Die fast 2000 Jahre alte Sonnenpyramide von Teotihuacan ist eines der berühmtesten Baudenkmäler Mexikos. Jahr für Jahr strömen Heerscharen von Besuchern zu der rund 50 Kilometer nordöstlich von Mexiko-Stadt gelegenen Ruinenstätte, um dort die Zeugnisse einer versunkenen Kultur zu bestaunen. Zu Frühlingsbeginn steigen auch viele Esoteriker die steilen Stufen der 63 Meter hohen Pyramide hinauf, weil sie sich von den Sonnenstrahlen hoch oben frische Lebensenergie versprechen.
Eine Gruppe mexikanischer Wissenschaftler betrachtetdie gewaltige Pyramide derzeit lieber von unten. Ihr Einsatzortist eine in rund acht Metern Tiefe nahe des Mittelpunkts der Pyramidegelegene Höhle, in die sie über einen engen unterirdischenGang gelangen. Der Sonnenstand interessiert sie dort nicht, dennsie wollen in der feuchten Finsternis die so genannte kosmischeStrahlung messen. Diese besteht aus einem "Hagel" von Elementarteilchenaus dem Weltall, der unablässig aus allen Richtungen aufdie Erde einprasselt. Auf diese Weise versuchen Physiker und Archäologender Autonomen Nationaluniversität Mexikos (UNAM) gemeinsam,dem Bauwerk seine Geheimnisse zu entlocken. Gesucht werden versteckteGrabkammern.
Koloss aus Stein wird geröntgt Es ist, als würde der steinerne Koloss einerRöntgenuntersuchung unterzogen. Doch arbeiten die Wissenschaftlernicht mit Röntgenstrahlen, sondern sie haben in der HöhleMessgeräte zum Aufspüren so genannter Myonen installiert.Wie der UNAM-Physiker Ernesto Belmont erläutert, handeltes sich um Elementarteilchen, die den Elektronen nahe verwandtsind, und in der kosmischen Strahlung sehr häufig vorkommen.Sie durchdringen alles, was sich ihnen in den Weg stellt und werdennur von massiven Gesteinsmassen abgebremst.
Suche nach Grabkammern Falls die Sonnenpyramide in ihrem Inneren ein monolithischerBlock sei, würden die aus allen Richtungen eindringendenMyonen gleichmäßig gebremst, erläutert Belmont.Gebe es hingegen irgendwo einen Hohlraum, dann würden dievon dort kommenden Myonen mit einer etwas stärkeren Intensitätauf die Messgeräte treffen, erklärt der Physiker. Dortkönnten die Archäologen dann gezielt nach Grabkammernsuchen.
Die Mexikaner greifen auf ein von dem amerikanischenPhysiknobelpreisträger Luis Walter Alvarez (1911-1988) entwickeltesVerfahren zurück. Alvarez hatte Ende der sechziger Jahremit Hilfe eines Myonenmessgerätes die Chephrenpyramide inÄgypten untersucht. Er war damals zu dem Schluss gekommen,dass es in ihr keine unentdeckten Grabkammern gab.
Hinweise auf die alte Stadt Die am Projekt beteiligten Archäologen erhoffenvor allem neue Erkenntnisse über die Regierungsform von Teotihuacan.Die Stadt war in ihrer Blütezeit um die Mitte des erstenJahrtausends nach Christus mit rund 150.000 Einwohnern eine dergrößten der damaligen Welt. Es gab dort prächtigeVillen und Paläste, kilometerlange Avenidas und ein ausgeklügeltesBewässerungssystem. Im achten Jahrhundert wurde Teotihuacanaufgegeben und zerstört, möglicherweise nach sozialenUnruhen oder Invasionen kriegerischer Nomaden. Die Azteken, diebei Ankunft der Spanier in Mexiko herrschten, fanden die Stadtnur noch in Ruinen vor und gaben ihr den heutigen Namen.
Bisher ist ungewiss, ob die Sonnenpyramide, dieim ersten Jahrhundert nach Christus über der damals bereitsexistierenden Höhle gebaut wurde, als Begräbnisstättegedient hat. Unter der benachbarten Mondpyramide wurde in jüngsterZeit eine größere Zahl von Skeletten ausgegraben, darunteraber anscheinend keine ehemaligen Herrscher. "Vielleicht werdenwir gar nichts finden, oder wir finden einen reichen Schatz",sagt Belmont. "Wir schließen nichts aus."
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