16.03.2010 07:30 |

Missbrauchs-Fälle

Kirche befürchtet nun Austrittswelle der Gläubigen

Wegen der nicht abreißenden Meldungen über sexuellen Missbrauch ist die katholische Kirche nun in zunehmender Sorge über vermehrte Austritte. In sämtlichen Diözesen kehren immer mehr Gläubige dem Klerus den Rücken, wie ein Rundruf ergab. Zwar liegen selten konkrete Zahlen vor, allerdings zeigt die Tendenz beinahe überall steil nach oben. Damit könnte es bei den Austritten für die Kirche heuer noch schlimmer werden als im Rekordjahr 2009.

Genaue Zahlen zu den bisherigen Austritten im März kann die Erzdiözese Wien nach Bekunden ihres Sprechers noch nicht vorlegen. Allein aus den Rückmeldungen persönlicher Natur könne man die Tendenz ablesen: "In diesem Monat werden es sicherlich sehr viel mehr." Bei Menschen, die der Kirche bereits fernstünden, reiche oftmals eine öffentliche Diskussion wie derzeit aus, um einen Austritt zu initiieren.

Auch aus der Diözese Eisenstadt gab es zunächst keine konkreten Zahlen. Der Sprecher der Ombudsstelle hatte am Montag über einige wütende Anrufe berichtet. Diese hätten sich zum Großteil auf den Fall des nach Missbrauchsvorwürfen von seinem Amt zurückgetretenen Priesters im Südburgenland bezogen.

Die Diözese St. Pölten hat seit Anfang März bereits 300 Kirchenaustritte verzeichnet. Im gesamten Februar waren es 399 Fälle. "Es ist jedenfalls eine Zunahme", gab Hans Pflügl von der Diözese zu. In den beiden Monaten zuvor kehrten 268 (Jänner) bzw. 278 (Dezember 2009) Katholiken der Kirche den Rücken. Im Durchschnitt habe sich die Austrittszahl 2009 zwischen 200 und 300 Personen pro Monat gependelt. Ausreißer waren dabei der Februar und der März: Die Diskussion um die Ernennung des Windischgarstner Pfarrers Gerhard Maria Wagner zum Linzer Weihbischof kostete der Kirche allein im März des Vorjahres 705 Gläubige.

In Oberösterreich sind die Kirchenaustritte seit dem Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Patres des Stiftes Kremsmünster vergangene Woche sprunghaft angestiegen. Die Februar-Zahlen waren aber im Vergleich zum Vorjahr eher niedrig. Grund dürfte hier ebenfalls die Affäre rund um Gerhard Maria Wagner sein.

In Salzburgs Bezirkshauptmannschaften laufen seit Bekanntwerden der Missbrauchsfälle in der Kirche die Telefone heiß. In der Stadt Salzburg sind in der ersten Märzhälfte bereits 120 Menschen aus der römisch-katholischen Kirche ausgetreten, das ist ungefähr das Dreifache einer "normalen" Märzhälfte, denn 2007 und 2008 kehrten im gesamten März jeweils rund 80 Menschen der Kirche den Rücken. Im vergangenen Jahr waren es im selben Monat mit 200 auch überdurchschnittlich viele.

Im Pinzgau verließen in den ersten beiden Märzwochen 2008 genau 19 Menschen die Kirche, im Jahr darauf waren es 36 und heuer schon 59. Im Tennengau wurden heuer seit 1. März 43 Austritte registriert, im gesamten März des Vorjahres waren es 56, in "normalen" Monaten liegen die Austrittszahlen bei 30 bis 35. Nur am Lungau gingen die aktuellen Diskussionen weitgehend spurlos vorüber. Dort haben heuer in der ersten Märzhälfte sechs Menschen die Kirche verlassen, im gesamt März 2009 waren es zehn. Diese Zahl dürfte aber heuer schon übertroffen werden, vermutet man in der BH.

Das für Austritte aus der katholischen Kirche zuständige Grazer Bürgeramt hat seit dem Bekanntwerden von Missbrauchsfällen vor rund zwei Wochen einen starken Anstieg jener Menschen registriert, die der Kirche den Rücken kehren wollen. Leiterin Ingrid Bardeau erklärte am Montag, dass seit Anfang März 339 Katholiken aus ihrer Kirche ausgetreten seien. Der März ist wegen des vierteljährlich einzuzahlenden Kirchenbeitrags - im Februar erfolgt die Vorschreibung - tendenziell ein eher stärkerer Austrittsmonat. In den Jahren 2005 bis 2008 seien im Durchschnitt 200 bis 230 Grazer in diesem Monat ausgetreten, diesmal ist dieses Mittel bereits zur Monatsmitte weit überschritten.

Seit Beginn der Debatte haben auch in den größeren Städten Kärntens zahlreiche Katholiken ihren Austritt angekündigt. Bei der Diözese spricht man von einem "signifikanten Anstieg". In den ländlichen Gebieten ist der Unmut zwar ebenfalls groß, eine Austrittswelle gibt es dort bisher aber nicht.

Seit 1. Jänner hat die Diözese Innsbruck 658 Kirchenaustritte verzeichnet. "Das sind um 27 Prozent weniger als im Vergleichszeitraum des Vorjahres", erklärte Reinhard Grübl, Diözesanreferent für Kirchenbeitrag. Vergangenes Jahr hatte die Causa rund um den verhinderten Weihbischof Gerhard Maria Wagner im ersten Quartal für rund 900 Austritte gesorgt.

"Die Erfahrung hat uns gezeigt, dass Austrittswellen etwas zeitverzögert passieren", sagte Grübl. Es könnte durchaus sein, dass der Höhepunkt derjenigen, die aufgrund der derzeitigen Missbrauchsfälle der Kirche den Rücken kehren, erst in zwei Monaten erreicht sein werde.

Die Vorarlberger Bezirkshauptmannschaften verzeichneten im März eine regelrechte Austrittswelle. Bis Monatsmitte haben bisher rund 220 Personen ihren Austritt aus der Kirche angezeigt - das sind schon jetzt um 70 Personen mehr als im März-Durchschnitt der Jahre 2006 bis 2008. Im vergangenen März wurden 326 Austritte registriert, nachdem Bischof Elmar Fischer mit Äußerungen über Homosexuelle für große Empörung gesorgt hatte. Diese Aussagen bescherten der Diözese Feldkirch im Februar 2009 (411) auch den bisherigen Austritts-Rekordwert.

Schon im Jänner haben sich 350 Personen aus der katholischen Kirche abgemeldet, das waren mehr als doppelt so viele wie 2009 (168). Im Februar kehrten 265 Gläubige der katholischen Kirche den Rücken. Damit könnten Ende März in der Diözese Feldkirch bereits rund 1.000 Austritte zu Buche stehen. Zum Vergleich: Im gesamten Vorjahr verabschiedeten sich in Vorarlberg 2.515 Gläubige aus der römisch-katholischen Gemeinschaft - so viele wie nie zuvor.

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