Mi, 26. September 2018

Neue Flüchtlingsroute

29.05.2018 06:02

„Türken drücken Auge zu, Griechen halten Hand auf“

In Schlauchbooten trotzen sie den Fluten eines gefährlichen Gewässers. Mehr als 4600 gezählte Flüchtlinge kamen zuletzt über den Grenzfluss Evros aus der Türkei nach Griechenland. Lassen türkische Wachtposten die Schlepper bewusst gewähren?

Wie Schatten huschen die Gestalten an einem späten Abend über das Bahngleis zwischen dem griechischen Dorf Pythio und dem Evros, dem Grenzfluss zur Türkei. Zuerst sind es zwei, dann vier und dann noch einmal vier junge Männer. Sie wollen nicht sprechen, wollen nicht erkannt werden und haben es eilig. Einer sagt nur so viel, dass sie Palästinenser seien.

Schlepper schmieren die Grenzwächter
Am übernächsten Vormittag, zwei Dörfer weiter: „Wir sind wahnsinnig hungrig und durstig“, sagen die beiden Kurden aus dem Nordirak. Am Morgen waren sie aus der Uferböschung am Evros gekrochen. Schlepper organisierten das Boot. Türkische Sicherheitskräfte hätten sie keine gesehen. Beide wollen nach Deutschland, wie sie sagen.

Auf einer Länge von fast 200 Kilometern bildet der Evros über weite Strecken die natürliche Grenze zwischen Griechenland und der Türkei. Nur nahe der westtürkischen Stadt Edirne verläuft die Grenze durch trockenes Land. 2012 hat Griechenland an dem zwölf Kilometer langen Abschnitt einen Stacheldrahtzaun errichtet. Die Flussgrenze ist weitaus schwieriger zu kontrollieren.

Zahl der Flüchtlinge im April in die Höhe geschnellt
Im April war die Zahl der Flüchtlinge überraschend gestiegen. Die Dunkelziffer ist nicht abzuschätzen. Nicht selten halten die Schlepper ihre „Kunden“ dort wie Geiseln fest, damit ihre Angehörigen Geld schicken. Auch in Lkw und in Minibussen entdeckt die Polizei Flüchtlinge. Wer im Evros-Gebiet von der Polizei aufgegriffen wird, kommt in das nahe gelegene Erstaufnahmelager Fylakio. In dem geschlossenen Camp erfolgt die Registrierung der Flüchtlinge.

„Türken drücken Augen zu, Griechen halten die Hand auf
Danach werden den Asylwerbern offene Lager zugewiesen. Die meisten setzen dann ihre Reise in die Mitte Europas fort. Im April war das auf 250 Bewohner angelegte Lager Fylakio heillos überfüllt. Ioannis Kiourtidis, ein Dorfbewohner, wundert sich nicht darüber, dass Flüchtlinge immer wieder berichten, auf der türkischen Seite von den Sicherheitskräften unbehelligt geblieben zu sein. „Die türkischen Grenzer drücken die Augen zu, und die griechischen Grenzer halten die Hand auf.“

In griechischen Regierungskreisen verweist man wiederum darauf, dass das EU-Türkei-Flüchtlingsabkommen aus dem Jahr 2015 nur die griechischen Inseln, nicht aber die Evros-Grenze beinhaltet. Die Türkei habe wenig Motivation, Flüchtlinge von dieser Grenze auf ähnliche Weise fernzuhalten wie man das an der Ägäisküste tut, mutmaßt man in Athen. Was auch immer dran sein mag: Funktioniert einmal eine Fluchtroute wie die über den Evros, dann lässt sie sich ausbauen. Sollten sich etwa die Konflikte in Nahost verschärfen, könnte sich der Weg über den Evros bald zu einem Hauptwanderungsweg entwickeln.

Kronen Zeitung

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