27.01.2019 06:00 |

Das große Interview

Was läuft da hinter den Kulissen, Herr Esterházy?

Filmreife Szenen spielten sich am Dienstag vor dem Schloss Esterházy in Eisenstadt ab. Die 87-jährige Magdalena Terezia Ottrubay wurde „entführt“, eine Großfahndung hielt das Land in Schach. Im Gespräch mit Conny Bischofberger beleuchtet Erbprinz Paul-Anton Esterházy (32) den Adels-Krimi aus seiner ganz persönlichen Sicht.

Erbprinz Paul-Anton Nikolaus Maximilian Esterházy de Galántha zupft noch kurz seine goldenen Manschettenknöpfe zurecht. Dann tritt er aus dem Besprechungszimmer seines Anwalts und begrüßt mich mit Handkuss: „Paul Esterházy, hocherfreut.“ Dunkelgrauer Anzug, weißes Hemd, weißes Stecktuch, dunkelblaue Krawatte mit rosa Punkten. „Leibhaftig, und noch nicht ausgestorben“, fügt sein Anwalt Dr. Maximilian Schaffgotsch hinzu. Die spitze Anspielung erklärt sich erst später, als uns der Sprecher der Familie Esterházy unter einem Schüttbild von Hermann Nitsch - sandfarben, nicht blutrot - gegenübersitzt. Sein elegantes Hochdeutsch enthält weder österreichische noch bayrische Idiome, sein Blick ist hochkonzentriert, aber stets freundlich. Ein junger Adeliger, wie er im Buche steht.

„Krone“: Wie wollen Sie angesprochen werden?
Paul-Anton Esterházy: Mit Paul-Anton Esterházy.

Auf „Erbprinz“ und „Seine Durchlaucht“ legen Sie keinen Wert?
Ich habe selber nie Titel geführt und gehe einem ganz normalen Leben nach. Natürlich werden diese Begriffe noch verwendet. Sie sind historisch bedingt und stammen aus längst vergangenen Zeiten. Damit einher geht allerdings eine enge Verbundenheit mit der Familiengeschichte.

Wie fühlt sich diese Verbundenheit an?
Man reiht sich als kleines Glied in eine Kette von Menschen, die diese Familie und ihre Werte seit 700 Jahren geprägt haben.

Ist der Name Esterházy Auszeichnung oder Bürde?
Er ist ein großes Geschenk. Aber besonders im Hinblick auf die Situation im Burgenland ist es nicht einfach, zuzuschauen, wie Familienfremde den Namen Esterházy als Feigenblatt für ihre Zwecke verwenden. Das alles steht diametral zu den Werten, für die diese Familie schon immer stand und steht.

Herr Esterházy, diese Woche wurde die 87-jährige Mutter Ihres Verwalters in eine Limousine gesetzt und nach Tirol gebracht. Die Polizei ging anfangs von einer Entführung aus. Was läuft da hinter den Kulissen?
Vorausschicken möchte ich, dass es wirklich ärgerlich ist, wenn der Name Esterházy mit einer rein ottrubayischen, familieninternen Thematik in Verbindung gebracht wird. Und dann ist es auch schockierend, dass in diese Fehde oder was auch immer es sein mag in der Familie Ottrubay derart viele andere Menschen hineingezogen werden. Hundert Polizisten haben in Eiseskälte eine ganze Nacht lang Autos kontrollieren müssen, und das wegen eines Fehlalarms. Da muss man schon den Kopf schütteln. Für mich persönlich und für unsere Familie ist es aber ehrlich gesagt nicht besonders verwunderlich, was da geschehen ist.

Was meinen Sie damit?
Es war beinahe ein Déjà-vu-Erlebnis. Und es ist doch bezeichnend, dass meine Großtante Melinda unweit von dieser jetzigen „Abholung“ - Paul-Anton Esterházy spricht das Wort bewusst pikiert aus - auch in diesem kleinen Häuschen auf dem Grundstück der Familie Ottrubay über Jahre - er legt eine kurze Pause ein - sagen wir gelebt hat.

Wollen Sie damit sagen, dass sie unfreiwillig dort gelebt hat?
Ich kann es nicht beurteilen, ich durfte sie ja nicht sehen.

Wie haben Sie von dieser grotesken Geschichte erfahren?
Meine Mutter hat mich angerufen. Sie war gerade in ihrer Lieblings-Chocolaterie in München - als guter Sohn müsste ich eigentlich den Namen wissen - und erzählte mir, dass sie gerade von einer Dame angesprochen wurde. „Gott sei Dank, Sie sind ja gar nicht entführt worden!“ Woraufhin meine Mutter meinte: „Ja, und millionenschwer bin ich leider auch nicht.“ - Lacht. - Sie sehen: Die Ottrubays werden ständig mit uns verwechselt.

War das Freiheitsentzug oder nur ein Ausflug einer alten Dame?
Das ist natürlich als Außenstehender schwer zu sagen. Aber wie würden Sie und wie würde ich denn einen Familienbesuch mit meiner Mutter gestalten? Man würde sich auf einen Tee treffen, dann würde man Koffer packen, sich verabschieden und ganz normal abreisen. Aber definitiv keine Pflegerin wegstoßen. Da muss man sich schon fragen: Unter welchen Umständen ist die Mutter aus der Schweiz nach Eisenstadt gekommen, wenn sie auf diese - ich möchte sagen unwürdige - Art und Weise einfach wieder mitgenommen wird?

Ihre Stellungnahme war unmissverständlich: „Wir pflegen gänzlich andere Umgangsformen“, ließen Sie für das Haus Esterházy wissen, „besonders mit betagten Damen.“ Was sollte das heißen?
Dass in unserer Familie respektvolle Umgangsformen gepflegt werden. Es wird offen kommuniziert, man besucht einander und man reist miteinander.

Was steht denn Ihrer Meinung nach dahinter?
Ich kann nur aus eigener Erfahrung sprechen. Auch meine Großtante Melinda lebte an diesem Ort und hat in hohem Alter eine hochkomplexe Stiftungsänderung nach der anderen unterschrieben, zum Nachteil der Familie Esterházy, aus dem Nichts heraus, aus völlig unverständlichen Gründen, nachdem wir über viele Jahre in bestem Kontakt mit Melinda standen.

Paul-Anton Esterházy spricht es nicht aus, aber auch die „entführte“ Magdalena Terezia Ottrubay hinterlässt ein großes Vermögen und dürfte zum „Spielball“ zwischen Stefan Ottrubay und dessen Schwester geworden sein. Sie ist mittlerweile in die Schweiz zurückgekehrt.

Warum hat Ihre Großtante das alles unterschrieben?
Anfangs handelte es sich ja noch um die Fürst Esterházy‘sche Privatstiftung, die im absoluten Einklang mit der Familie stand. Dort waren wir die Begünstigten und haben die Stiftung kontrolliert und überwacht. Dann ist es Herrn Ottrubay durch beachtliche Finten gelungen, die Verfügungsgewalt über die ganzen Statuten zu erlangen. Wir wurden von einem Tag auf den anderen von den Begünstigungen ausgeschlossen.

Wie konnte ihm das gelingen?
Er ließ uns keinerlei Kommunikationsmöglichkeit mit meiner doch sehr betagten Großtante mehr. Ich habe 2009 das letzte Mal einen Anlauf genommen, um sie zu sehen. Das war zu ihrem 90. Geburtstag. Ich bin nach Eisenstadt gefahren, wissend, dass sie in diesem Haus lebt, ein paar Steinwürfe entfernt, wo jetzt auf der gleichen Straße die Mutter Ottrubay abgeholt wurde, und habe dort geklopft, bis mich ihre Pflegerinnen hineingeholt und in einen Nebenraum gebracht haben, der dann zugemacht wurde. Dort musste ich warten, bis per Telefon mit Dr. Ottrubay gesprochen wurde und als Resultat wurde ich dann gebeten, zu gehen. Im Nachhinein wurde mir von Dr. Ottrubay zu verstehen gegeben, dass er mir auch genauso gut die Polizei hätte auf den Hals hetzen können.

Haben Sie Ihrer Großtante Briefe geschrieben?
Natürlich. In den guten Zeiten hat Melinda sie auch beantwortet. Ich war ja früher, in meiner Kindheit, oft bei ihr zu Besuch in der Schweiz. Sie hat mit mir auf dem Balkon gespielt und mich auf Stühlen mit Rollen herumgeschoben. Ich habe das in allerschönster Erinnerung.

Was ist mit Ihren Briefen passiert?
Ich weiß es nicht. Am Postkasten ist das Schicksal eines Briefes nicht mehr in unserer Hand.

Sie sind nun seit mehr als zehn Jahren der große Gegenspieler von Herrn Dr. Ottrubay. Fühlen Sie sich in dieser Rolle eigentlich wohl?Was heißt „Gegenspieler“? Ich bin letztendlich, wenn man sich die Familienhistorie anschaut, in der Kette nach meinem Großonkel, Fürst Paul, und meinem Vater das Familienoberhaupt. Das ist eine Rolle, die man sich nicht aussucht.

Paul-Anton Esterházy hat das erste Mal in dem Gespräch seine Augenbrauen hochgezogen. Es geht hier um das unvorstellbare Vermögen von einer Milliarde Euro mit Immobilien, zu denen Schloss Esterházy sowie die Burg Forchtenstein zählen. Den Stiftungen gehört ein Achtel des Burgenlandes und ein Drittel des Neusiedler Sees.

Was werfen Sie Dr. Ottrubay, der das gesamte Vermögen verwaltet, vor? Macht er einen schlechten Job?
Wir erleben seit 15 Jahren, wie er mit diesem wichtigen und bedeutenden Kulturvermögen für die Region und die Menschen - auf der ungarischen wie auf der österreichischen Seite - umgeht, dermaßen fern vom Ethos unserer Familie. Dieser Mann übernimmt ein Kulturvermögen und fängt als Erstes damit an, die Existenz dieser Familie auszuradieren! Wie fit ist so jemand, diesen Kulturauftrag überhaupt ausführen zu können?

Inwiefern hat er versucht, die Existenz „auszuradieren“?
Eine seiner ersten Amtshandlungen war, dass er den Namen der Fürst Esterházy Familienprivatstiftung in F.E.-Privatstiftung umgeändert hat. Das Familienporträt meines Vaters, meiner Mutter und mir im Museum in Eisenstadt wurde abgehängt. Man hört immer wieder von ihm, dass es „irgendwelche entfernten Verwandten“ gebe, die sich aufspielen und noch etwas vom Vermögen haben wollen. Nein! Ab dem Tod meines Großonkels 1989 war innerhalb der „Domäne“ immer klar, wer in der Familientradition die Nachfolge antritt, und das war damals mein Vater, Fürst Anton. Natürlich ist das sehr fragwürdig, wenn Dr. Ottrubay unter ungeklärten Umständen in dieses ganze Umfeld hineinkommt und unsere Familie vor die Tür setzt.

Gibt es noch Kontakt zu Herrn Ottrubay?
Da gibt es, wenn nicht nötig, keinen Kontakt. Von unserer Seite und das ist auch der Stil, den wir pflegen, sind wir zivil. Nur hat er uns die normalste Höflichkeitsform des Handgebens vor Gericht abgeschlagen. Aber wie könnte das Verhältnis zu einer Person, die über fast zwei Dekaden seine eigene Familie in derartige Engpässe treibt, überhaupt sein …

Was, denken Sie, ist bei alldem sein Urmotiv?
Das müssen Sie ihn fragen. Nur so viel: Er ist Alleinherrscher über ein sehr besonderes Vermögen.

Wird man diesen Streit je schlichten können? Oder müssen Sie Ihr Leben lang vor Gericht kämpfen?
Die Gerichte müssen und werden entscheiden. Währenddessen werde ich die Werte der Familie vertreten und verteidigen und Missverständnisse aus der Welt räumen. Das ist kein Esterházy-Skandal, das ist ein Ottrubay-Skandal.

Sie sind Investmentmanager. Würden Sie gerne selber die Stiftungen leiten?
Es wäre sicherlich gut und richtig, wenn ein Familienmitglied am Steuer dieser Stiftungen wäre. Ich glaube auch die Fertigkeiten mitzubringen, um diese nach den Werten der Familie Esterházy gewissenhaft und nachhaltig managen zu können.

Sie sind in Bayern geboren und leben seit vier Jahren in Wien. Was bedeutet Ihnen das Burgenland?
Ich fühle mich im Burgenland sehr zu Hause, es gehört ja seit 100 Jahren erst zu Österreich und nicht mehr zu Ungarn. Auch unser Zuhause in Bayern kommt aus den Esterházyschen Umfeldern des ehemaligen Österreich-Ungarn. Das heißt, diese Verbindung zu Österreich und zum Burgenland, die ist mir in die Wiege gelegt worden.

Welche Musik berührt Sie im Innersten?
Die Sinfonie mit dem Paukenschlag natürlich. Da hat Haydn in einer ganz besonderen Eleganz mit seinem Gönner und Mäzen, Fürst Esterházy, kommuniziert. Haydn berührt und begleitet mich. Sogar in meinem College in Oxford trat Haydn seinerzeit auf, bevor er seine Ehrendoktorwürde bekam.

Könnte sich ein Adeliger wie Sie eigentlich auch vorstellen, eine Bürgerliche zu heiraten?
Natürlich. Wo die Liebe hinfällt.

Seine Durchlaucht ist Single
Geboren am 18. Februar 1986 in München. Großneffe des Fürsten Paul Maria Aloys Esterházy de Galántha (gestorben 1989). Dessen Frau Melinda Esterházy, geborene Ottrubay, starb 2014 kinderlos im 95. Lebensjahr. Sie brachte das gewaltige Erbe in vier Stiftungen ein, an deren Spitze heute Stefan Ottrubay steht. Paul-Anton besucht ein Internat in England, studiert dann in Oxford, St. Andrews und Cambridge und startet eine Karriere als Investmentmanager. Heute ist er selbständiger Unternehmer in Wien und München. Paul-Anton ist designierter Nachfolger als Familienoberhaupt der Esterházys. Er ist ledig und lebt seit vier Jahren in Wien.

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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