18.08.2020 19:00 |

Neue Tiroler Studie

Wie die Corona-Krise unsere Psyche belastet

Die Ereignisse der vergangenen Monate haben niemanden kalt gelassen. Sie haben die Psyche vieler Menschen belastet. Wie sehr, darüber gibt eine Tiroler Studie Aufschluss. Prof. Alex Hofer, Direktor der Psychiatrie I in Innsbruck, über erste Erkenntnisse, regionale Besonderheiten und die Isolation der Altersgruppe „65 plus“.

„Krone“: Herr Professor Hofer, das Land Tirol hat im Juli die Bevölkerung dazu aufgerufen, an Ihrer Studie zu den psychischen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie teilzunehmen. Wie war die Resonanz?
Hofer: Mehr als 800 Menschen haben den anonymisierten Online-Fragebogen bisher auswertbar ausgefüllt. Wir haben einen interessanten und guten Querschnitt. Nur die Altersgruppe „65 plus“ ist mit 36 Teilnehmern noch nicht so gut vertreten, wie ich mir das gewünscht hätte. Ich hoffe, es nehmen noch einige Tiroler an der Studie teil.

Befragt wird parallel auch eine spezielle Zielgruppe?
Ja, und zwar Menschen mit einer psychischen Vorerkrankung. Wir haben allein in Ost- und Nordtirol dafür 4500 Patienten angeschrieben. Auch Südtirol ist mit im Boot. Insgesamt zehn stationäre Psychiatrie-Einrichtungen in den drei Regionen sind eingebunden. Der Blick nach Südtirol ist wertvoll, weil dort die Quarantäne-Maßnahmen viel strenger waren. Wir sind gespannt, ob die Auswirkungen unterschiedlich waren.

Gibt es bereits erste Erkenntnisse?
Auf die Daten aus Südtirol warten wir noch. Strenge rechtliche Vorgaben müssen eingehalten werden. Aber die Rückmeldungen aus der allgemeinen Bevölkerung in Nordtirol lassen bereits einige Rückschlüsse zu. Besonders auffallend ist die breite Zustimmung zu den Quarantäne-Maßnahmen: 90 Prozent waren damit einverstanden. Und 95 Prozent hielten sie ein – jeder Zweite sogar ganz streng.

Frauen waren stärker belastet als Männer
Was ist die zentrale Fragestellung in der Studie?
Wie sehr die Quarantäne die Menschen belastet hat. Und da zeigt sich, dass trotz aller Zustimmung zu den Maßnahmen der Druck sehr intensiv wahrgenommen wurde. 13 Prozent sprechen von einer deutlichen psychischen Belastung – das entspricht bereits einem Krankheitswert. Frauen waren mehr belastet als Männer, ältere Menschen mehr als die Gruppe der 30- bis 60-Jährigen, Menschen mit geringem Einkommen oder in Kurzarbeit und Junge in der Ausbildung mehr als andere. Das deckt sich mit früheren Studien zu Epidemien, wie etwa der Schweinegrippe.

Pensionisten litten unter der Isolation
Fragt sich an dieser Stelle, warum bestimmte Menschen mehr gelitten haben?
Das gilt es zu erforschen. Bei Frauen vermuten wir, dass es stark mit der Mehrfachbelastung durch die eigene Arbeit und das Homeschooling der Kinder zu tun hatte. Bei Pensionisten spricht jeder Vierte von einem deutlichen psychischen Stress. Diese Menschen waren oft sehr isoliert. Das macht was mit ihnen. Auch mit jenen, die selbst an Covid-19 erkrankt sind. In dieser Gruppe orten wir ebenfalls deutlich höhere psychische Anspannung.

Fachleute sagen, dass man das ganze Ausmaß der Folgen erst in den kommenden Jahren sehen wird...
Deshalb soll unsere Studie auch keine Momentaufnahme bleiben. Wir fragen in einem halben Jahr und in eineinhalb Jahren noch einmal nach. Ziel ist es, für kommende Krisen besser gerüstet zu sein und zu wissen, wie man Menschen in dieser Ausnahmesituation besser unterstützen kann.

Die öffentliche Hand und die verschiedenen Hilfseinrichtungen haben erstaunlich viele Angebote geschaffen. Aber die Nachfrage war geringer als erwartet. Beruhigt Sie diese Nachricht?
Nein. Auch bei unseren Anlaufstellen in der Psychiatrie war der Zustrom gering. Doch jetzt kommen die Menschen und berichten, dass sie sehr gelitten haben. Alles kommt verzögert. Wir fürchten, dass sich Angststörungen, Depressionen und Schlafstörungen verschlimmern. Was wir aus der Studie schon herauslesen können: Die Menschen haben mehr Alkohol und Suchtmittel konsumiert, über 30 Prozent geben das an. Auch das ist ein Alarmsignal.

War der Rückzug für einige Menschen mit psychischen Problemen auch wohltuend?
Im Moment ja, weil sie der Konfrontation mit ihren Ängsten aus dem Weg gehen konnten. Aber Isolation ist keine Lösung für psychische Probleme jeglicher Art.

Sie haben immer wieder angemerkt, dass sich die ersten Erkenntnisse mit denen aus früheren Studien aus Asien und anderen Weltgegenden decken. Was erwarten Sie sich vom Vergleich zwischen Nord- und Südtirol?
Da gibt es spannende Fragen, die sich durch die unterschiedlich strengen Quarantäne-Maßnahmen ergeben. Zum Beispiel: Wie sehr hat die Bevölkerung unter der in Südtirol noch deutlich stärkeren Polizeipräsenz gelitten? Bei uns haben 20 Prozent angegeben, dass sie das belastet hat. Ein erstaunlich hoher Wert, wenn man bedenkt, dass die Polizei bei uns nicht so streng kontrolliert hat wie in Italien.

„65 plus“: Weitere Teilnehmer sind gefragt
Hoffen Sie, dass noch mehr Menschen aus der Altersgruppe „65 plus“ an der Studie teilnehmen und den Online-Fragebogen ausfüllen?
Ja, das hoffe ich sehr. Die bisherigen Daten zeigen uns, dass ältere Menschen ganz besonderen Beeinträchtigungen ausgesetzt waren. Man muss sich nur vorstellen, dass man in einem Seniorenheim plötzlich keinen Besuch mehr von der eigenen Familie erhalten darf.

Ihre Studie befasst sich mit der psychischen Belastung durch die Quarantäne. Drängen sich noch andere Forschungsfragen auf?
Besonders spannend ist die Frage nach der Stigmatisierung bestimmter Personen. Auch dazu gibt es ein Projekt in Nordtirol. Was macht es mit den Ischglern, wenn ihr Ort nur mehr als Synonym für die Verbreitung des Virus wahrgenommen wird? Wie stigmatisiert fühlen sich Corona-Erkrankte und Menschen in Gesundheitsberufen?

Letztere werden doch als Helden wahrgenommen.
Nicht nur. Sie sind jene, die mit dieser mysteriösen Erkrankung zu tun haben. Mit denen wollen viele Menschen lieber nicht in Berührung kommen.

Corona hat die Seele unserer Gesellschaft schwer getroffen. Kommen wir da jemals wieder heraus?
Eine Krise bedeutet Stress für die Psyche. Mit unserer Studie wollen wir dazu beitragen, für kommende Ausnahmesituationen besser gerüstet zu sein. Was die Gesellschaft in der aktuellen Krise kollektiv entspannen wird, ist eine Impfung.

Claudia Thurner
Claudia Thurner
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