Mi, 21. November 2018

Dundee

21.10.2018 06:00

Von der Design-Muse wachgeküsst

Wie ein Schiffsrumpf ragt das vom japanischen Star-Architekten Kengo Kuma gebaute Museum über den Fluss Tay und ist bereits jetzt, wenige Wochen nach seiner Eröffnung, das Wahrzeichen der schottischen Stadt. Es ist ein spektakulärer Bau, der sein Aussehen mit jedem neuen Blickwinkel verändert. Seine geschichteten Betonplatten erinnern an die schroffen Klippen in der Umgebung. Drinnen empfängt einen viel Holz und eine warme Atmosphäre.

Das Gebäude soll, geht es nach Kengo Kuma, ein neues Wohnzimmer für die Stadt werden - und ist bereits auf dem besten Weg dazu. Da hilft sicher, dass man in Großbritannien keinen Eintritt bezahlt (ausgenommen sind Sonderschauen), Museen also beliebte Treffpunkte für Menschen aller Altersstufen sind. Und die Stadtpolitiker erhoffen sich vom neuen V&A einen Bilbao-Effekt, soll ihr spektakuläres Museum doch viele Touristen anlocken.

Schottisches Design hat Schon seit Mackintosh einen guten Ruf
Das V&A Dundee ist übrigens weltweit die erste Außenstelle des berühmten Londoner Victoria & Albert Museums und widmet sich in seiner Hauptschau dem schottischen Design. Das hat spätestens seit Charles Rennie Mackintosh, dessen 150. Geburtstag heuer gefeiert wird, einen klingenden Namen. Kein Wunder also, dass man kaum Kosten und Mühen gescheut hat, um Mackintoshs berühmten Oak Room, die Innenausstattung für einen Glasgower Tea-Room aus dem Jahr 1907, ins Museum zu transferieren. Ein exquisites Beispiel für den prachtvollen schottischen Jugendstil.

Sehenswert ist übrigens auch die noch bis Ende Februar 2019 laufende Sonderausstellung, die sich dem Zauber der großen Kreuzfahrtschiffe widmet und nicht nur mit Plakaten und Originalmöbeln, etwa einem ungewöhnlichen mobilen Tora-Schrank, sondern auch mit Videos, Musik und Soundeffekten in die Goldenen 20er- und glamourösen 50er-Jahre entführt.

In Dundee wird Kreativität großgeschrieben
Doch Dundee hat viel mehr zu bieten. Die 150.000-Einwohner-Stadt ist jung und pulsierend. Drei Universitäten sorgen ebenso dafür wie das weit über die Grenzen des Landes bekannte Scottish Dance Theatre, das im Dundee Rep, einem kleinen, aber ausgesprochen feinen Theater seine Heimat hat. Dazu kommen lebendige Kulturzentren wie jenes für zeitgenössische Kunst, das in seinem Keller eine Druckwerkstatt hat. In ihr können Künstler an alten, aber auch ganz neuen Druckmaschinen arbeiten. Spannend ist auch das Vision House, in dem eine weitere Stärke der Stadt gepflegt wird: die Entwicklung von Computerspielen und digitalen Kunstprojekten.

Fest verankert sind zudem die drei „J“s in Dundees Geschichte: Jute war über Jahrhunderte ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, Jams (die berühmte Orangen-Marmelade stammt aus dieser Gegend) sind bis heute beliebter Exportschlager, und schließlich kann die Stadt auf eine beachtliche Journalismus-Tradition verweisen. Seit mehr als 100 Jahren ist hier das Verlagshaus DC Thomson & Co. beheimatet, das nicht nur bedeutende schottische Zeitungen publiziert, sondern seit den 50er-Jahren auch Comics, deren Figuren - wie etwa der Lauser Beano und seine Bash-Street-Gang - aus dem Stadtbild nicht wegzudenken sind. Und falls sich wer über die vielen Pinguin-Statuen in der Stadt wundert, sie erinnern an die Antarktis-Expedition von Robert Falcon Scott, dessen Segelschiff „RRS Discovery“ direkt vor dem neuen Museum vor Anker liegt.

Künstlerateliers und feines Essen aus der Region
Selbst Literaturfreunde kommen in Dundee auf ihre Kosten - kommt man nämlich mit dem Zug aus Edinburgh, die Fahrt dauert nicht ganz eineinhalb Stunden, so fällt einem bei der spektakulären Einfahrt über den breiten Fluss in die Stadt Theodor Fontanes Ballade „Die Brück’ am Tay“ ein. Aber keine Sorge, die Brücke hält heute stand.

Ein Ausflug zur nahe gelegenen Mündung des Flusses in Broughty Ferry lohnt sich übrigens nicht nur wegen des schönen Strandes und der mächtigen Burganlage mit ihrem feinen Museum, sondern vor allem kulinarisch. Hier hat Schottlands junger Starkoch Adam Newth sein Lokal The Tayberry, in dem man mit Blick aufs Meer fantastisch essen kann.

Ein echter Geheimtipp ist das bezaubernde Arts-and-Craft-Schlösschen Hospitalfield im benachbarten Arbroath, heute ein riesiges Atelier für gleich mehrere Gastkünstler. Führungen durch die bezaubernden Räume stehen ebenso auf dem Programm wie ein Stopp in der gemütlichen Cafeteria, wo nur Produkte aus eigenem Anbau und der engsten Umgebung verarbeitet werden. Absoluter Renner ist der berühmte Smokey, ein geräucherter Fisch, der in Arbroath auf eine lange Tradition zurückblicken kann.

Seine Design- und Kulinarik-Reise sollte man dann in Glasgow fortsetzen. Hier begegnen einem nicht nur die vielen Bauten und eindrucksvollen Möbel von Mackintosh (ein heißer Tipp ist der Besuch in seinem Lighthouse), hier kann man auch ganz hervorragend essen und das vibrierende Leben wie den morbiden Charme einer einst extrem reichen Metropole genießen. Mit dem Zug ist man dann in weniger als einer Stunde in Edinburgh, das ja bekanntlich immer eine Reise wert ist. Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte …

Michaela Reichart, Kronen Zeitung

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