Mo, 18. Juni 2018

Nach DNA-Analyse

22.02.2018 20:01

Geschichte der Pferde muss neu geschrieben werden

Bisher ging man davon aus, dass alle heute lebenden Pferde von den vor rund 5500 Jahren in der zentralasiatischen Steppe gehaltenen Pferden der Botai-Kultur abstammen - mit Ausnahme der "Przewalski" genannten letzten lebenden Wildpferderasse. Im Fachjournal "Science" veröffentlichte Genom-Analysen einer Forschungsgruppe mit österreichischer Beteiligung zeigen nun aber, dass die Botai-Pferde vielmehr die Vorfahren der Przewalski-Pferde sind.

Nach heutigem Wissensstand war die Botai-Kultur die erste, die Pferde als Reit- und Tragtiere sowie als Nahrungslieferanten nutzten. Das zeigen archäologische Funde aus dem heutigen Kasachstan. Aufgrund dieser früh belegten engen Mensch-Tier-Beziehung und der Tatsache, dass in den Steppen Zentralasiens damals Wildpferde anzutreffen waren, ging die Wissenschaft bisher davon aus, dass es sich bei den damals domestizierten Pferden um die Vorfahren der modernen Pferde handelt. Darüber hinaus nahm man an, dass die Przewalski-Pferde die letzten Vertreter jener Wildpferde sind, aus denen die Menschen der Botai-Kultur einst ihre ersten Pferde rekrutierten.

Ein Forschungsteam um Ludovic Orlando von der Universität Toulouse in Frankreich und Alan Outram von der Universität Exeter in Großbritannien hat sich nun mittels DNA-Analysen daran gemacht, diese Annahme zu überprüfen. Aufgrund der intensiven Zucht in den vergangenen Jahrtausenden lässt sich aus dem Genom heutiger Pferde aber kaum mehr auf ihren Ursprung rückschließen. In früheren Untersuchungen haben die Wissenschaftler bereits gezeigt, wie stark unterschiedlich das Erbgut von Tieren, die vor rund 2000 Jahren gelebt haben, von den heutigen Pferden ist.

Daher widmete sich das Team, dem auch Barbara Wallner und Gottfried Brem vom Institut für Tierzucht und Genetik der Veterinärmedizinischen Universität (Vetmed) Wien angehörten, den rund 5500 Jahre alten Überresten der Botai-Pferde. Die Wiener Wissenschaftler haben im Zuge der Studie die Vererbung des männlichen Geschlechtschromosoms (Y-Chromosom) analysiert. Für sie war dies der "erste Ausflug in die Welt der archaischen Daten", wie Wallner der APA erklärte.

Annahmen zum Pferde-Stammbaum nicht haltbar"
Dabei wurde klar, dass die bisherigen Annahmen zum Pferde-Stammbaum nicht haltbar sind. Denn die Botai-Pferde entpuppten sich keineswegs als die Vorfahren der heutigen Pferde, sondern als die Urahnen einer anderen Gruppe von Pferden, die vor rund 5000 Jahren in dieser Gegend lebten. Außerdem zeigte sich zur weiteren Überraschung der Wissenschaftler, dass auch die vermeintlichen "Urwildpferde" - die Przewalski-Pferde - eigentlich Abkömmlinge der einst domestizierten Botai-Pferde sind. Das zeigte sich auch in den Ergebnissen der väterlichen Vererbungslinien, die "sich mit den Beobachtungen des restlichen Genoms decken", so Wallner.

Die Przewalski-Pferde, die 1969 in freier Wildbahn als ausgestorben galten und deren Wiederansiedlung in der Wüste Gobi Vetmed-Forscher seit 20 Jahren wissenschaftlich begleiten, dürften also "wilde Abkömmlinge der ersten domestizierten Pferde sein. "Das stellt natürlich ihre bisherige Bezeichnung als die letzten lebenden Wildpferde in Frage", so Orlando. Die "Degradierung" vom letzten Wildpferd zum nächsten Verwandten der ersten domestizierten Pferde sollte laut dem Forscher jedoch keine Auswirkungen auf den Schutz der Tiere haben.

Suche nach dem Ursprung der heutigen Pferde geht weiter
Die neuen Erkenntnisse machen auch klar, dass es für die Suche nach dem Ursprung der heutigen Pferde neue Ansatzpunkte braucht. Aufgrund von Analysen von Erbgutmustern gehen die Forscher davon aus, dass es im Zeitraum zwischen 5000 und 4100 Jahren zu einer Ausweitung der Pferdepopulation gekommen sein dürfte. Es scheint als ob damals Menschen auf einen neuen, womöglich besser geeigneten Pferdetyp stießen und diesen dann weiter züchteten. Als Ort, an dem dieser wichtige Schritt vonstattenging, kommen laut Orlando neben dem Westteil der eurasischen Steppe am ehesten das heutige Ungarn oder Rumänien infrage.

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