25.07.2019 00:00 |

Aller guten Dinge?

Yamaha Niken: Alles, was jeder drüber wissen will

Der Blick der Yamaha Niken ist so böse, dass man kaum wagt ihre Schönheit infrage zu stellen, obwohl es bei der Optik durchaus Diskussionsbedarf gibt. Vielmehr treffe ich an jeder Tankstelle, auf jedem Parkplatz auf Leute, die mir genau zwei Fragen stellen: „Wie fährt sich das?“ und „Ist das schwerer zu fahren als ein Motorrad?“

Ein paar Facts vorweg: Die Yamaha Niken ist trotz ihrer drei Räder ein Motorrad und man braucht den A-Schein dafür, anders als den MP3-Roller von Piaggio darf man sie nicht mit Pkw-Führerschein fahren. Ihre Basis ist die Yamaha MT-09, von der sie die Technik übernimmt. Lediglich die Sitzposition wurde leicht nach hinten verschoben, damit die Gewichtsverteilung nicht zu kopflastig ist. Auch der 115 PS und 87,5 Newtonmeter starke 847-ccm-Dreizylindermotor blieb erhalten, bekam aber mehr Schwungmasse (die Gasannahme ist eine Spur weniger harsch). Statt des einzelnen 120/70-Gummis auf einer 17-Zoll-Felge vorn verfügt sie über deren zwei auf zwei 15-Zoll-Felgen. Hinten bleibt es bei 17 Zoll, aber der Schlapfen misst 190/55 statt 180/55. Die hier gezeigte Version ist die Niken GT, mit größerem Windschild und Reißverschluss-Koffern.

Schön fahren statt schön saufen
Mein geschätzter Kollege Clemens Kopecky vom Motorrad Magazin hat es so ausgedrückt: Man kann sich sie Yamaha Niken „schön fahren“. Und trifft den Nagel damit auf den Kopf. Wollen wir also nicht über Geschmack streiten, sondern über Fahreigenschaften sprechen. Und die sind bei der Yamaha Niken einzigartig. Sie fährt sich wie ein ganz normales, relativ schweres Motorrad (immerhin wiegt die Niken GT 267 kg), lenkt ganz normal ein und ist bei Weitem wendiger, als ihr aufgrund der Optik zuzutrauen ist. Man merkt nicht einmal wirklich, dass sie vorne zwei Räder hat, weil sie ganz normale Radien mit ganz normalen Schräglagen (bis 45 Grad) fährt. Man sieht es ja auch nicht, weil sie von oben betrachtet komplett hinter dem mächtigen Tank verschwinden. Wobei - so mächtig ist er gar nicht: 18 Liter passen rein.

Übrigens fällt die Yamaha Niken im Stand auch um wie ein normales Motorrad. Eine Mechanik, welche die Gabel sperrt, gibt es nicht. Die beiden Vorderräder werden völlig unabhängig voneinander geführt. Daher kann auch das eine auf einen Randstein fahren, während das andere am Boden bleibt.

Grenzenloses Sicherheitsgefühl
Der wesentliche Unterschied zu einem klassischen Motorrad mit insgesamt zwei Rädern ist das unfassbare Sicherheitsplus, das die Niken bietet. Selbst wenn man in Schräglage ins Rutschen kommt (was man wirklich provozieren muss), gerät man nicht sofort in Sturzgefahr, weil ein doppeltes Vorderrad seitlich versetzt, wo ein einzelnes wegrutscht und das Bike kippen lässt.

Daher fahre ich mit der Niken Kurven schneller, als ich es sonst tun würde - was psychologisch interessant ist, denn einerseits sagt mir mein Gefühl, dass sich das locker ausgeht, andererseits muss ich meinen Kopf davon überzeugen, dass dieses Riesengerät kinderleicht umzulegen ist. Und auch wieder aufzurichten. Und ja, es geht, es hält, es ist safe. Einzige negative Eigenheit: Auf der Bremse lenkt sie unwilliger ein als gewohnt, außerdem ist das Aufstellmoment höher als sonst, wenn man in Schräglage bremst. Das kann einem die Linie versauen.

Apropos bremsen: Die beiden Vorderräder sind in der Lage, immense Bremskräfte zu übertragen, was dazu führen kann, dass das Hinterrad abhebt. Auch beim Fahren ist eher das Hinterrad die Schwachstelle. Wenn etwas rutscht, dann hinten, kann man sagen.

Ausstattung ist ziemlich okay
Angesichts der stabilen Vorderhand ist es zu verschmerzen, dass die Niken statt über ein schräglagentaugliches lediglich über ein Standard-ABS verfügt. Traktionskontrolle, Fahrmodi und Tempomat sind dankenswerterweise serienmäßig, eigentlich auch ein Quickshifter, von dem am Testbike allerdings nichts zu bemerken war.

Die 41-mm-USD-Doppelgabel ist in Druck- und Zugstufe einstellbar (jeweils der hintere Holm), hinten gibt es ein Handrad für die Federvorspannung. Sehr löblich. Serienmäßig ist auch die LED-Rundum-Beleuchtung (bis auf die hinteren Blinker - plus 67 Euro) samt dem bösen Blick aus den Scheinwerfern.

Etwas altmodisch ist das monochrome LCD-Display, das allerdings recht informativ ist.

GT für lange Touren
Die Yamaha Niken GT ist die Version für die Reise oder ausgiebigere Touren. Dafür haben ihr die Japaner einen größeren Windschild mitgegeben, der wirklich gut funktioniert. Auch groß gewachsene Fahrer brauchen sich nur leicht nach vorne zu beugen und genießen fast völlige Windstille. Außerdem gibt es einen komfortablen Sitz, Griffheizung, eine Gepäckbrücke und Seitenkoffern. Diese sind allerdings von der einfachen Reißverschluss-Fraktion, daher nicht wasserdicht und auch nicht gerade sehr groß. Wenn ein Bike GT heißt, würde ich mir mehr erwarten. Ebenfalls serienmäßig ist an der GT der Hauptständer, dessen Hebel allerdings dem linken Fuß im Weg ist, wenn man nicht Schuhgröße 35 hat.

Unterm Strich:
Klar, die Yamaha Niken trägt etwas auf, ihr Auftritt vermittelt eine gewisse Opulenz und ihre Optik mag irritieren. Aber man muss sie mal erlebt haben, am besten auf kurvigen Bergstraßen. Es zahlt sich aus. Die Wahrscheinlichkeit, dass man vom Kritiker zum Botschafter wird, ist groß. Was braucht man für die Niken? 16.499 Euro für das Standardmodell bzw. 17.999 Euro für die GT - und ein wenig Geduld. Die Fragen (siehe Anfang des Berichts) bleiben tatsächlich nicht aus.

Warum?
So ein so sicheres Gefühl bekommt man nirgends sonst
Auch technisch gesehen ist die Niken ein Leckerbissen

Warum nicht?
Die Optik ist nicht jedermanns Sache

Oder vielleicht …
… einfach ausprobieren

Stephan Schätzl
Stephan Schätzl
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