Mi, 19. Dezember 2018

Le Säbelzahntiger

17.10.2018 10:24

Peugeot 508 GT: Mehr Faszination als Perfektion?

Da hat Peugeot einen echten Sympathieträger auf die Räder gestellt! Menschen drehen sich um, rufen sogar nach, Augen werden aufgerissen - „der ist ja wirklich so schön wie auf den Fotos“ sagt der Autowäscher in der Waschanlage. Ja, der Peugeot 508 ist ein tolles Auto! Auch wenn wir seine Schwächen nicht verheimlichen wollen.

Aber, he, das Wesen der Franzosen ist nicht Perfektion, das wäre dann wohl eher deutsch (und was nicht passt, wird passend gemacht). Im Land der blau-weiß-roten Tricolore geht es um Lebensart, Genuss, Geschmack. Oh la la, da passt der 508 hinein, ein Beau, wie er im Buche steht!

Der Blick ist bestechend, LED-Scheinwerfer serienmäßig, flankiert von senkrechten Tagfahrlichtern, die an die Zähne eines Säbelzahntigers erinnern. Dazwischen trägt der 508 GT einen verchromten Grill im Zielflaggen-Design. LEDs auch hinten, dreidimensional, wie blutig leuchtende Krallenspuren, die der Peugeot-Löwe hinterlassen hat.

Der Gegner ist klar auszumachen
Die Linie ist die eines Coupés. 4,75 Meter lang, dabei nur 1,40 m hoch und kräftige 1,86 m breit - oh, so ein Zufall, das sind fast exakt die Maße des Audi A5 Sportback! Na so was! Nur beim Radstand fehlen drei Zentimeter auf die 2,82 m des Ingolstädters.

Doch dem Bayern hat der Franzose ein herrliches Detail voraus: rahmenlose Seitenscheiben. Die versinken in den vorderen Türen ganz, in den hinteren Türen nur fast, außerdem bleibt da noch ein Stück stehen. Égal, wie der Franzose sagt, Hauptsache rahmenlos.

Wunderbar auch das Panorama-Glas-Schiebedach, das den Innenraum noch freundlicher wirken lässt, wenn man ihn nicht per elektrischem Rollo verfinstert.

Innenraum: Wunderschön, nicht ganz praktisch
Die Augenweide geht im Innenraum weiter. Sehr eigenständig, sehr entspannend, sehr aufgeräumt, auch sehr verspielt. Unter dem Zehn-Zoll-Touchscreen ragen mir sieben Tasten entgegen, sie rufen die Haupt-Menüpunkte des Bediensystems auf. So weit, so sinnvoll. Nur: Was soll eine eigene Taste für die Cockpit-Anmutung? Mon dieu, so ein Unsinn!

Oder nennen wir es einfach avantgardistisch. Oder schrullig. Das passt dann auch auf die Platzierung der USB-Buchse in dem Fach unter der Mittelkonsole, dort, wo der Fahrer nur unter Verrenkungen hinkommt, also ganz sicher nicht während der Fahrt. Oder darauf, dass sich im Fach in der Mittelarmlehne nur eine Line-in-Buchse befindet, aber weder USB noch 12 Volt. Den Stromanschluss haben sie in das längliche Fach neben dem Automatikwählhebel gesteckt. Doch dieses lässt man besser zu, weil darin das einzige unschöne Plastik verarbeitet wurde.

Sonst sind die Materialien sehr ansprechend. Vor allem das Holzfurnier fühlt sich angenehm an, wirkt sehr naturbelassen, wenn auch ziemlich dünn.

Im Gegensatz zum Lenkrad. Da hat man richtig was in der Hand! Dick, aber klein, denn wie bei Peugeot seit Jahren üblich, befinden sich die Armaturen darüber statt dahinter. Dadurch sind sie so gut im Blickfeld des Fahrers, dass man kein Head-up-Display braucht.

So fährt sich der Peugeot 508 GT
Genug geschaut. Ich drücke auf den Startknopf. Nichts rührt sich. Warum? Man muss länger draufdrücken als anderswo, das ist gewöhnungsbedürftiger als die ungewöhnliche Armaturenanordnung. Dann kommt er auch, der 225-PS-Motor. Oder soll ich sagen Motörchen? 1,6 Liter Hubraum nur, aber das merkt man ihm nicht an. Okay, er klingt oben raus etwas angestrengt, aber der Turbo-Vierzylinder spricht gut an, liefert schon ab 1900/min. 300 Nm Drehmoment ab. Lediglich die Aisin-Achtgangautomatik verzögert beim Anfahren etwas, außerdem schaltet sie manchmal zu oft. In Siebeneinhalb Sekunden stürmt die laut Typenschein 1489 kg schwere Limousine von 0 auf 100, dann weiter bis 250 km/h. Verbrauch? Nach NEFZ 5,7 l/100 km, in echt sind es acht Liter. Sehr gut: Alle 508-Motoren erfüllen die Abgasnorm Euro 6d-temp.

Das Lenkrad liegt gut in der Hand, vermittelt allerdings nur mäßigen Kontakt zur Fahrbahn. Zu leichtgängig ist die Lenkung, zu synthetisch. Im Sportmodus kommt ein wenig Widerstand dazu, aber kein Gefühl. Außerdem zerren die Vorderräder gerne bei fröhlichem Gaseinatz. Auch das Fahrwerk gehört nicht zu den Schokoladenseiten des Peugeot 508. Die 19-Zöller rumpeln über Bodenunebenheiten, dass der ganze Wagen zittert. Die hier beim GT serienmäßigen adaptiven Dämpfer sind da auch keine Unterstützung. Im Comfort-Modus holpert es kaum weniger, dafür schaukelt die Karosserie. Im Sportmodus wird alles nur schlimmer, weil dann auch noch die Automatik Nervosität verbreitet und der über die Lautsprecher zugespielte Motorsound nicht jedermanns Sache ist. Eigentlich kann man nur im Normal-Modus fahren. Oder, wenn es entspannt und sparsam dahingehen soll, im Eco-Modus.

Noch etwas Schrulliges: „Manuell“ ist ein Fahrmodus, kein Getriebemodus. Man kann also nicht z.B. im Comfort-Modus dauerhaft manuell schalten. Was aber nicht sonderlich tragisch ist, denn auch die Schaltpaddles sind nicht sinnvoll gestaltet: Sie sind fix an der Nabe montiert, aber so kurz, dass man sie nur schwer erwischt, wenn man nicht geradeaus fährt.

Es kommt aber immer drauf an, womit man vergleicht. Wer etwa aus einem Volvo XC 40 in den Peugeot 508 umsteigt, wird vom Fahrwerk begeistert sein und mit Freude leicht untersteuernd durch die Kurven pfeffern.

Achtung, superexakt!
Wo es der Franzose ganz genau nimmt, ist die Sache mit der Geschwindigkeit. Der Tacho weicht genau gar nicht ab (fürs Abweichen ist das Außenthermometer zuständig). Wer sich also auf die üblichen 4 km/h verlässt, wird spätestens durch die erste Radarstrafe darauf aufmerksam gemacht, obwohl man vom Navitainment vor Blitzern akustisch gewarnt wird. Leider piepst es nochmals, wenn man am Radar vorbei ist, das nervt. Apropos akustische Nerverei: Warum muss in allen aktuellen französischen Autos der Blinker klingen wie ein altes Videospiel?

Eigenheiten in der Bedienung
Es ist nicht alles wirklich durchdacht im 508. Wenn man jemandem etwas nah auffährt, überblendet der Hinweis „Fahrzeug nah“ den Tacho, obwohl man dem Vordermann ja selbst nah aufgefahren ist und man das ja höchstselbst durch die Windschutzscheibe sieht. Den Fernlichtassistenten muss man im Menü ausschalten; ist er aktiviert, kann man mit dem Lenkstockhebel nur zwischen festes Fernlicht und Fernlichtautomatik umschalten. Auch fürs Abschalten des Parksensors muss man ins Menü. Immerhin gibt es eine Taste zum Abschalten der Start-Stopp-Automatik, ebenso für die Umluftschaltung der Klimaanlage. Der Hebel für den Tempomat ist hinter dem Lenkrad versteckt, genau da, wo man ganz sicher nicht hinsieht. Und, bitte, warum spart Peugeot bei den Kameras? Die liefern derart überbelichtete, pixelige Bilder, dass man teilweise kaum etwas erkennt. Dafür gegen Aufpreis aber 360 Grad rundum. Überbelichtet ist auch der Blinker im Außenspiegel, der den Fahrer nachts regelrecht blendet.

Zwei Dinge fallen aber besonders positiv auf: Das Scheibenwaschwasser strömt direkt aus den Wischern (wie z.B. in der Mercedes-S-Klasse) und bei der Bedienung des Touchscreens hat der 508 vielen anderen Autos etwas voraus: Der Automatik-Wählhebel ist so platziert und geformt, dass man seinen Arm darauf abstützen kann, wenn man auf dem Display tippt - à la bonne heure!

Grenzgänger: Assistenten an Bord
Der Testwagen hat alles Assistentige an Bord, was gut und gar nicht mal so teuer ist. Etwa das "Drive Assist Plus Paket um 800 Euro, das den Radartempomat und den Spurhalteassistenten „Lane Positioning Assist“ umfasst, also den teilautonomen Lenkassistenten. Leider orientiert sich der nicht an der Mitte der Fahrspur, sondern ganz links oder ganz rechts. Dadurch kommt das Fahrzeug häufig der Leitplanke oder einem überholten Lastwagen gefährlich nahe. Völlig unnötige Gefahr! Unpraktisch: Der Lenkassistent ist nach jedem Neustart automatisch aktiv.

Im GT serienmäßig ist die automatische Notbremse, die tags wie nachts bis 140 km/h Fahrzeuge, Fußgänger und Fahrradfahrer, erkennt und darauf reagiert. Extra kostet der Nachtsichtassistent, der auf dem Tacho-Display Fußgänger, Radfahrer und Wildtiere anzeigt und umrahmt. Allerdings oft auch dann, wenn keine Gefahr droht, weil der Fußgänger ganz einfach auf dem Gehsteig unterwegs ist.

Ebenso zuverlässig wie aufpreispflichtig ist der Parkassistent, der selbsttätig in Parklücken rangiert, solange man den Knopf am Automatikhebel gedrückt hält. Angenehm ist der Parkvorgang aber nicht. Der Wagen fährt dabei relativ schnell, sodass man viel Vertrauen in die Technik braucht, um nicht selbst auf die Bremse zu steigen. Das automatische Bremsen fühlt sich auch immer an wie eine ABS-geregelte Notbremsung. Es wäre schön, wenn Peugeot da etwas Geschmeidigkeit in den Vorgang brächte.

Der Familienfreund als Kombi-Ersatz
Man mag es nicht für möglich halten: Der Peugeot 508 ist ein sehr praktisches und geräumiges Auto, trotz der Coupé-Linie. Auf den Rücksitzen fühlt man sich sogar mit 1,90 Meter wohl und in den Kofferraum passen 487 bis 1537 Liter. Durch die große Heckklappe ist er auch gut zu beladen - fast wie ein Kombi.

Unterm Strich
Da ist manches dabei, was man sich anders wünschen könnte, aber unterm Strich bekommt man mit dem Peugeot 508 GT ein herrliches Fahrzeug, das die Sinne befriedigt wie auch praktischen Nutzen bietet. Dabei bietet er relativ viel Auto fürs Geld. So kommt der vollausgestattete Testwagen, ein Peugeot 508 GT mit 225-PS-Benzinmotor, inklusive 7000 Euro Extras auf 55.500 Euro. Der Einstiegspreis für den 508 Active mit 130-PS-Diesel und Sechsgang-Handschaltung liegt bei 34.150 Euro. Das Lächeln der Leute, denen man begegnet, gibt es gratis dazu.

Warum?
Einer der Schönsten seiner Klasse
Gut gelöste Armauflage zum Bedienen des Touchscreens
Gutes Platzangebot

Warum nicht?
Schwächen beim Fahrwerk
Gefühlsarme Lenkung

Oder vielleicht …
… Volkswagen Arteon, Opel Insignia, Audi A5 Sportback, Alfa Romeo Giulia, Mazda6, Ford Mondeo

Stephan Schätzl
Stephan Schätzl

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