22.11.2020 18:37 |

Anti-Corona-Proteste

Querdenker empören mit Sophie-Scholl-Vergleich

Aus Protest gegen die Corona-Politik sind am Wochenende Tausende Menschen in deutschen Städten auf die Straße gegangen. Allerdings traten ihnen teils auch Hunderte Gegendemonstranten entgegen, die etwa einen groß angekündigten „Schweigemarsch“ durch Berlin mit Blockaden und anderen Störaktionen begleiteten. Für große Empörung sorgte vor allem der Vergleich mit der von den Nationalsozialisten ermordeten Widerstandskämpferin Sophie Scholl bei einer Kundgebung von Gegnern der Corona-Maßnahmen in Hannover.

In Hannover hatte am Samstag eine Frau, die sich als „Jana aus Kassel“ vorstellte, auf einer Bühne der sogenannten Querdenken-Bewegung gesagt, sie fühle sich „wie Sophie Scholl“, da sie „seit Monaten aktiv im Widerstand“ sei, wie auf bei Twitter veröffentlichten Videobildern zu sehen war. Bis Sonntagnachmittag wurde das Video mehr als 1,4 Millionen Mal angesehen. Zu sehen ist in dem Video auch, dass ein Mann der Rednerin eine orangefarbene Weste überreicht und sagt, dass er für „so einen Schwachsinn“ kein Ordner mehr sein wolle. Er wirft der Rednerin eine „Verharmlosung des Holocaust“ vor.

Sophie Scholl und ihr Bruder Hans gehörten zur Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, die ab Juni 1942 mit Flugblättern zum Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft aufgerufen hatte. Bei einer Flugblattaktion in der Münchner Universität wurden sie entdeckt und zusammen mit ihrem Studienkollegen Christoph Probst zum Tode verurteilt.

Maas: „Das verharmlost den Holocaust“
Außenminister Heiko Maas erklärte, wer sich heute mit Sophie Scholl oder auch mit dem für seine Tagebücher berühmt gewordenen und 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen gestorbenen jüdischen Mädchen Anne Frank vergleiche, „verhöhnt den Mut, den es brauchte, Haltung gegen Nazis zu zeigen“. „Das verharmlost den Holocaust und zeigt eine unerträgliche Geschichtsvergessenheit“, schrieb Maas am Sonntag im Kurzbotschaftendienst Twitter. „Nichts verbindet Corona-Proteste mit Widerstandskämpfer*Innen“, fügte er hinzu. „Nichts!“

In Berlin nahmen laut Polizei indessen am sogenannten Schweigemarsch vom Prenzlauer Berg zum zentral gelegenen Alexanderplatz rund 1000 Menschen teil - angemeldet worden waren fünfmal so viele. Die meisten Demonstranten trugen der Polizei zufolge Mund-Nasen-Schutz, vereinzelt habe es Strafanzeigen wegen offenbar gefälschter Atteste zur Befreiung von der Maskenpflicht gegeben. Der Marsch bis in die Stadtmitte war begleitet von Protesten Hunderter Gegendemonstranten, teils aus dem linken Spektrum.

Während die Teilnehmer des „Schweigemarschs“ unter anderem einen Verzicht auf Impfungen forderten, machten Anrainer in Prenzlauer Berg mit Töpfen Lärm und bezogen Stellung mit Plakataufschriften wie „Kein Platz für Corona-Leugner“ und „Abstand halten gegen Rechts“. Mitunter ertönten „Nazis raus“-Rufe. Rund 600 Polizisten waren im Einsatz, es kam vereinzelt zu vorläufigen Festnahmen.


1600 Polizisten aus sechs Bundesländern in Leipzig im Einsatz
Vor dem Hintergrund der völlig aus dem Ruder gelaufenen „Querdenker“-Demo vor zwei Wochen in Leipzig war die Polizei dort am Samstag mit 1600 Beamten aus sechs deutschen Bundesländern und Bundespolizisten im Einsatz. Hunderte Menschen kamen zu einer Kundgebung von Gegnern der Corona-Politik auf dem Kurt-Masur-Platz, die aber kurzfristig vom Veranstalter abgesagt wurde. In der Innenstadt trafen daraufhin gegensätzliche Lager immer wieder aufeinander und mussten von der Polizei voneinander ferngehalten werden. Die Lage war zeitweise unübersichtlich - es gab mehrere nicht genehmigte Spontandemonstrationen.

Nach Angaben der Polizei wurden mehr als 600 Platzverweise erteilt und mehrere Straftaten registriert, darunter Körperverletzungen, Landfriedensbrüche, Bedrohung und Widerstand gegen polizeiliche Maßnahmen. Der Deutsche Journalistenverband (DJV) Sachsen berichtete zudem von zwei körperlichen Angriffen auf Journalisten, zudem sei eine Reporterin beleidigt und verfolgt worden.

Größtenteils friedliche Demonstrationen gab es am Wochenende auch in vielen anderen Städten, etwa in Frankfurt, Hannover, Stuttgart, Pforzheim, Bochum und Cottbus. Teils wurden diese von Anhängern der umstrittenen Initiative „Querdenken“ veranstaltet, die seit Wochen Proteste gegen die aktuelle Politik zur Eindämmung der Pandemie organisiert.

Seit Monaten polarisieren die staatlichen Corona-Beschränkungen Deutschland, Gegner und Befürworter drastischer Schutzvorkehrungen stehen sich teils unversöhnlich gegenüber. Die Beratungen der deutschen Landesregierungen über das weitere Vorgehen in der Pandemie könnten auf eine Verlängerung des Anfang November verhängten Teil-Lockdowns hinauslaufen. Die Länderchefs besprechen an diesem Mittwoch mit Kanzlerin Angela Merkel den weiteren Kurs.

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