31.08.2018 06:00 |

Ludwig warnt Grüne:

„Opposition in der Regierung verbitte ich mir“

100 Tage Bürgermeister. Michael Ludwig von der SPÖ über Verbote, wie viele Stunden er pro Tag arbeitet, Christian Kern, die Grünen, den Wahlkampf und seine Hochzeit.

„Krone“: Herr Bürgermeister, ich habe gestern in der U-Bahn einen Mann gesehen, der einen Kebab gegessen hat, und heute Früh eine Frau mit einer überreifen Banane. In der Stadt herrscht trotz Verbotsdiskussion immer noch absolute Müffelspeisen-Anarchie.
Michael Ludwig: Ich halte es für gut, dass man Regeln im Zusammenleben aufstellt. Ich habe in der U-Bahn auch kein Interesse, mich auf Speisereste zu setzen. Wenn die allgemeinen Benimmregeln zurückgehen, dann muss man eben stärkere, gemeinsame Spielregeln einführen, an die sich alle halten.

Die Wiener verlieren also ihr gutes Benehmen?
Nein, ich glaube aber, dass sich mache Freiheiten auf Kosten anderer herausnehmen. Wertschätzung und gegenseitiger Respekt ist aber wichtig.

Sollte nicht vielleicht auch der Schnäppchen-Verkauf von gemeinnützigen Wohnungen an Millionäre oder dessen Umfeld ohne Genehmigung bei Strafe verboten werden?
Das sollte auf jeden Fall verhindert werden, und das war auch der Grund, dass ich den Bundesgesetzgeber aufgefordert habe, entsprechende gesetzliche Rahmenbedingungen zu erstellen. Denn der Verkauf dieses gemeinnützigen Bauträgers mitsamt den geförderten Wohnungen ist ja von der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD) unter der Leitung eines ehemaligen ÖVP-Nationalratsabgeordneten an einen Privaten erfolgt. Wir haben als Stadt keine Möglichkeit der Einflussnahme gehabt. Wohnbaustadträtin Kathrin Gaal wird alles daransetzen, um einen Verkauf zu verhindern.

100 Tage Bürgermeister Michael Ludwig. Mit welchem Gefühl wacht man als Chef einer Millionenmetropole morgens auf?
Mit dem Gefühl der Freude, viel für die Menschen tun zu können, aber auch mit großer Verantwortung.

Ist die Gefahr da, dass ein solcher Job eines Tages arrogant oder abgehoben macht?
Die Gefahr ist sicher gegeben. Ich versuche mit Kontakten zu vielen Wienern geerdet zu bleiben. Die sagen schon, was sie stört.

Bekommen Sie jetzt in jedem Restaurant der Stadt sofort einen Tisch?
Eigentlich nicht. Es ist mir öfter passiert, dass ich, wenn ein Lokal voll ist, keinen bekommen habe. Darüber bin ich auch gar nicht böse.

Wie viele Stunden arbeitet ein Bürgermeister pro Tag?
Ich habe sicher in den 100 Tagen, außer einer Woche, in der ich in Aussee war, im Schnitt von 8 Uhr in der Früh bis 22 oder 23 Uhr gearbeitet. Mit wenigen Ausnahmen im Sommer, als ich im Garten war.

Vizekanzler Heinz-Christian Strache hat sich über einen Mitarbeiter der MA 48 empört, der 15 Stunden pro Tag arbeiten musste.
Das ist nachweislich unrichtig. Es hat auch eine entsprechende Klarstellung der MA 48 gegeben, und es ist bemerkenswert, dass ein Vizekanzler wissentlich eine Darstellung trifft, die nicht mit der Realität korreliert.

Bei einer Tour durch Wien haben Sie am vergangenen Montag Ex-Kanzler und Bundesparteiobmann Christian Kern 20 Minuten warten lassen. Eine Machtdemonstration oder nur fehlerhaftes Zeitmanagement?
Weder noch, ich habe eine Besprechung mit internationalen Teilnehmern gehabt, die aus verschiedenen Ländern angereist sind. Da geht es um ein millionenschweres Projekt für Wien.

Wäre die SPÖ mit einer anderen Persönlichkeit an der Spitze erfolgreicher?
Es ist nicht leicht, unter geänderten Bedingungen als ehemaliger Bundeskanzler die Spitze der Opposition zu bilden. Aber ich denke, dass sich Christian Kern mit dieser neuen Aufgabe sehr stark identifiziert.

Könnte Ex-Minister Hans Peter Doskozil den Job des SPÖ-Chefs?
Er ist ein fleißiger, tüchtiger, auch sehr analytischer Politiker. Aber ich habe den Eindruck, er hat seine Rolle für die kommenden Jahre im Burgenland gefunden.

Ist die Wiener SPÖ auf einen Wahlkampf vorbereitet?
Ich habe mich in den vergangenen Monaten sehr darum bemüht, die Stadtregierung neu aufzustellen und die Wiener SPÖ zu einen. Ich glaube, das ist mir gelungen. Die Stimmung ist gut, und wir sind hochmotiviert.

Wenn die Grünen die Koalition sprengen und sich FPÖ, ÖVP und NEOS zu einer Allianz gegen die SPÖ zusammentun, wäre der Bürgermeisterjob dahin, oder?
Das ist richtig. Wir haben ja erst vor Kurzem vom kommenden Klubvorsitzenden der NEOS gehört, dass es solche Pläne gibt. Ich werde alles daransetzen, um das zu verhindern. Es geht nicht um meine Funktion, aber ich glaube, dass die SPÖ auch in Zukunft eine gute Politik machen wird.

Welche Person an der Spitze der Grünen wäre Ihnen am liebsten?
Ich mische mich nicht in Personaldiskussionen anderer Parteien ein. Mir ist jeder recht. Allerdings muss ich eines deutlich sagen. So wie das manchmal in der Öffentlichkeit rüberkommt, Opposition in der Regierung zu machen, das verbitte ich mir. Entweder gibt es eine Bereitschaft zur Koalition oder nicht. Darauf ist die SPÖ aber auch vorbereitet.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?
Ich strecke immer die Hand aus, um gemeinsame Lösungen zu finden. Wenn das nicht angenommen wird, bin ich aber auch in der Lage, konsequent meinen Standpunkt zu vertreten.

Mussten Sie in den 100 Tagen schon einmal laut werden?
Laut ist nicht mein Stil, aber deutlich schon.

Was sind die großen Pläne für den Herbst?
Ich habe am 6. September eine Regierungsklausur anberaumt, und ich möchte den Bogen spannen von wirtschaftlichen über soziale Themen bis zu Großprojekten.

Dann wäre da noch Ihre Hochzeit.
Ich habe bei meiner Antrittsrede ja versprochen, dass ich mich offiziell binden werde, und das Versprechen löse ich ein.

Werden Sie den russischen Präsidenten Wladimir Putin einladen?
Nein, ich sehe meine Hochzeit als intimen und privaten Rahmen ohne Politiker.

Würde Ihr Leben verfilmt, wer wäre dann die ideale Besetzung?
Der Schauspieler Michael Schottenberg vielleicht. Mit ihm hatte ich unlängst eine Podiumsdiskussion. Er hat ja tolle Rollen gespielt, beim Trautmann etwa.

Und wie könnte der Titel dieses Films lauten?
Vom Arbeiterkind zum Bürgermeister.

Michael Pommer, Kronen Zeitung

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