelernte Historikerin weiß ich, dass Angst nie den erhofften Erfolg gebracht hat. Ich weiß aus vielen Gesprächen mit unseren Kunden, dass diese Angst etwas mit ihnen macht.

Verena Brunner-Loss

Dabei haben wir doch nur einen Feind - das Virus. Warum sind wir so zerrissen?

Wir sind eine mediengetriebene Gesellschaft. Jeder holt sich die Information, die er sehen oder hören will, und das spaltet. Es gibt viele Menschen, die der offiziellen Meinung nicht folgen. Sie sagen es aber nicht mehr, weil sie Angst haben, angegriffen zu werden. Das ist nicht gut. Anderer Meinung zu sein, bedeutet noch nicht, dass man ein Leugner der Pandemie ist. Toleranz ist das höchste Gut unserer Gesellschaft. Diesen Riss in der Gesellschaft wieder zuzukitten, wird die Hauptaufgabe der nächsten Jahre sein.

Finden wir Versöhnung, eine Art Weihnachtsfrieden? Was glauben Sie?

Toleranz ist ein Thema, das wir Menschen eigentlich nie bewältigt haben. Ist das nicht Jahrhunderte alt? Es ist doch wunderbar, unterschiedlicher Meinung zu sein und trotzdem sagen zu können: Wir verstehen und respektieren uns. Das ist „Nathan der Weise“, die Ringparabel. Toleranz ist ein Muskel, der in diesem Jahr sehr verkümmert ist. Wir müssen ihn wieder trainieren. Täglich.

Robert Schneider

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